Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

31.10.2016

Leuchtturm für Gesundheit

Im November 1970 erschien das erste „arzneimittel-telegramm“.

Der Wasserturm auf dem Friedhof Bergstraße

Wolfgang Becker-Brüser. Fotos: Thomas Protz

Ende der sechziger Jahre entstand im politisierenden Teil der Studentenschaft die Idee, nicht der kommunistische Frontstadtgegner im Osten, sondern die Frontstadt-Stütze Amerika als idealisiertes Kapitalismus-Subjekt sei an allem schuld. Doch weil das in Politik und Bevölkerung kaum jemand glauben mochte, wurde schließlich der „Marsch durch die Institutionen“ für zielführend befunden. Würden künftig die ausgemachten Widersprüche des kapitalistischen Systems nicht mehr in allgemeiner Form auf der Straße ausgerufen, sondern stattdessen an all ihren Erscheinungsorten aufgezeigt, so das Kalkül, müsste die Wahrheit über das Buh-System und seine Drahtzieher am Ende auch die Verstocktesten überzeugen. Und gleichzeitig erlaubte dieser Rückzug aus dem Aktionismus, die berufsorientierten Ausbildungsgänge doppelzweckmäßig zu vollenden.
So entstand 1969 auch ein „Unabhängiger Arbeitskreis Arzneimittelpolitik Berlin (UAAB)“, der auf Veranstaltungen wie dem Deutschen Ärztetag mit Flugblättern darauf hinwies, dass Medikamente  wegen der damit verbundenen Gefahren nicht wie Konsumgüter beworben, sondern durch wissenschaftliche Informationen erläutert werden sollten.

Das stieß unter den Ärzten auf großes Interesse, denn der Contergan-Skandal steckte allen noch in den Knochen. Durch Einnahme während der Schwangerschaft hatte dieses Schlafmittel zu Fehlbildungen vorwiegend bei Gliedmaßen der Neugeborenen geführt. Offensichtlich hatte beim Hersteller eine Erkenntnislücke und bei den Ärzten eine Informationslücke bestanden, und leider auch bei den Verbrauchern.

Die Ärzteschaft wandte sich bald von sich aus an die Aktivisten mit der Bitte um Einzelinformationen und berichtete von festgestellten Unverträglichkeiten aus der eigenen Praxis. Das führte schnell zu der Idee eines regelmäßig erscheinenden Mitteilungsblattes, das nicht nur alle verfügbaren Datenbanken, sondern auch die Rückmeldungen der fachlichen Leserschaft einbeziehen sollte. Bereits im November 1970 erschien das erste „arzneimittel-telegramm“, um in professioneller Ausführung die nachgefragten Informationen zu Arzneimittel-Anwendungen bekanntzumachen, was im weiteren Verlauf der Entwicklung nicht immer ohne Ärger mit den Herstellern blieb.

Eine Erfolgsgeschichte
Bis heute geht es darin neben Kurzberichten zu Auffälligkeiten immer wieder auch um den Vergleich von neuen Arzneien mit bewährten Wirkstoffen und damit um die Frage, wie die profitgetriebene Arzneimittelflut zugunsten einer besseren Übersichtlichkeit für Ärzte, Apotheker und Verbraucher eingedämmt werden kann. Denn von Anfang an stellte sich das Blatt auf den Standpunkt, dass dem grundgesetzlich geschützten Recht auf körperliche Unversehrtheit der Vorrang gegenüber der ebenfalls grundgesetzlich geschützten Gewerbefreiheit einzuräumen sei. Dieser Übergang von der Systemkritik zur „konstruktiven Kritik“, wie die inzwischen selbst zu Ärzten gewordenen Herausgeber ihren Ansatz nun bezeichneten, wurde zur Grundlage ihres Erfolges mit den bald im ganzen Land begrüßten Medikamenten-Berichten.

Das große Interesse an der innovativen Publikation führte sehr bald zu der Frage, ob die im Laufe der Zeit zusammengetragenen Informationen nicht auch als Nachschlagewerk für die Praxis zur Verfügung gestellt werden sollten. Und als Ergebnis wurde seitdem ein alle zwei Jahre aktualisiertes, mehrhundertseitiges Handbuch erstellt, das nun überall dort hilfreich ist, wo Medikamente verwendet, verschrieben oder verkauft werden.

Das neueste Produkt aus diesem kritischen Hause wendet sich nun an die Verbraucher selbst. Und das ist ja auch durchaus folgerichtig. Denn letztlich geht es um die Gesundheit derjenigen, die die Medikamente einnehmen. Und auch jetzt wieder bleibt der Verlag seiner von Anfang an eingeschlagenen Linie treu, was schon im Namen der alle zwei Monate er-scheinenden Publikation erkennbar wird: „Gute Pillen-Schlechte Pillen“. Aber nicht genug damit, die Unterzeile wird noch deutlicher: „Unabhängige Informationen zu Ihrer Gesundheit ohne Einfluss der Pharmaindustrie und ohne Werbung.“ Die Leser finden dort wie versprochen zuverlässige Bewertungen von Behandlungsmöglichkeiten, Tipps zur Gesunderhaltung, Informationen zu Arzneimittelrisiken, und es wird vor Lug und Trug in der Werbung gewarnt. Das hilft selbstverständlich auch bei der Bewertung der Flut von Internet-Einträgen, hinter denen meist Verkaufsinteressen stehen.

Wie im Bericht von Hartmut Ulrich in unserer Juli-Ausgabe über den ehemaligen Wasserturm auf dem Friedhof Bergstraße in Steglitz zu erfahren war, stellt die AVI-Verlags GmbH ihre Periodika seit dem Jahre 2000 mit inzwischen 16 Mitarbeitern in eben diesem Turm her. Allerdings bedurfte es dazu eines aufwändigen und denkmalgerechten Umbaus. Initiator und Risikoträger dieser beispielhaften Innovation ist der jetzige Inhaber und Geschhäftsführer des Verlags, der Arzt und Apotheker Becker-Brüser. Wir wünschen ihm aus Sympathie vor allem Gesundheit und empfehlen ihm deswegen die regelmäßige Lektüre der in seinem Turm-Hause hergestellten Publikationen.

Ottmar Fischer

 

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