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1.07.2021

„Luft ist mein Name. Friedrich Luft …"

Von Maria Schinnen. Zum 110ten Geburtstag eines Theaterkritikers.

Friedrich Luft 1985 in seiner Wohnung am Nollendorfplatz. Foto: Anaurath, CC BY-SA 4.0

„… Ich bin 1,86 groß, dunkelblond, wiege 122 Pfund, habe Deutsch, Englisch, Geschichte und Kunst studiert, bin theaterbesessen und kinofreudig und beziehe die Lebensmittel der Stufe II. Zu allem trage ich neben dem letzten Anzug, den ich aus dem Krieg gerettet habe, eine Hornbrille auf der Nase. Wozu bin ich da? - Ich soll mich für Sie plagen….“ begann die „Stimme der Kritik“ am 7. Februar 1946 seine Erstsendung im RIAS. 54 Jahre lang, bis zum 28. Oktober 1990, kurz vor seinem Tod, war die Kritikerlegende jeden Sonntagmittag zu hören. Viele Jahre lang  wurde seine Stimme über einen öffentlichen Lautsprecher vor dem Rias-Gebäude in den Stadtpark übertragen, wo die Parkbesucher bereits die Parkbänke besetzt hatten und auf ihn warteten. Sie waren hungrig nach Kultur und Friedrich Luft machte ihnen Lust, Lust auf Schauspiel, Drama, Konzerte, Kino.

Noch lag Berlin in Trümmern, doch die Litfasssäulen und Zeitungen waren voll von Ankündigungen. An fast 200 Stellen wurde Theater gespielt, ein halbes Dutzend Konzerte, zwei Opernhäuser machten ständig Programm. Hatten die Leute nichts Besseres zu tun? „Nein!“, rief Luft entschieden. „Kunst ist nicht Sonntagsspaß und Schnörkel im Alltag, kein Nippes auf dem Vertiko. Kunst ist notwendig, gerade jetzt in der Not.“ Dieser Satz gilt bis heute. Den eifrigen Diskutanten um Systemrelevanzen hätte er ihn um die Ohren gehauen. „Gesegnet die Stunden, die uns über uns hinausführen. Die Stunden, die wieder Musik in unser Leben bringen und die Töne der großen Meister. Gesegnet die Stunden, die uns nachdenken lassen, die uns Ideen zeigen, die uns die Welt öffnen und uns über unseren kleinen, staubigen Alltag hinausführen in die Welt. Die Dichter - lasst jetzt endlich hören, was sie uns zu sagen haben!“

Am 24. August 1911 wurde Friedrich Luft als Sohn eines deutschen Studienrates und einer schottischen Mutter geboren, wuchs in der Friedenauer Kaiserallee 74 (heute: Bundesallee) auf und  besuchte das Gymnasium am Maybachplatz (heute Friedrich-Bergius-Schule am Perelsplatz). Er studierte Germanistik, Anglistik und Geschichte in Berlin und Königsberg. Schon damals hörte er die Vorlesungen über Theatergeschichte von Max Herrmann an der Berliner Universität. 1936 entschied er sich, das Studium abzubrechen und Feuilletons für das Berliner Tageblatt und die Deutsche Allgemeine Zeitung zu schreiben. Für die Heeresfilmstelle verfasste er Drehbücher. 1940 heiratete er die Zeichnerin Heide Thilo und wohnte mit ihr in der Schöneberger Maienstraße 4, nahe dem Nollendorfplatz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb er als „Urbanus“ Alltagsskizzen aus dem Nachkriegsberlin für den Tagesspiegel, 1947 wurde er Feuilletonchef der „Neuen Zeitung“, schrieb später auch für die „Süddeutsche“, die „Welt“ und die „Berliner Morgenpost“. Sein Credo: Die Aufgabe des Feuilletonisten sei es, flanierend zu beobachten, ab und zu stehen zu bleiben und den Blick schweifen zu lassen: „Wer spazieren geht, hat das eigentliche Tempo des denkenden Menschen“. Es sah sich als „Eckensteher des Alltags“.

In seinem Stil verknüpfte er Anspruchsvolles mit schlagendem Witz. Elvis Presley nannte er einen "effeminierten Schnulzenröchler". Er hasste die schöngeistigen Nichtssager: „Was hat der Mann da gesprochen? Was hat er gesagt? Er hat Wind mit Worten gemacht. Er hat mit geölter Stimme nichts verlautbart.“ Die Sprache sei doch erfunden, damit der Mensch sich mitteilen, klären und eröffnen könne. Von den neuen Schönsprechern werde sie aber zur Sinnvernebelung missbraucht.

Das Genre der freien Kritik gehörte für Friedrich Luft zu den Errungenschaften der Demokratie. Das war ihm Verpflichtung, und er nutzte diese Chance, durch genaue Beobachtung und mit sprachlicher Treffsicherheit und Witz ein breites Publikum zu begeistern. Auch die Kontinuität und Verlässlichkeit seiner Sendungen trugen zu seiner Popularität und Beliebtheit bei. „Ich muss arbeiten, bis ich umfalle“, sagte er oft. Verständlich, denn das Leben in der Schöneberger Backsteinvilla war doch recht still. Die Ehe blieb kinderlos. Dafür wurden Pudel gehalten, mit denen er eine tägliche Runde durch den Tiergarten drehte. Außerdem züchtete er Rosen und spielte Cello.

Seit Mitte der 80er Jahre stellte sich eine gewisse Berufsmüdigkeit ein. Er sah das Theater im Niedergang. Indizien seien die geringer werdende Premierendichte, die ständigen Wechsel der Intendanten, die vielen schwachen Inszenierungen, die immer länger statt besser würden und trotzdem frenetischen Applaus erhielten, schmerzliche Zeichen dafür, dass auch Kunstverstand und Neugier des Publikums bergab gingen. „Die Bühne hat abgewirtschaftet. Sie ist nicht mehr wichtig. Die junge Regiegeneration findet keine zeitgemäße Theatersprache mehr, kann uns nicht mehr erheben und über uns hinausführen.“ Seine Stimmung verdüsterte sich. Auch gesundheitlich ging es ihm zunehmend schlechter: Hüft- und Gallenoperationen, schwaches Herz, Atemnot. Dann erkrankte er akut: Wasser in der Lunge. Das Krankenhaus konnte nur noch kurzfristig helfen. Am 24. Dezember 1990 starb er und wurde auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beigesetzt. Am 4. Januar 1991 fand die Trauerfeier in der Kirche zum Guten Hirten in Friedenau statt, an der rund 500 Trauergäste des kulturellen und politischen Lebens teilnahmen.

Ein Jahr später richtete die Akademie der Künste das „Friedrich-Luft-Archiv“ mit Manuskripten, Zeitungskritiken, Glossen, seiner Bibliothek und einem Tonbandarchiv ein. 1992 benannte die Berliner Morgenpost einen Theaterpreis nach ihm. So sorgte man für sein Weiterleben. Und auch für seinen berühmten Schlusssatz nach jeder Radiosendung: „Wir sprechen uns wieder, in einer Woche. Wie immer – gleiche Zeit, gleiche Stelle, gleiche Welle. Ihr Friedrich Luft.“

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