Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.03.2021

Nahezu total durchgeimpft

Von Sigrid Wiegand. Wer alt genug ist und das Glück hatte, zur Impfung eingeladen zu werden, muss sich auf etwas gefasst machen. Ging schon mit dem Taxifahrer los, der mich freundlicherweise abholte.

Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

„Ick dachte schon, Sie komm' nich mehr“ raunzt er mich freundlich berlinerisch an. „Alte Frau is keen D-Zug“ gebe ich zurück. Ick kann dit ooch. „Ick wohne 4. Stock ohne Fahrstuhl“ und schwenke meinen Krückstock. „Na da sindse ja noch janz schön kregel“ stellt er fest, „dürfense denn übahaupt schon zum Impfen?“ Würdevoll teile ich ihm mit, dass ich neunzig bin. Ab und zu mache ich mir den Spaß, mein Alter zu nennen, nur um das ungläubige Staunen auf dem Gesicht meines Gegen-über zu sehen, das meist echt ist, seltener eine Schmeichelei. Tut gut. Etwas muss man ja von seinem Greisinnenalter haben ... Der Erfolg bleibt nicht aus: „Nee, kann nich sein“ staunt er echt. „Wie  machense 'n dit“, und wie immer verweise ich hier auf die Gene. “Schon meine Mutter ...“

So fing das an. Die Schlange der Taxis an den Messehallen hält sich in Grenzen, „Ham wa Jlück heute, wat meinse, wat manchmal hier los is“! Nachdem wir uns verabredet haben, dass er mich zur Zweitimpfung wieder abholen kommt, dränge ich mich durch Rollstühle und Rollatoren hindurch in die Eingangshalle. Dort will man meine Einladung sehen, die ich mir ausgedruckt habe, und noch eine zweite, die ich nicht habe. „Müssen Sie aber, die hat jeder bekommen“ belehrt man mich. „Nun, ich aber nicht“. Das hört man nicht gern. Man hält mir kurz ein Fieberthermometer an den Hals und schickt mich in den großen Gang, wo an einem Tisch ein Mann für „Problemfälle“ sitzt. Der notiert sich das und stellt mir eine Bescheinigung darüber aus, dass er sich diese Anomalie notiert hat. Bitte beim nächsten Mal mitbringen. Was für ein bürokratischer Aufwand!

Der Problemfall stöckelt den Gang entlang und wird alle drei Meter von einem freundlichen jungen Mädchen weiter in Richtung eines nicht zu übersehenden breiten Eingangs ins gelobte Impfland  zum nächsten Mädchen gewiesen und dabei fürsorglich wie  ein kleines Kind am Arm gepackt und mit betuttelndem Ton zum nächsten Mädchen gewiesen. Es macht den Eindruck, als seien sie nicht an den Umgang mit alten Menschen gewöhnt und hielten uns für nicht mehr ganz klar im Kopf. Wer hier dement ist, wird doch sowieso von einer Pflegerin begleitet! Schließlich werde ich in eine kleine Kabine gestopft, wo mir ein junger Mann meine Garderobe abnimmt. Gleich darauf stürmt ein junger Arzt herein, nett und fröhlich, offensichtlich froh, etwas zu tun zu kriegen, stellt sich vor und zückt eine Spritze. „Keine Angst, junge Frau“. Ich habe keine Angst vor Spritzen und halte ihm gelassen meinen Arm entgegen. „Mutig, mutig“. Als er hört, dass ich Probleme mit Narkosen habe, verordnet er mir eine halbe Ruhestunde statt der Viertelstunde wie den anderen und übergibt mich einem - ja, jungen Mädchen, die mich hinausgeleitet. Ich hoffe auf eine Liege in einem Ruheraum, aber ich komme in einen Riesenraum, der wie ein Hangar wirkt, und man setzt mich auf einen harten Stuhl wie alle anderen auch, nur muss ich länger sitzen bleiben. Sehr erholsam ist das nicht. Ob ich etwas trinken möchte, werde ich gefragt. Aber gern. In den Pappbechern, die allen gereicht werden, ist leider statt des erhofften Kaffees nur Wasser. Ich gehe einfach, es ist höchstens eine Viertelstunde vorbei. Niemand hält mich auf.

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