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22.12.2019

Mit glühendem Finger

Vor genau hundert Jahren erschien Ende 1919 im Rowohlt-Verlag die inzwischen klassisch gewordene Sammlung expressionistischer Lyrik „Menschheitsdämmerung“, herausgegeben und in einer subjektiven Auswahl zusammengestellt von dem Schöneberger Literaturkritiker Kurt Pinthus.

Die Zeichnung von Ludwig Meidner zeigt Paul Zech.

Er kannte den größten Teil der von ihm ausgewählten Dichter nicht nur persönlich, sondern war und blieb ihnen auch freundschaftlich verbunden. Und das gilt nicht nur für die in der Schöneberger oder Wilmersdorfer Nachbarschaft wohnenden Else Lasker-Schüler, Paul Zech, Gottfried Benn oder Georg Heym, sondern auch für die bis nach Österreich verstreut lebenden Brüder im Geiste.

Denn wie der Herausgeber in seinem Vorwort bekennt, wusste er sich dem Fühlen und Denken jener Dichtung nahe, weil sie Ausdruck des gemeinsamen Lebensgefühls in einer Epoche des erahnten und erlebten Umbruchs war.

Die Rede ist vom expressionistischen Jahrzehnt der Jahre 1910 bis 1920. Im Rückblick des Jahres 1955 schrieb Gottfried Benn über jene Dichter-Zeit seiner Jugend: „Ein Aufschrei mit Eruptionen, Ekstasen, Hass, neuer Menschheitssehnsucht, mit der Zerschleuderung der Sprache zur Zerschleuderung der Welt.“ Und wie sehr dieser Sehnsuchtsstil auch auf den Herausgeber selbst übergreifen konnte, wird in seinen Erläuterungen des beigefügten „Zuvor“ und „Nachklang“ deutlich. Dort ist zu lesen, dass die große Bedeutung dieser Dichtung darin ihren Grund hat, dass sie „mit glühendem Finger, mit weckender Stimme ... die verlorengegangene Bindung der Menschen untereinander ... in der Sphäre des Geistigen wiederschuf.“

Die in den expressionistischen Dichtungen am häufigsten vorkommenden Wörter sind Mensch, Bruder, Welt, Gott. Es geht um den Verlust des Naturerlebens in der Großstadt, die von der Zersplitterung des dörflichen Zusammenlebens durch die neuartige Kraft der Industriegesellschaft geprägt ist. So verschwindet „Landschaft“ nahezu komplett aus dem Erlebnishintergrund und kommt in den Dichtungen nur noch als Metapher vor: Der Wald wird zur Stätte der Toten, die Bäume werden zu gottsuchenden Händen. Diese neue Dichtung muss die aufgezwungene Kruste wieder sprengen. Der Leidensdruck aus dieser Beengung verlangt nach einem Übermaß im Ausdruck und findet seine Entsprechung in der Intensität des Gefühls. Diese Lyrik kann sich daher nicht in der naturalistischen Schilderung beruhigen. Sie will Feindschaft. Sie mutet daher mitunter an wie eine Vorläuferin der nach der Erfindung der elektronischen Tonübertragung aufkommenden Musik von Rock und Punk mit ihren schrillen Tönen.

Herausgeber Pinthus stellt im Ton seiner Dichter fest: „Aus irdischer Qual griffen ihre Hände in den Himmel.“ Und : „Sie posaunten in die Tuben der Liebe, so dass diese Klänge den Himmel erbeben ließen.“ Und er leidet mit ihnen, wenn er feststellt, dass dieses ausgerufene Elend nicht in die Herzen der Menschen dringt, sondern dass im Gegenteil der Lärm der Fabriken und des Krieges alles Menschliche übertönt und unbarmherzig den Gesang von der Menschenliebe überschreit. Die Antwort der gepeinigten Seele muss daher ebenfalls der Schrei sein. Und es ist natürlich kein Zufall, dass in der bildenden Kunst jener Jahre der gleiche Aufschrei erfolgt, mit dem gleichen expressionistischen Zersprengen der alten Formen.

Im Jahre 1959, vierzig Jahre nach dem Erscheinen der „Menschheitsdämmerung“, wurde im Rahmen der Taschenbuchreihe „Rowohlts Klassiker“ eine Neuauflage besorgt. Und wieder war es Kurt Pinthus, der mit der Herausgabe betraut wurde. Er entschied sich glücklicherweise zur unveränderten Neuauflage des Originals, ergänzt um ein weiteres Vorwort. Und auch ergänzt um die mühsam zusammengetragenen Daten zum persönlichen Schicksal der teilweise ganz ins Vergessen geratenen Dichter, sowie um Porträtzeichnungen von der Hand derjenigen Zeitgenossen, die persönlich mit ihnen bekannt waren, so etwa von Ludwig Meidner oder Oskar Kokoschka.

Besonders bemerkenswert ist, dass über all die Jahre der Kontakt zwischen Herausgeber und Verleger nie abgebrochen war und dass beide ihre Verbundenheit mit den Dichtern des expressionistischen Jahrzehnts sowie ihre geteilte Erinnerung an das Erschrecken über die gemeinsam erlittene Zeit niemals vergessen haben. Und das über den Atlantik hinweg. Denn Pinthus war im Schicksalsjahr 1933 in die USA gegangen und dort Literaturprofessor geworden. Und die NS-Diktatur hatte auch die „Menschheitsdämmerung“ auf ihrem Kultur-Scheiterhaufen verbrannt. Weil hier kein Überblick über das breite Spektrum der zwei Dutzend Dichter aus dem Buch gegeben werden kann, muss ein einziges Gedicht für alle stehen und wenigstens einen Hinweis geben, was diesen Dichtern die Qual der Zeit war. Es ist im Gegensatz zu den vielen formbrechenden Gedichten des Bandes in die klassische Form des Sonetts gebannt.

Ottmar Fischer

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