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28.11.2012 / Menschen in Schöneberg

Mit beiden Füßen auf der Erde – Kunst mit Kind

Dem Künstlerberuf ist es eigen, dass man seinen Vertreterinnen und Vertretern ein gerüttelt Maß Lebenskunst unterstellt – will sagen: Glücklich sein auch ohne Geld, schmetterlingsgleich durch die Botanik der schnöden Existenz gaukeln, ohne an das Morgen zu denken, alles im Dienste wahrer Schönheit und hehrer Bedeutung. Karl Valentin dagegen sagte bereits im letzten Jahrhundert: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“.
Agnes Hilpert
Charlotte Baumgart

Agnes Hilpert etwa baute schon zu Beginn ihrer Ausbildung auf Vielfalt. Schauspiel, Tanz und Musik waren die ersten Säulen ihrer Karriere, zu denen sich im Hinblick auf eine Zukunft mit Kind, aber auch wegen der Unwägbarkeit des freien Schaffens später die Logopädie gesellte. Dieser Weitblick zahlt sich heute aus. „Früher habe ich Engagements in ganz Deutschland angenommen, mal für ein paar Jahre, mal für ein längeres Gastspiel – dieses Umziehen und die häufige Reisetätigkeit möchte ich meinem Kind aber nicht zumuten. Da muss man eben Kompromisse eingehen und dennoch einen Weg finden, sich treu zu bleiben.“

Das größte Problem ist wohl, dass Schauspiel üblicherweise am Abend stattfindet. Die Probenzeiten mögen ja noch mit einem bürgerlichen Leben vereinbar sein, doch jeden Abend fort sein? Auch Babysitter wollen entlohnt sein. Wie gut, wenn es die Familie gibt! „Das Quentchen Glück“ nennt es Frau Hilpert, das man im Leben braucht. Ihre Eltern etwa und ihr Bruder, der ebenfalls Kinder hat, entlasten sie bei Bedarf, und alle künstlerischen Verträge handelt sie von vornherein so aus, dass sie Rücksicht auf ihre Tochter nehmen kann. „Manche verschweigen, dass sie Kinder haben; ich denke, damit handelt man sich aber mehr Probleme ein als man vermeidet“, sagt die Schauspielerin. Im Kleinen Theater ist Agnes Hilperts Lebensentwurf willkommen.

Würde man einen Schauspieler fragen, wie er seinen Beruf mit seiner Vaterrolle vereinbart? Nicht nur Agnes Hilpert, auch Charlotte Baumgart schüttelt langsam den Kopf. „Wohl nicht im selben Maße“. Fakt scheint es jedoch zu sein, dass es eher Frauen geschieht, wegen der Familienpflichten nicht mehr in den Schauspielberuf zurückzufinden, als Männern. „Gerade in meiner Branche ist es enorm wichtig, sein Netzwerk nicht zu vernachlässigen und irgendwie präsent zu bleiben“, sagt Frau Baumgart. Sie macht Kinder- und Jugendtheater, das etwas anderen Gesetzmäßigkeiten folgt als das Theater für Erwachsene.

„Ich wollte schon immer in diesem Bereich arbeiten und habe deshalb Kulturwissenschaft und Ästhetische Praxis studiert“. Sie hat also sowohl Schauspielerei gelernt als auch sich im wissenschaftlichen Kontext mit dem Kinder- und Jugendtheater auseinandergesetzt. Noch an der Uni gründete sie mit Kommilitoninnen die Kompanie Kopfstand, die eigene Kinder- und Jugendtheaterstücke schrieb, inszenierte und überall im deutschsprachigen Raum aufführte. Auch Bühnenbild, Ausstattung und Tourenplanung machten die drei selbst. „Und als ich schwanger wurde, dachte ich, naja, dann bekomme ich eben das Kind, und dann geht’s weiter wie gehabt!“ Es wurden aber Zwillinge, und alles änderte sich.

„Wir waren alle total überfordert“, sagt Charlotte Baumgart. „Mein Mann hat dann eine Stelle in Berlin bekommen, so dass wir wieder in der Nähe unserer Eltern waren.“ Gesucht und gefunden: Da ist es wieder, das Quentchen Glück. „Ich habe aber sobald es ging ein Forschungsprojekt weitergeführt, mit dem ich schon vor den Zwillingen begonnen hatte, um den Kontakt zur Szene nicht zu verlieren.“ Der Rückhalt durch ihre Familie und insbesondere ihren Mann war da-bei überaus wichtig. Dieser weiß, dass seine Frau mit Leidenschaft ihren Beruf ausübt – und ebenso leidenschaftlich die Kinder liebt. Um beide Leidenschaften miteinander zu vereinbaren, geht auch Charlotte Baumgart Kompromisse ein und macht am Theater Strahl etwa mehr theaterpädagogische und Regiearbeit; Gastspiele dürfen nur kurz sein und nicht zu weit weg, so sehr sie die Schauspielerei auch liebt. „Der Spagat zwischen Kind und Karriere ist schwierig, aber unvermeidbar. Dieser Beruf gehört zu mir wie mein Kind.“ Darin sind sich die Schauspielerinnen einig.

Wenn aber Absprachen über das Geldverdienen zwischen den Eltern nicht funktionieren, was dann? Agnes Hilpert hat das erlebt. Und so zog sie die Konsequenzen und sorgte anfangs alleinerziehend für das Kind durch mehrere Standbeine wie Theater, Gesangs- und Sprechunterricht, Gesangsgigs und Kindertanz. „Wenn es gar nicht anders ging, habe ich auch morgens von 5 bis 9 in einer Bäckerei gearbeitet.“ Heute funktioniert die abwechselnde Fürsorge für das Kind gut. Es scheint fast einfacher so, getrennt – zumindest technisch und von außen betrachtet.

Was also ist das Wesen eines Künstlers, einer Künstlerin? Im Schauspiel vielleicht dies: Mit ganzer Persönlichkeit und Liebe seiner Leidenschaft nachzugehen, in fremdes Denken und Fühlen hinein und wieder hinauszuschlüpfen, und dabei den Blick auf die Wirklichkeit nicht zu verlieren, damit man sich selbst nicht verliert. Geld ist dabei nicht die erste Priorität. Aber es geht eben nicht ohne, besonders, wenn man noch für jemanden sorgen muss. Andernfalls kann diese Leidenschaft auch zur finanziellen Falle werden. Und diese Erdung, das sagen beide Frauen, wird durch die Kinder viel einfacher. Für die Leidenschaft gibt es immer wieder kleine glückliche Gelegenheiten, sagt Agnes Hilpert, und freut sich auf ihr nächstes Engagement als Sängerin in einer Big Band. Und für ihre Kinder sind die beiden Frauen sowieso die größten Stars.

Agnes Hilpert tritt im Kleinen Theater in Alan Ayckbourns  Kriminalschauspiel „Falsche Schlange“ auf, außerdem in „Frank Sinatra“ und „Schachnovelle“; Charlotte Baumgart spielt in „52,3° Nord“ am Theater Strahl.

Sanna v. Zedlitz

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