Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

3.07.2019

Naturtheater in Balkonien

Vom Spatzen und anderem Federvieh.

Spatzenmännchen. Foto: Arnould Paul

Wie alle Lebewesen, sind auch die Vögel ständig auf der Suche nach Nahrungsquellen. Im Verlauf von Jahrmillionen haben sich durch Anpassungen an die Besonderheiten der verschiedenen Lebensräume wahre Spezialisten herausgebildet. Und zwar nicht nur im Körperbau, sondern auch im Verhalten. Denken wir etwa an den stillen Graureiher am Wilmersdorfer Fennsee, der langbeinig an seichten Uferzonen steht und geduldig auf „seinen“ Fisch wartet, den er dann mit einem einzigen Stoß seines Speer-Schnabels packt. Und denken wir im Gegensatz dazu an die wendigen Schwalben  mit ihren Sichel-Flügeln, die himmelhoch jauchzend mit geöffnetem Schaufel-Schnabel in den Auftriebswinden ihre sonnengewärmte Insektenbeute fangen, ohne auch nur einen Augenblick mit Stillstand zu vergeuden und sogar die Begattung im Fluge erledigen, weswegen sie auch statt der Beine nur noch kurze Krallenfüße haben.

Die Schwalben sind allerdings dieses Jahr von meiner Friedenauer Wohnung aus in weitaus geringerer Zahl zu erleben als noch in den vergangenen Jahren, als sie in kreischenden Verfolgungsjagden auf der Höhe meines Balkons die Ahornbäume im Blockinnenbereich zu umkurven pflegten, um sich sodann um das Quergebäude herum wieder in die Höhe zu schrauben, und von dort herab die gleiche Tiefflugrunde zu wiederholen: Fangen spielen der Schwalben-Kinder, bei Berliner Menschen-Kindern als „Einkriege-Zeck“ bekannt. Das diesjährige Schwalben-Schweigen deutet darauf hin, dass für sie das Nahrungsangebot nur noch für einen kleineren Bestand auskömmlich ist. Das mehrfach dokumentierte Insektensterben macht also an-scheinend auch vor dem grünen Friedenau nicht mehr halt.

Da sind die nicht so spezialisierten Vogelarten besser dran. Wer etwa neben Insekten auch Samenkörner nicht verschmäht, hat schon mal zwei unterschiedliche Nahrungsquellen zur Verfügung. Und ein ausgemachter Schlauberger dieser Art ist der Spatz, der ein wahrer Anpassungskünstler ist. Er ist im Laufe der Menschheitsgeschichte vom Felde aus zugezogen, was noch an seinem erdfarbenen Federkleid zu erkennen ist, weswegen die Fachleute je nach dem Grad der Anpassung zwischen Feld- und Haussperling unterscheiden. Bis zur Erfindung des Automobils war ihm das Pferd als allgegenwärtiges Zugtier der Menschen ein verlässlicher Spurenleger zu menschlichen Siedlungen. Denn die als „Pferdeäpfel“ zu Boden fallenden Hinterlassenschaften mit ihren unverdauten Körnern boten ganzen Scharen von Spatzen Nahrung als „Glücksfall“.

Geschichte einer Freundschaft
Auf der Fährte solcher Glücksspuren gerieten sie folgerichtig vom Getreideacker auf die Bauernhöfe und blieben schließlich sogar dann, als aus den Dörfern Städte wurden und die Pferde nicht mehr Pflüge zogen, sondern Wagen mit Bierfässern, um nur das eine Beispiel zu nennen. Die schlauen Spatzen lernten schließlich selbst in pferdelosen Großstädten auf Hinterlassenschaften zu achten, es seien dies Speisereste von Herstellern, Händlern oder Verbrauchern. Ihre Anpassungsfähigkeit hat sie auch gelehrt, beim Nestbau nicht mehr auf Baumhöhlen angewiesen zu sein. Sie brüten als heutzutage echte Stadtbewohner in geschützten Lücken vom Mauerwerk und sogar in Röhren, die eigentlich für menschliche Zwecke gedacht waren. Bei mir um die Ecke haben sie eine geeignete Stelle im Winkel eines Dachrinnen-Abzweigs gefunden. Von dort aus besuchen sie während der Brutzeit meinen Balkon. Das tun sie aber erst seit ein paar Jahren, nachdem sie herausgefunden haben, dass dort etwas für sie zu holen ist. Und das kam so:

Vor einigen Jahren kam ich auf die Idee, meine drei Blumenkästen nicht mehr nach Blüten-Wunschfarben zu gestalten, sondern als Wiesengrundstück einzurichten. Aus der ausgestreuten Blumenwiesen-Mischung entstand zunächst ein bunter Kräutergarten, der im Lauf der Jahre aber immer mehr von einer einzigen Art dominiert wurde. Und zwar vom Steinklee, der Jahr für Jahr wieder kommt und inzwischen mit einer Höhe von einem halben Meter fast schon die Anmutung einer Hecke hat. Über den fingerlangen und gelb blühenden Rispen auf den Spitzen der Halme liegt eine wahre Wolke von Honig-Duft, und entsprechend zahlreich ist der Besuch aus der Insektenwelt, wozu auch Bienen und Hummeln gehören. Dieses bunte Insektentreiben hat die Spatzen aufmerksam gemacht. Und nachdem sie auch noch das durchgesickerte Gießwasser in der Schale unter der Balkon-Birke schätzen gelernt haben, spazieren sie nun regelmäßig zwischen den Klee-Halmen entlang, wohl in der Hoffnung auf ein Insekt in Reichweite oder gar auf einen anderen Glücksfall der ihnen bekannten Art.
Das hat mich schließlich dazu bewogen, dem Spatzen-Glück etwas nachzuhelfen. Ich hebe nun alle Körner und Krümel für sie auf, die beim Schneiden des Sonnenblumenbrots anfallen, und streue sie ihnen in drei kleinen Häufchen in den Klee-Garten. Und da ich inzwischen gelernt habe, dass die Männchen einen schwarzen Kehl-Bart tragen und ich deswegen die Geschlechter unterscheiden kann, sind mir nun durch die häufigen Besuche auch viele Einzelheiten des artspezifischen Verhaltens bekannt geworden, wovon hier aber nicht weiter die Rede sein soll. Es sind immer nur kleine Portionen, die ich ihnen als Zubrot zu ihren eigenen Bemühungen gebe. Doch haben sie den Zusammenhang mit mir als dem Glücksbringer aus dem Hinter-zimmer ihres Balkons längst erkannt. Wenn im Sommer die gesamte Insektenbeute an den Nachwuchs verfüttert wird und die Eltern entsprechend hungrig sind, kommen sie auch schon mal durch die geöffnete Balkontür ins Zimmer geflogen, wenn der Nachschub nach ihrer Ansicht zu lange stockt. Oder bei geschlossener Balkontür rufen sie, was von beten bis schimpfen reichen kann. Aber sie kommen immer wieder. Im letzten Jahr kam eine Mutter mit dem Nachwuchs zur Lehrstunde. Sie nahm ein Korn, rückte dann zur Seite, und beobachtete nun nur noch vom Rande den Lernerfolg der Kleinen. Möge es so bleiben.

Ottmar Fischer

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