Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

8.10.2013

Marokkanische Minze

Der Schriftsteller Gregorio Ortega Coto ist einigen Lesern vielleicht bereits durch sein Engagement für das Gedenken an Albert Einstein bekannt. Die von ihm initiierte Stele für Einstein steht an der Haberlandstraße 8 im Bayerischen Viertel.

Gregorio Ortega Coto. Foto: Harmut Becker

Ortega Coto hat bisher vor allem Kurzgeschichten veröffentlicht, zum Beispiel in dem Band „Untaugliche Indianer“ (erschienen 2005). Anfang dieses Jahres brachte er das zweisprachige Leporello (deutsch/englisch) „Haberlandstraße Berlin-Schöneberg: Die Geschichte einer Straße und ihrer Bewohner“ heraus.  Daneben hat er auch zwei Kinderbücher gestaltet, zu denen er auch Lesungen für Kinder veranstaltet.

Nun ist sein erster Roman „Marokkanische Minze“ erschienen. Das Buch ist eine packende Erzählung, die persönliche Schicksale sehr unterschiedlicher Menschen mit der Geschichte Spaniens und Marokkos verwebt. Die Hauptfigur, Pablo, ein junger Mann, reist zurück in das Land seiner Kindheit. Bab-Qarfa im marokkanischen Rif Gebirge ist der Ort, den sich seine Eltern, Gustavo und Lina, damals vor seiner Geburt aussuchten. Sie wollten dort nach dem Spanischen Bürgerkrieg ein besseres Leben finden.

In Rückblenden nehmen wir als Leserinnen und Leser teil an den Erinnerungen, in die Pablo immer wieder eintaucht. Wir sehen, wie hart das Leben in Spanisch-Marokko für das junge Paar – Pablos Eltern am Anfang ihrer Ehe – ist. Wenn sie wenigstens ein Kind zusammen hätten! Aber der Kinderwunsch erfüllt sich zunächst nicht. Der Vater arbeitet als Holzfäller, leistet eine schwere und gefährliche Tätigkeit. Die Mutter versucht so gut es geht, mit den geringen Mitteln über die Runden zu kommen. Als Pablo schließlich zur Welt kommt, ist es zu spät. Das Baby kann die Ehe auch nicht mehr retten. Der Vater, Gustavo, hat sich längst für den Alkohol entschieden.

Als der junge Pablo acht Jahre alt ist, stirbt der Vater bei einem Unfall. Das Schicksal nimmt damit eine unerwartete Wende. Nun muss die Mutter für beide sorgen. Ihre Lebenswege kreuzen sich mit denen anderer Menschen, die zu Freunden werden. Da ist der marokkanische Berber und Markthändler Idir Ben Rahman und dessen Frau Naima, mit denen Pablo eine enge und wichtige Freundschaft eingeht. Der geheimnisvolle Spanier Ernesto Merino hilft Mutter und Sohn soviel er kann. Die spanische Gesellschaft im Protektorat Spanisch-Marokko, die dem Franco-Regime verbunden ist, wird in ihrer Autoritätshörigkeit und Arroganz vom Erzähler gnadenlos entlarvt. Als Marokko die Unabhängigkeit erringt entscheidet sich Lina zur Rückkehr nach Spanien.

Ortega Coto verbindet Fiktion und historische Realität gekonnt miteinander. Bildhaft beleuchtet er den politischen Hintergrund, so zum Beispiel die Verstrickung der katholischen Kirche mit dem Franco-Regime, und macht sie den Leserinnen und Lesern anhand von sehr klar und glaubhaft gezeichneten Figuren deutlich. „Marokkanische Minze“ ist ein mit allen Sinnen erzählendes Buch, das einen berührt und bewegt. Beim Lesen verbinden sich die historischen Bilder mit der aktuellen Situation Nordafrikas. Diesen Teil der Geschichte von Marokko und Spanien zu kennen, lässt einen das Heute mit anderen Augen sehen.

Isolde Peter


„Marokkanische Minze“ ist im Querverlag (der auch in Schöneberg ansässig ist) erschienen. Es kostet 14,90. Wenn Sie noch ein wenig mehr über den Autor erfahren möchten, können Sie seine Webseite www.ortegacoto.de besuchen. Ein Interview mit dem Autor auf den Sonderseiten „Sand im Musengetriebe“ (Dezember 2012) können Sie unter http:// www.stadtteilzeitung.nbhs.de/uploads/media/dezember12.pdf nachlesen.