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25.06.2013 / Gewerbe im Kiez

Mord und Totschlag im Naturpark Südgelände

Blut trieft aus abgeschlagenen Köpfen. An Hälsen leuchten rote Streifen, weil Kehlen einfach durchgeschnitten wurden. Und dann befinden sich erschreckenderweise noch jede Menge Waffen in Händen von Menschen, die bereit sind, über Leichen zu gehen. Im Schöneberger Südgelände kann man im Sommer ein schottisches Ehepaar namens Macbeth dabei beobachten, wie es skrupellos die Herrschaft an sich reißt und dafür jede Menge Blut vergießt.
Foto: Shakespeare Company Berlin e.V.

Macbeth, Than von Cawdor, ist ein hoch dekorierter Kriegsheld, der geholfen hat, einen Aufstand gegen Schottlands König Duncan niederzuschlagen. Da ihm danach prophezeit wird, er würde König von Schottland werden, teilt er diese aufregende Neuigkeit sofort seiner Frau mit. Per Brief. Wie es ein treuer Ehemann eben so macht. Nun wird die ganze Tragödie für einen Moment sehr menschlich, denn nachvollziehbar ist es schon, dass die Ehefrau ins Nachdenken kommt: Ist ihr Mann nicht immer viel zu zögerlich? Soll sie ihn nicht ein wenig in die richtige Richtung lenken? Wie heißt es so schön? Hinter jedem mächtigen Mann, steht eine Frau ... Oder so ähnlich. Ob das stimmt, sei einmal dahingestellt. Aber in Shakespeares Tragödie „Macbeth“ ist es jedenfalls so. Lady Macbeth ruft dunkle Dämonen zu sich und überredet ihren Mann, König Duncan zu ermorden. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Wer „Macbeth“ kennt, wird sich fragen, wie ein von Shakespeare monumental angelegtes Stück überhaupt mit zwei Schauspielerinnen und vier Schauspielern aufgeführt werden kann. Gibt es im Original doch über 30 Charakter-Rollen und zahllose Lords, Edelleute, Anführer, Krieger, Mörder, Gefolge, Boten und andere Erscheinungen. Wer wiederum schon im letzten Jahr die anderen Stücke wie „Der Sturm“ und „Ein Sommernachtstraum“ gesehen hat, wird wissen, dass die Mitglieder der Shakespeare Company Berlin äußerst einfallsreich sind. Bei der Premiere von „Macbeth“ im Südgelände am 12. Juni, mit dem die diesjährige Saison von „Shakespeare in Grün“ eröffnet wurde, konnten sie ihre Spielfreude erneut unter Beweis stellen. Die Wehmut, dass die drei Hexen fehlen, wird durch die vielen kleinen Details, die mit manchmal subtilem, manchmal derbem Humor das Publikum unterhalten, gelindert. Die Verwunderung, dass die Schlüsselfigur Banquo von einer Frau in hochhackigen Schuhen dargestellt wird, löst sich schnell auf, wenn Benjamin Plath, der Darsteller des Macbeth, mit einer authentisch und rührend dargestellten Mischung aus Verzweiflung und Verwirrung auf der Bühne agiert. Die Szenen, in denen das Ehepaar Macbeth (Elisabeth Milarch als Lady Macbeth) sich verbündet, streitet, entzweit, zusammenrottet gegen alle Welt, wirken unglaublich lebendig. Das Paar mag ja königlich sein, ist aber unter Stress wiederum ein Paar wie im „wirklichen“ Leben. Er zaudert, sie weiß alles besser, er will sich entziehen, sie schreit herum ...

Die Inszenierung des Stücks ist wie alle Stücke der Shakespeare Company Berlin nie vom Publikum entfernt, sondern berührt die Zuschauer und lässt sie mitfiebern, wie dieses Drama wohl ausgehen wird. Wenn nach der Pause langsam die Dämmerung über dem Naturpark und dem Wasserturm heraufzieht, wird noch deutlicher erkennbar, was für ein faszinierender Spielort das Schöneberger Südgelände ist. Auf jedem Sitzplatz ist genug Nähe zur Freilichtbühne da. Der Kontakt zwischen Schauspielern und Publikum ist eng. Die Großstadt ist höchstens noch durch die leisen Fahrgeräusche der immer mal an- und ab-fahrenden S-Bahnzüge wahrnehmbar. Sonst nur Naturgeräusche, Vogelgezwitscher, Insektengebrumm, die das Schauspiel umrahmen. Gegen die abendliche Kälte werden übrigens Decken verteilt, aber es ist sicher auch ratsam, sich selbst noch ein Sitzkissen, Decken oder eine Jacke mitzunehmen. Auch im Hochsommer kann man sich nicht darauf verlassen, dass es abends warm bleiben wird.. Die Lokhalle bietet, falls es doch einmal regnen sollte, Schutz.

Mit „Macbeth“ wagt sich die Shakespeare Company an ein sehr großes und dramatisches Stück. Die Erweiterung des Repertoires ist begrüßenswert. Die Reaktion des Publikums, soweit beobachtbar, war vielleicht ein bisschen zwiespältiger, als sie das bei den bekannten Komödien Shakespeares ist. Die Mischung aus Tragödie und komödiantischen Einlagen ist zunächst ungewohnt. Hier also ein kleiner Tipp: Den ganzen Sommer über bis 21. September werden bei „Shakespeare in Grün“ im Südgelände auch Komödien zu sehen sein wie zum Beispiel „Ein Sommernachtstraum“ oder „Die Zähmung der Widerspenstigen“. Ende Juli wird „Romeo und Julia“ gezeigt. Das Ein-Personen-Stück „Richard III“ hat am 31. Juli Premiere. Sollten Sie also absolut kein Blut (nicht einmal Kunstblut!) sehen können, weichen Sie einfach auf die anderen Stücke der Shakespeare Company aus. Oder sie sehen sich doch lieber gleich alle an. „Macbeth“ ist im September wieder zu sehen. Ein Abend bei „Shakespeare in Grün“ lohnt sich auf jeden Fall!

Isolde Peter


Shakespeare in Grün
www.shakespeare-company.de
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Natur-Park Schöneberger Südgelände
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