Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

29.03.2021

Nachtschatten

Von Maria Schinnen. Fledermäuse waren Menschen schon immer unheimlich. Die Corona-Pandemie hat ihr negatives Image noch verstärkt.

Fledermauskästen im Südgelände. Foto: NABU

Foto: Thomas Thieme

Berlin, Anfang August. Auf einen heißen Tag folgte eine tropische Nacht. Schweißgebadet liegt meine Freundin Sigrid im Bett, alle Fenster der Wohnung weit geöffnet. Sie hofft auf ein bisschen Durchzug. Plötzlich spürt sie einen kurzen, ganz leichten Lufthauch. Irgendetwas ist an ihrem Kopf vorbeigehuscht, dann wieder und wieder. Irritiert schlägt sie die Augen auf und entdeckt im Lichtschein einer Straßenlaterne den Schatten einer großen Motte. Sie schaltet das Licht an und bekommt Panik. Das ist gar keine Motte, das ist eine Fledermaus, die sich offensichtlich verirrt hat und nun aufgeregt an der Zimmerdecke kreist. Aufgeregt verfolgt Sigrid das Tier. Dann löscht sie das Licht und verlässt das Zimmer. Schlafen kann sie nun sowieso nicht mehr. Was tun?

Vor allem ruhig bleiben, rät der Fledermausexperte Carsten Kallasch. Die Tiere tun nichts. Sie trinken auch kein menschliches Blut, wie es die Dracula-Filme suggerieren. Wenn sie beißen, dann nur aus Angst. Deshalb nicht anfassen! Das Beste ist, alle Fenster öffnen, Licht löschen, in einem anderen Raum abwarten. Nach einer Weile sind sie meist verschwunden. Am besten sollten die Fenster in den darauf folgenden Nächten geschlossen bleiben, sonst kommen sie zurück. Sigrid hat also alles richtig gemacht.

Doch fragt man sich, wieso Fledermäuse sich überhaupt in Wohnungsräume verirren. Schließlich haben sie durch ihre Ultraschallrufe ein hervorragendes Orientierungs- und Ortungssystem. Die Gründe kennt man nicht genau: Es können neugierige Jungtiere sein, die sich tatsächlich verflogen haben, oder aber erfahrene Tiere, die sich Zimmernischen suchen und hier probeschlafen wollen, um den Ort auf Eignung als Winterquartier zu prüfen.

Fledermäuse waren Menschen schon immer unheimlich. Die Corona-Pandemie hat ihr negatives Image noch verstärkt. Angeblich soll der Vorfahr von Sars-CoV-2 ursprünglich bei ihnen vorkommen und über einen Zwischenwirt auf den Menschen übergesprungen sein. Es ist zwar bekannt, dass Fledermäuse eine Vielzahl von Viren in sich tragen, vor denen sie selbst, aufgrund ihres ausgefeilten Immunsystems, geschützt sind. Wird man aber gebissen, können sie Viren auf den Menschen übertragen, z.B. die Tollwut, nicht aber das Corona-Virus, das einen Zwischenwirt benötigt.

Auf jeden Fall sind Fledermäuse nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt, da ihre Bestände seit den 1950er Jahren dramatisch eingebrochen sind. Grund: Die Insekten, die ihre Lebensgrundlage sind, schwinden von Jahr zu Jahr. Außerdem finden sie immer weniger Lebensräume. Zunehmende Dachausbauten und Wärmedämmungen der Häuser, die auch  kleinste Spalten abriegeln, machen es den Tieren immer schwerer, geeignete Quartiere zu finden.

Dabei sind die Tiere sehr nützlich. Nicht nur in den Tropen und Subtropen, wo sie die Samen zahlreicher Pflanzen verbreiten und unzählige Blüten bestäuben; auch in unseren Breiten leisten sie wertvolle Dienste und vertilgen Millionen von Stechmücken und andere Schädlinge. Auch in Berlin hat ihr Schutz eine lange Tradition. Schon vor über dreißig Jahren gab es eines der ersten Artenhilfsprogramme für Fledermäuse. 18 von 25 in Deutschland vorkommende Fledermausarten wurden in Berlin gefunden. Daher gilt Berlin als europäische Fledermaushauptstadt. Sie finden hier gute Lebensbedingungen in den Mauernischen noch nicht sanierter Altbauten. Die Berliner Parks, Wiesen und Gewässer bieten ihnen Nahrung. In alten Kellern und Bunkeranlagen finden sie Überwinterungsmöglichkeiten. Die Spandauer Zitadelle ist mit mehr als 10.000 Tieren eines der bedeutendsten Winterquartiere Europas.

Auch in Schöneberg leben viele Fledermäuse. Bisher hat man vier Arten gefunden: Breitflügelfledermaus, Zwergfledermaus, Wasserfledermaus und Großer Abendsegler. Winter- und Sommerquartiere konnte man an Altbauten des Bezirks und hinter Fassadenverkleidungen finden. Ihre Jagdgebiete sind vor allem größere zusammenhängende Grünflächen wie das Schöneberger Südgelände, die Kleingartenkolonie am Priesterweg, der Volkspark Schöneberg, die Friedhöfe, aber auch die begrünten Hinterhöfe und Baumalleen. Gerade der Naturpark im Schöneberger Südgelände eignet sich mit seinen Langgraswiesen und den vielen dort lebenden Insekten ganz hervorragend für Fledermäuse.

Im Herbst 2019 startete Regina Hul, Mitglied der NABU-Bezirksgruppe Steglitz, hier ein Fledermausprojekt. In Abstimmung mit der Obersten Naturschutzbehörde und gemeinsam mit der Stiftung Naturschutz sowie der Bioladengruppe Denn´s wurden fünf Fledermauskästen gekauft und an Bäumen im Südgelände angebracht. Die Gelder stammten aus Spenden der Firma Denn´s. Sie hatte auf Informationsplakaten in ihren Läden auf die Situation der Fledermäuse hingewiesen und die Kunden gebeten, sich die Pfandbons zurückgebrachter Flaschen nicht auszahlen zu lassen, sondern zu spenden. Mit Erfolg! Es konnten viele Fledermauskästen angeschafft und an Interessent*innen wie Frau Hul verteilt werden. Bis die Kästen angenommen werden, kann es jedoch noch eine Zeit dauern. Im Vorfeld der Aktion hat die NABU-Bezirksgruppe Steglitz-Zehlendorf versucht, die Fledermausarten im Naturpark zu identifizieren. Dies geschieht mithilfe eines Ultraschallgerätes, dem Bat-Detektor, der die Rufe der Fledermäuse aufnimmt und die verschiedenen Frequenzen unterscheiden kann. Diese lassen sich den Fledermausarten zuordnen. Bisher konnten vor allem Zwergfledermäuse identifiziert werden. Die angebrachten Kästen eignen sich nur als Sommerquartiere, da sie nicht frostsicher sind. Deshalb müssen die Tiere im Winter in Keller oder Bunker, z. B. in den Fichtenbergbunker in Steglitz, umziehen. Hier verbringen sie den Winterschlaf.

Ab Herbst und auch während des Winterschlafs werden die Weibchen begattet, manchmal von mehreren Männchen nacheinander. Der Samen verbleibt als Reservoir im Körper des Weibchens. Erst im Frühjahr findet die Befruchtung des Eis statt. Dann fängt der Fötus an, in der Gebärmutter zu wachsen und benötigt - je nach Fledermausart - etwa 40 bis 70 Tage bis zur Geburt. Ab April / Mai suchen die Männchen wieder ihre Sommerquartiere auf, die trächtigen Weibchen aber geeignete „Wochenstubenquartiere“, wo sie gemeinsam ihre Jungen gebären und säugen. Frau Hul hofft, dass auch die Kästen im Naturpark als „Wochenstuben“ angenommen werden. Die Größe der Kästen würden Platz für 20-50 Weibchen und ihre Jungtiere bieten. Die kleinen Fledermäuse hängen wie Trauben aneinander und wärmen sich gegenseitig, während die Weibchen in der Nacht auf Nahrungssuche sind. Wenn sie zurückkehren, säugt jede Fledermaus ihr eigenes Junges, das sie an „Stimmfühlungslauten“ und am Geruch wiedererkennt. Nach 5-6 Wochen werden die Jungen schon entwöhnt und ab August von ihren Müttern verlassen. Dann müssen sie allein auf Nahrungssuche gehen und im Herbst die Winterquartiere aufsuchen.

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