Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

22.12.2019

Nachruf

Wir haben die traurige Pflicht, unsere Leserschaft davon in Kenntnis zu setzen, dass unser langjähriger Kollege Hartmut Ulrich nach kurzer Krankheit für immer die Augen geschlossen hat.

Hartmut Ulrich bei seiner Arbeit im Archiv Tempelhof-Schöneberg. Foto: Dieter Hoppe

Seit den Anfängen der Stadtteilzeitung hat sein freundliches Wesen ihren Werdegang begleitet. Und er blieb ihr durch all die Jahre ein treuer Impulsgeber und aktiver Mitgestalter. Beispielgebend fand er fotografische und textliche Mittel, um den Besonderheiten des Stadtteillebens nachzuspüren. Und ihm ist es zu verdanken, dass bei der Wahl von Formen und Inhalten auch die lustige Seite des Lebens nicht zu kurz kam. So entdeckte er gern versteckte Sonderbarkeiten im Stadtbild und hielt sie mit der Kamera fest. Und nachdem er sich schließlich daran sattgesehen hatte, nahm er den Weg ins Stadtarchiv, um die steingewordene Stadtgeschichte mithilfe der überlieferten Äußerungen ihrer früheren Bewohner in einer dauerhaft gewordenen Serie zu verlebendigen.

Dieses liebevolle Aufspießen vergangener Aufgeregtheiten nahm sich auch gern die Kaisereiche vor. Noch im vergangenen Jahr gab ihm Ulli Zelle für eine Sendung im RBB über Friedenau Gelegenheit, als „Heimatforscher“ - denn so stellte er ihn darin vor – mit schmunzelndem Unterton davon zu erzählen, dass vor Ort die Gerüchte darüber nicht verstummen wollten, dass es einst die bösen Buben von der Sozialdemokratie gewesen seien, die den zu Ehren des Reichsgründungs-Kaisers gepflanzten Baum durch heimliches Ansägen derart zu Schaden brachten, dass die Fällung unvermeidlich und eine Ersatzpflanzung nötig wurde.

Aber auch die Redaktionssitzungen selbst waren nicht immer sicher vor seinem Sinn für Überraschungs-Momente. So konnte es stets sein, dass ihm etwa einfiel, ein aufziehbares Kinderspielzeug blinkend und jaulend über den Redaktionstisch fahren zu lassen, es mochte ein Anlass gegeben sein oder auch nicht. Oder er erschien bereits zur Sitzungseröffnung mit einem karnevalistischen Kopfputz versehen. Doch hat er uns aus Anlass unseres diesjährigen Sommertreffs im Garten der „Ziegenweide“ am S-Bahnhof Priesterweg auch einen Hinweis gegeben, dass es für diesen ausgeprägten Sinn für Schabernack ein Urbild geben könnte.

So hat er uns erzählt, dass es für ihn als Schuljunge immer ein unvergleichliches Erlebnis gewesen sei, wenn er in den Schulferien beim uckermärkischen Großvater auf dessen Binnenschiff habe mitfahren dürfen. Und unvergesslich sei ihm der für einen elfjährigen Knaben ehrenvolle Auftrag gewesen, den meterlangen Schornstein vor der Unterfahrung der niedrigen Stadtbrücken mithilfe eines Seilzuges zuerst zu kippen, und danach wieder aufzurichten. Beim ersten Mal habe der Großvater freilich „vergessen“, ihm vor dem Klappen des Schornsteins die Betätigung eines Schiebers anzuweisen, wodurch der Austritt des rußigen Qualms an der selbstgeschaffenen Lücke zu unterbinden ist. Diese seitens des Großvaters mit Gelächter quittierte Überraschungs-Wolke ist ihm womöglich derart eindrücklich im Gedächtnis geblieben, dass sie in ihm eine dauerhafte Lust auf die Konstruktion von eigenen Überraschungs-Wolken geweckt hat.

In der unmittelbaren Nachbarschaft des elterlichen Fischhandels in Prenzlauer Berg wurde dagegen seine lebenslange Liebe zur Musik geweckt. Denn dort befand sich eine Drehorgel-Manufaktur. Hier lernte er nicht nur den Zauber des Zusammenklangs von Tönen kennen, sondern auch die Anfertigung der Zauber-Instrumente zu ihrer Erzeugung. Die Liebe zur Drehorgel hat ihn sein Leben lang nicht verlassen. Zum jährlichen Drehorgel-Fest ihrer Liebhaber hat er nicht nur uns und unsere Leserschaft jedes Mal herzlich eingeladen. Er selbst nahm ausnahmslos daran teil, und er versäumte niemals, uns auf der ersten Redaktions-Sitzung nach dem ereignisreichen Aufeinandertreffen der verschiedenen Instrumente seine schönsten Fotos davon zu präsentieren.

Doch interessierte ihn auch der Klang anderer Instrumente. Er selbst spielte Klavier und hatte auch sonst zuhause ein umfangreiches Angebot zur Auswahl. Neben Tasten-Instrumenten gehörte sogar die Posaune dazu. Doch liebte er vor allem den Klang der Querflöte, die er gern im Flöten-Duett oder im Trio in Begleitung der Violine zu Gehör brachte, was mitunter auch der Redaktion zum Erlebnis wurde. Er verschmähte aber auch profane Intonations-Möglichkeiten nicht. So konnte ihn etwa die dröhnende Vuvuzela, die orgelnde Maultrommel, oder die vogelstimmige Zungenpfeife immer mal wieder zu schalkhaften Auftritten verführen. Und noch im Krankenhaus erheiterte er sich und seine Umgebung mit der Erforschung der Klangmöglichkeiten von Schnabeltassen, indem er drei von ihnen durch die exakt bestimmten Unterschiede in der Wasser-Füllmenge zu einem Dur-Dreiklang geleitete.

Ein spätes Glück eröffnete sich ihm durch die Bekanntschaft mit dem Kunstmaler Matthias Koeppel. In dessen Werken im Performance-Stil, die gern die Doppelbödigkeit der Menschenwelt in Szene setzen, erkannte er Geist von seinem eigenen Geist. Und eine ganz besondere Freude wurde ihm dabei die Bekanntschaft mit dessen Starckdeutsch-Erfindung, die in Gedichten unsere gewohnte Umgangssprache durch Wort-Verformungen von ihrer Eindeutigkeit befreit und sie wieder der Rätselhaftigkeit der Welt zuführt. Ein großes Vergnügen wurde ihm daher die Ankündigung in der diesjährigen April-Nummer unserer Zeitung, dass fortan die gesamte Zeitung in Starckdeutsch erscheinen werde. Und es ist ziemlich sicher, dass es ihm nur hab soviel Freude bereitet hat, in der nächsten Ausgabe eingestehen zu müssen, dass es sich bei dieser Ankündigung um einen April-Scherz gehandelt habe. Doch als Abschiedsgeschenk zu diesem Ulk setzte er an den Schluss des Artikels das bekannte Kinderlied „Maikäfer flieg“ in der starckdeutschen Umwandlung „Muikaiffur pfleigg“, und versäumte nicht, auch die Original-Zeichnung dazu aus dem Gedichtband hinzuzusetzen. Seine schmunzelnde Anmerkung in der Redaktion dazu lautete, dass der wirkliche Maikäfer nicht wie abgebildet sechs, sondern acht Beine habe.

Dieser Unterschied der Zählweise zwischen Kunst und Wissenschaft hat übrigens keineswegs die wechselseitige Zuneigung der beiden Geistesverwandten beeinträchtigen können. Im Gegenteil. Auch der Künstler erlernte schließlich unter der fürsorglichen Anleitung des Musikliebhabers das Spielen der Zungenpfeife. Und ihr Zusammenspiel geriet ihnen am Ende zu einem derartigen Kunstgenuss der vergnüglichen Art, dass sie den Bühnenauftritt auf einem bevorstehenden Künstlerfest im Cafe am Steinplatz verabredeten. Der aber konnte wegen der unvorhergesehenen Erkrankung unseres Humoristen nun doch nicht mehr stattfinden.

Sein letzter Artikel für die Stadtteilzeitung widmet sich dem Distelfink, im Volksmund auch als Stieglitz bekannt. Er beginnt mit der altchristlichen Legende, dass der Schöpfer bei der Farbvergabe für die Vogelschar den bescheiden in der hintersten Reihe wartenden Stieglitz zunächst übersah, weswegen alle Farbtöpfe bereits leer waren, als er endlich an die Reihe kam. Doch wurde er dann doch noch belohnt, indem er mithilfe der Reste aus allen Farbtöpfen zum wohl buntesten Vogel unter den heimischen Arten wurde. Und der Artikel endet mit dem Verweis auf seinen Gesang. Der sei so unvergleichlich vielfältig wie das Farbenkleid der Federn. Nur eine Blockflöten-Anstrengung in den höchsten Registern könne ihm nachkommen.

In dieser Beschreibung können wir alle den Vogelfreund nun auch als einen Zeichner seiner selbst entdecken. In seiner Jugend musste er die DDR verlassen, weil die dortigen Staats-Schöpfer ihn als nicht aus der Arbeiterklasse stammend von der Farbvergabe für das berufsmäßige Federnkleid ausschlossen. Er sollte trotz seiner Begabungen mit Hilfsarbeiten vorlieb nehmen. So wurde ihm West-Berlin zum Zufluchtsort und die Freiheitsglocke im Turm des Schöneberger Rathauses mit ihrem tief mahnenden Ton zur immer wieder aufgesuchten Stätte des Erinnerns. Erst hier, im freiheitlichen Teil der Stadt, konnte er sich über die Ausbildung zum Biologen, und zum Ausbilder von künftigen Biologie-Lehrern, jenes Federkleid anpassen lassen, das ihm im anderen Teil der Stadt verwehrt worden war.

Nun wird mit uns auch die Leserschaft unserer Stadtteilzeitung seinen unverwechselbaren Gesang entbehren müssen, denn wir alle müssen uns am Ende der größeren Kraft der Natur beugen. Es ist jene Natur, deren Sein er ergründen wollte, und deren Schönheit er besungen hat. Nachdem er seine treue Lebensgefährtin Maria dafür gewinnen konnte, statt seiner die historische Spurensuche im Stadtarchiv weiterzuführen, hatte er sich zuletzt wieder verstärkt dieser seiner Liebe zur Natur zugewandt. Die Artikel zu den Feldlerchen und den Skudden-Schafen auf dem Tempelhofer Feld hatten ihm Freude bereitet, und so wollte er auch fortfahren, doch schon der Distelfink wurde nun zu seinem Schlussgesang.

Aber wenn wir schon den Verlust unseres Sangesbruders hinnehmen müssen, so können wir doch etwas tun für den von ihm zuletzt Besungenen und damit für das von ihm selbst gewählte Abbild seiner selbst. Die Redaktion hat beschlossen, an ihrem Sitz im Nachbarschaftsheim in der Holsteinischen Straße, an der Hecke im Vorgarten, ein Blumenbeet anzulegen, in dem die Distel einen bevorzugten Platz einnehmen soll, ganz so wie es der Liebhaber des Distelfinken in seinem letzten Artikel empfohlen hat. So erhalten wir dann mit dem Besuch des einen Sängers auch den des anderen.

Ottmar Fischer

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