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25.09.2012 / Menschen in Schöneberg

Lotti wird hundert und kehrt zurück

Vor kurzem am Tauentzien: Vor mir eine alte Frau, die einen weißen Leinenmantel trägt, dazu pinkfarbene Leggings, ein gestreiftes Kleid und lange schlohweiße Haare, die der Wind wie ein Segel aufbauscht. Im Gesicht ordentlich Farbe und an den Füßen hochhackige Stiefel. Neben mir eine Frau zwischen 70 und 80 Jahre alt - schätzungsweise. Kopfschüttelnd und augenrollend sucht sie nach Zustimmung für ihre Ablehnung. Sie selbst trägt eine beige Jacke und eine ordentliche Kurzhaarfrisur. Plötzlich fällt mir eine Passage aus Lotti Hubers Memoiren ein, über die ich immer schon lachen musste.
Foto: Ursula Kelm, www.ursula-kelm.de
Tilly Creutzfeldt-Jakob als Lotti Huber im Theater O-TonArt. Foto: Elke Günzler

Lotti Huber beschrieb, wie sie eines Morgens den Anruf einer alten Frau entgegennahm: „Wo bleibt die Würde des Alters?, klang es mir schrill-heiser entgegen. Was? Verständnislos rieb ich mir den Schlaf aus den Augen und sagte ihr: Sie haben die falsche Nummer gewählt. Die wohnt hier nicht.“*

Am 16. Oktober dieses Jahres wäre Lotti Huber 100 Jahre alt geworden. 1912 wurde sie in Kiel geboren. Sie war Tochter aus bürgerlichem Hause. Der Vater sorgte mit seinem florierenden Textilhandel – er führte ein großes Textilhaus in Kiel – für das Einkommen, die Mutter förderte die künstlerischen Ambitionen der Tochter. Charlotte Goldmann, wie sie damals hieß, interessierte sich für das Tanzen und die Bühne. Sie lernte Ballett und modernen Ausdruckstanz. Zusammen mit ihren Brüdern – einer älter, einer jünger – verbrachte sie eine glückliche Kindheit und Jugend. Als Lotti zwanzig war und als Jüdin den nichtjüdischen Sohn des Oberbürgermeisters liebte, brach dann die grausame Realität des „Dritten Reiches“ in ihr Leben. Gemeinsam mit dem Liebsten war sie nach Berlin gezogen, wurde dort verraten. Von der Gestapo verhaftet, kam sie in zwei verschiedene Konzentrationslager, wurde schließlich frei gekauft und musste sofort in das damalige englische Mandatsgebiet Palästina auswandern.

Lotti Huber hat sich, so liest sich das in ihren Memoiren, den Spruch: „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, frag’ nach Salz und Tequila“ vielleicht noch nicht gekannt, aber danach gelebt. Um Geld zu verdienen, arbeitete sie als Nachtklubtänzerin: „Es war eine ganz wichtige Phase in meinem Leben, die mir viel gegeben hat. Und ich habe meinen Entschluss, ins Nachtleben einzusteigen, nie bereut.“ In Israel verliebte sich ein englischer Offizier in sie, nach der Heirat zogen sie 1947 ins Nachkriegslondon. Von dort ging es weiter nach Zypern. Sie eröffneten ein Hotel. Der Ehemann war untreu. Nach ihrer Scheidung bekam Lotti ein eigenes Restaurant am Hafen in Kyrenia: den Octopus. Nach einer Weile trat ein weiterer englischer Offizier in ihr Leben Mr. Huber. Die Liebe ihres Lebens. Sie zog mit ihm in das Swinging London der Sixties, eröffnete ein nicht ganz so gut laufendes neues Octopus-Restaurant und kam schließlich – der Ehemann wurde versetzt – nach Berlin.

Glückliche Jahre folgten, aber 1972 starb ihr Ehemann. Für Lotti bedeutete dies einen Zusammenbruch und Neuanfang zugleich. Sie musste sich mit verschiedenen Jobs – als Übersetzerin kitschiger Liebesromane, als Propagandistin, als Komparsin – über Wasser halten. Schließlich lernte sie Rosa von Praunheim kennen, in dessen Film „Unsere Leichen leben noch“ sie mitspielte. Einem größeren Publikum wurde sie durch „Anita – Tänze des Lasters“ bekannt und vor allem auch durch „Affengeil“, einem Film über ihr Leben, benannt nach einem ihrer Lieder. Auf eine Interviewfrage, ob sie immer schon so gewesen wäre, wie sie nach ihrer „Entdeckung“ auftrat, antwortete sie 1994: „Aber Schätzchen, als ich in den Windeln lag, war ich natürlich nicht so. Es ist eine Frage der Entwicklung.“ Und auf Warnungen, dass Rosa von Praunheim seine Schauspieler/innen ausnutze und ausquetsche, sagte sie den Satz, der dann Titel ihrer Memoiren wurde: „Diese Zitrone hat noch viel Saft!“

Nun kehrt die Zitrone zurück.

Rosa von Praunheim schlug Tilly Creutzfeldt-Jakob (bekannt auch aus dem Stück „Zarah siebenundvierzig“) vor, in die Rolle der 1998 verstorbenen Lotti Huber zu schlüpfen. Daraus entstand die Idee ein Solo-Musical zu entwickeln, das sowohl Szenen aus Lottis Leben als auch ihre Lieder auf die Bühne bringt. Das Theater O-TonArt in Schöneberg wird am 16.10. – pünktlich zu Lottis hundertstem Geburtstag – die Premiere von „Lotti - Die Zitrone kehrt zurück“ präsentieren. Regie: Alexander Katt. Tickets und Termine sind auf der Webseite www.o-tonart.de oder unter 030 - 99 19 19 119 in der Zeit von 12-23 Uhr sowie im Ticket Shop in der Kulmer Straße 20 A (Mi-Fr 14-18 Uhr) zu erfahren.

Tilly Creutzfeldt-Jakob wird auch bei den Feierlichkeiten zu Rosa von Praunheims 70. Geburtstag im Babylon Mitte (am 23.11.) und anlässlich einer Ausstellung in der Galerie am Lützowplatz als Lotti Huber zu sehen sein.

Um auf die anfänglich erwähnte Würde des Alters zu kommen und Lotti noch einmal zu zitieren: „Würde reimt sich auf Bürde. Ich finde die Würde des Alters gibt es, aber es gibt genauso die Würde des Kindes, die Würde des Tieres, die Würde der Pflanze – also die Würde des Lebens.“ Hinter der in den Medien oft auf ihr Schrill- und ihr Altsein reduzierte Lotti steckte eine sensible und lebenserfahrene Frau, die nicht jung sein wollte, sondern einfach sie selber.

Isolde Peter

* Die wörtlichen Zitate stammen aus Lotti Hubers Büchern „Diese Zitrone hat noch viel Saft“ (Edition diá) und „Jede Zeit ist meine Zeit“ (dtv).

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