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13.10.2021

Markttage in Friedenau

Von Sigrid Wiegand. Markttage in Friedenau, edition Friedenauer Brücke, 1. Edition (1. Juli 2021), 148 Seiten, ISBN-10: 3981613066, 29,90 Euro.

Gemälde von Birgit Schwesig, Markt im Gegenlicht, 2020 (Ausschnitt)

Marktbilder
In meiner Schulzeit gab es immer Mädchen in der Klasse, die gut malen und zeichnen konnten. Ich gehörte nicht zu ihnen, meine Stärke waren die Sprachen, ich musste mir einiges über meine zeichnerischen Fähigkeiten anhören. Es gab aber ein Sujet, in dem auch ich punkten konnte: Wochenmärkte, Stände mit Obst, zu Pyramiden aufgetürmte rotgelbe Äpfel, Kisten mit Kartoffeln und Tomaten, riesige orangefarbene Kürbisse, Körbchen mit roten Erdbeeren, Marktfrauen mit Kopftüchern, alles schön bunt. Da hatte selbst meine ehrgeizige Mutter nichts an mir auszusetzen.

Das Buch
In dem Buch der edition Friedenauer Brücke kann man das alles finden, in dem Buch „Markttage in Friedenau“, das Evelyn Weissberg herausgegeben, aber nicht geschrieben hat - geschrieben haben es die Friedenauer, aufgefordert hat sie Evelyn Weissberg. In einem Postscriptum dankt sie „allen an diesem Buch Beteiligten, den Autoren, Künstlern und Marktleuten, Fotografen und Leihgebern ... ganz besonders herzlich für ihre Beiträge“. Aus diesen Geschichten hat sie ein ganz neues und spannendes Friedenaubuch komponiert. Und viele haben sich gemeldet, haben über ihre Friedenauzeiten berichtet und über ihre Besuche auf dem Friedenauer Wochenmarkt auf dem Breslauer Platz, der früher Lauterplatz hieß.

Der Beginn
Das Teltower Kreisblatt berichtete vor 140 Jahren, am 24. September 1881, dass in Friedenau jetzt an jedem Mittwoch und Sonnabend ein Wochenmarkt abgehalten werde. Somit ist unser Markt der älteste durchgängig betriebene Markt von ganz Berlin. Einer der ersten Friedenauer beschreibt, wie er Friedenau um und nach 1900 erlebt hat, als die Bauern aus Werder „ihre Pferdefuhrwerke in der Lauterstraße und auf einem dort gelegenen Gehöft aufgereiht hatten.“ Damit hat sich für mich endlich die Frage geklärt, wo die Pferde und Wagen während der Marktzeiten abgeblieben waren! Geklagt wurde allerdings über Straßensperren in der Nied- und Schmargendorfer Straße während der Marktzeiten.
Ein weiteres Bild aus frühen Friedenauer Marktzeiten malt uns eine junge Hausfrau und Mutter in einem Brief aus dem Jahr 1899 an ihre Freundin von einer herrlichen Frühlingszeit in Friedenau und ihren Marktbesuchen mit ihrem kleinen Söhnchen Kurt, der allerhand Unfug treibt, wenn sie ihn nicht scharf im Auge behält. Das ist so lebendig geschildert, dass man glaubt, es mit zu erleben, wie er seine Karre in die Eierkörbe schiebt und einen großen Aufruhr verursacht. Manche Dinge ändern sich nie …

Der Markt wächst
Der Friedenauer Lokalanzeiger meldet für 1889 bereits mehr als 100 Verkäufer. Eine Liste von Marktpreisen von 1896 lässt auf den ersten Blick staunen (ein Pfund Sauerkohl 10 Pfennig!)  Es gab Karpfen, Hirschfleisch und Rebhühner, was man heute wohl vergeblich auf unserem Markt sucht. Eine Frau hatte Pferde- als Rindfleisch verkauft und wurde mit Schimpf und Schande davongejagt. „Friedenau bei Berlin“ war einmal eine „bessere Gegend“. Der Einkommensunterschied zwischen damals und heute dürfte beträchtlich  sein.

Schutzmann Meyer sorgte für Ruhe und Ordnung,  war allseits gefürchtet, wurde aber auch heimlich verspottet wegen seiner riesigen Statur. Insgeheim wurde überlegt, wohin einmal mit seiner „gewaltigen“ Hose,  in  die niemand sonst passen würde...

Friedenau ein Dorf?
Viele Friedenauer und Friedenauerinnen sind dem Ruf Evelyn Weissbergs gefolgt und haben ihre Markterlebnisse und Erinnerungen geschildert. Neben ihren Geschichten und offiziellen Bekanntmachungen finden wir auch viele  Fotos aus verschiedenen Zeiten. Besonders gefällt mir das Kapitel „Historisches“, das noch einmal Fotos und Bilder bestimmter Friedenauer Ecken rund um den Markt im Verlauf von verschiedenen Jahrzehnten zeigt, die Veränderungen und das, was geblieben ist. Wie hat sich die Ecke Niedstraße am Markt verändert, was ist anders geworden? Irgendwann einmal wurde das Rathaus gebaut und taucht auf den Bildern auf, verändert sich im Laufe der Jahr-zehnte, steht erst mit, dann ohne Säulen am Lauterplatz.

1933 sieht man die ersten „BDM-Mädels“ an der Lauterstraße, und 1938, am Abend des 9. November, hatte sich dort ein Trupp Hitlerjugend mit einer Hakenkreuzfahne versammelt. Der Zeitgeist hatte sich auch in Friedenau ausgebreitet ... Fotostrecken von Marktleuten an ihren Ständen und Cafébesuchern in den Cafés rund um den Markt vermitteln die Stimmung an Markttagen auf dem Breslauer Platz. Das Buch gehört in jeden Friedenauer Bücherschrank und ist ein schönes Geschenk für alle Ex-Friedenauer und Freunde unseres Kiezes.

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