Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.08.2020

Mehr Freiraum schaffen!

Von Ottmar Fischer Wege aus der Wohnungsnot - Bauen für Groß-Berlin in Schöneberg. Ausstellung im Schöneberg-Museum.

Ausstellungsraum mit Modell der Lindenhofsiedlung. Foto: Klaus R. Bittl

Die beste Möglichkeit zur Verdeutlichung eines Sachverhalts ist die Kontrastierung des verhandelten Gegenstands mit einem Hintergrund, weswegen es im Marschlied der kaiserzeitlichen Sozialdemokratie auch heißt: „Hell aus dem Dunkel der Wolken, leuchtet die Zukunft hervor!“ Es ist also naheliegend, dass auch die aktuell in drei Räumen des Schöneberg-Museums sich entfaltende Auseinandersetzung mit den Schöneberger Wohnungsbauprojekten der zwanziger Jahre im ersten Raum mit dem „Dunkel“ einsetzt, bevor es im zweiten zu „leuchten“ beginnt, um dann im dritten mit der anbrechenden „Zukunft“ zu enden. Denn die sozialdemokratische Wohnungsbaupolitik im Berlin der notleidenden Jahre nach dem 1. Weltkrieg war in zahlreichen Projekten darauf gerichtet, das Elend in den Wohnquartieren der ärmeren Schichten mindestens zu mildern, am besten jedoch gänzlich aufzuheben.

Gleich zu Beginn des Rundgangs wird dem Besucher der Ausstellung die bedrückende Wohnungslage der ärmeren Schichten anschaulich vor Augen gestellt: Auf zwei großformatigen Fotos erblickt man eine traurig und ernst in die Kamera blickende Familie und gewahrt ihre beengten Verhältnisse, eine Kellerwohnung im Seitenflügel der Frobenstraße 16, bestehend aus einer einfenstrigen Stube von 4,25m Länge und 3m Breite, sowie einer Kammer und einer Küche. Der Begleittext gibt darüber Auskunft, dass die Schwelle zur Kammer aus einem losen Brett besteht, worunter es hohl und feucht ist und wo Pilze wachsen, wie auch in der übrigen Wohnung, die 1,65m unter dem Hofniveau liegt. Im Fußboden befinden sich Löcher von 20-30cm Länge. Und hier schläft die Mutter mit drei Kindern, die 7, 9 und 11 Jahre alt sind, während auf dem Sofa in der Stube die nervenkranke Tochter ruht. Aber trotz der Überbelegung und Enge präsentieren sich alle Familienmitglieder sauber gekleidet, und vor dem Fenster hängt eine adrett geordnete Gardine. Der Betrachter kann nicht umhin, die tapfere Entschlossenheit der Bewohner zum Durchhalten mitzufühlen und  eine bessere Zukunft für sie mitzuwünschen.

Den über die Ausstellung in lockerer Weise verteilten Wandtexten ist zu entnehmen, dass die Ortskrankenkasse bereits zwischen 1901 und 1920 über diese Wohnverhältnisse Berichte anfertigte, um den Zusammenhang zwischen Krankheit und Wohnungslage nachzuweisen. Und auch die nach der Bildung Groß-Berlins im Jahre 1920 neu geschaffenen Wohnungsämter wiesen in eigenen Berichten immer wieder auf das unerträgliche Wohnungselend hin. Doch trotz gewaltiger Anstrengungen gelang es auch in den zwanziger Jahren nicht, die mit der beginnenden Industrialisierung im Kaiserreich aus dem ganzen Land in Massen herbeiströmenden Arbeitssuchenden mit ausreichendem Wohnraum zu versorgen. Es blieben Hunderttausende ständig auf Wohnungssuche.

Auch Schöneberg war zum Zeitpunkt der Eingemeindung bereits großflächig bebaut. Auch hier entstanden neue Siedlungen vor allem an den Rändern, während zugleich die Vereinheitlichung der Bauordnungen dafür Sorge tragen sollte, dass wenigstens keine neuen Mietskasernen mehr entstehen konnten. Und bekanntlich hat die Stadtverwaltung bis heute damit zu kämpfen, diese Altlasten mit ihren zu eng bebauten Hinterhöfen aufzulösen. Der neue und neuartige Siedlungsbau begann jedoch interessanterweise bereits in den Zeiten der Stadt Schöneberg. Mit dem Projekt Lindenhof kam es in Schöneberg sogar zum ersten modernen Siedlungsbau in Groß-Berlin. Denn hier wurden unter den Markenzeichen „Licht, Luft und Sonne“ ganz neue Standards für Wohnungen gesetzt. Hell und freundlich sollten sie nun sein, verfügten über eine gute sanitäre Ausstattung und hatten Zugang zu eigenen Gärten und anschließenden Grünflächen. Der zweite Raum bildet daher mit seinem Blick auf den neuartigen Siedlungsbau und die Besonderheiten gerade der Lindenhof-Siedlung auch den Mittelpunkt der gesamten Ausstellung. Hier lädt eine aus hellem Holz angefertigte Halbkreis-Bank zum Verweilen ein.

Was für eine Geschichte

Darauf liegt zum Nachlesen jenes „Mitteilungsblatt“ bereit, das 1926 zum fünfjährigen Bestehen der Lindenhof-Siedlung erschien und einen launigen Aufsatz des seinerzeitigen Schöneberger Baustadtrats und Architekten Dr. Wagner zur Entstehungsgeschichte enthält. Er schildert darin sowohl die Anfänge der Planung gleich nach seiner Arbeitsaufnahme im noch selbständigen Schöneberg im Juli 1918, als auch die schnelle Umsetzung in nur zwei Jahren 1919-1921. Er erinnert an die Diskussionen um die Gründung der Genossenschaft unter den 486 Mietern, von denen schließlich 452 der Genossenschaft beitraten. Auch die schwierige Inflationszeit kommt zur Sprache, und er schließt mit dem Aufruf an die Genossen zur Verwirklichung der gemeinsamen Ziele: „Leben und leben helfen, nicht leben und leben lassen!“

Es wird in der Ausstellung auch aus seinem Erinnerungsbuch „Vom eigenen Werke“ (1926) zitiert, und zum Vorschein kommen da erstaunliche Einzelheiten. Denn unter Umgehung des üblichen Instanzenweges (Stadtverordnetenversammlung, Magistrat, Deputation) ließ er sich einen „arbeitsfähigen Ausschuss an die Seite stellen, der mit allen Vollmachten für die Durchführung der Arbeiten ausgestattet wurde.“ Und weiter bekennt er da: „Zum Schrecken der höheren Instanzen baute ich ohne Bebauungsplan und ohne Baupolizei. Der Kolonie hat es nicht geschadet. Jedenfalls habe ich nicht gehört, dass ein Haus inzwischen eingestürzt ist, oder dass ein Möbelwagen in einer der schmalen Wohnstraßen sich verbogen hätte.“
Und an anderer Stelle bekennt er, dass diese unbürokratische Vorgehensweise wohl den besonderen Umständen nach dem Ende des 1. Weltkriegs geschuldet ist. Die Befehlsstrukturen des Militärs waren noch allgemein eingeübt, und die Behörden waren nach den Wirren der Novemberrevolution dem aufständischen Zeitgeist noch nicht wieder gewachsen. Und auch der Schöneberger Bürgermeister Dominicus, der selbst als hochdekorierter Kriegsheld heimgekehrt war, hielt seinem Baustadtrat mit seiner Autorität den Rücken frei. Der Siedlungsbau überschritt sogar einfach die Tempelhof-Mariendorfer Gemeindegrenze, ohne dass es dazu irgendwelche Genehmigungen gegeben hätte.

Vor der Sitzbank in diesem Raum jedenfalls zeigen die zwölf Gruppenfotos von Siedlungskindern, aufgesteckt auf dünnen Holzstangen auf einem Rondell, ein fröhliches Kinderleben, mal kostümiert zum fröhlichen Sommerfest, mal vor der 1930 erbauten Turnhalle, oder im Badeanzug am Lindenhofer Weiher, der nach Plänen des  Landschaftsarchitekten Leberecht Migge, einem Mitbegründer der zeitgenössischen Idee einer sozialen Freiraumplanung, aus der Zusammenlegung zweier Teiche des ehemaligen Gutshofs entstand. An den Wänden ist in großformatigen Fotos gut dokumentiert, wie die beiden einzigen Haustypen das Bild der Siedlung prägen, die Ein- und Vierfamilienhäuser. Und ein eigens für die Ausstellung gefertigtes Modell gibt einen guten Überblick über das gesamte Areal der Siedlung. Es fehlt auch nicht das von Bruno Taut errichtete Ledigenheim, das mit seinem von zwei Türmen flankierten Tor den Eingang zur Siedlung bildet.

Im dritten Raum, der den am Ende der Weimarer Republik errichteten Wohnanlagen gewidmet ist, grüßt zum Abschied der malende Chronist dieser Zeit, Hans Baluschek, in einem Selbstporträt und mit zwei Zeichnungen von der Roten Gasometer Insel und von der Siedlung Ceciliengärten, wo er zwischenzeitlich gelebt und gearbeitet hat. Man meint ihn mit den Klängen des KPD-Barden Ernst Busch singen und sagen zu hören: „Vorwärts, und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht: Die Solidarität!“

Schöneberg-Museum
Hauptstraße 40 /42, 10827 Berlin
Geöffnet: Sa-Do, 14-18 Uhr,
Gruppen und Schulklassen nach Voranmeldung
www.museen-tempelhof-schoeneberg.de

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