Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

13.10.2021

Leserbriefe und Antworten

Leserbriefe und Antworten der Redaktion auf Leserbriefe zum Thema "Gendern".

Sehr geehrter Wieland Posch, vielen Dank für Ihre Anregung, die Schwierigkeiten mit der gendersprachlichen Umsetzung von politischen Forderungen nach Gleichberechtigung im Geschlechterverhältnis auch in unserer Redaktion einmal zur Sprache zu bringen. Wie aus der unterschiedlichen Praxis in den Artikeln unserer Autoren ersichtlich, verzichten wir bewusst auf Vorgaben zu einer einheitlichen Sprachregelung aus dem gleichen Grund, den Sie in ihrem in unserer letzten Ausgabe veröffentlichten Leserbrief als Fazit Ihrer Überlegungen genannt haben. Wir vertrauen auf die Sensibilität unserer Autoren, von Fall zu Fall selbst zu entscheiden, ob der nicht behinderte Lesefluss oder der Hinweis auf Geschlechterparität im Vordergrund stehen soll.
In dem von Ihnen angesprochenen Beispiel aus einem Artikel von mir, wo ich das Wort „Mannschaft“ gewählt hatte, und Sie lieber das Wort „Team“ eingesetzt hätten, kann ich Ihnen mitteilen, dass ich an dieser Stelle auch sorgenvoll innegehalten habe. Doch habe ich dann doch die Anwendung von „Team“ verworfen, weil dieser fremdsprachliche Ersatz nach meiner Überlegung die Kapitulation vor der übermäßigen Inanspruchnahme der eigenen Sprache durch Politik bedeutet hätte. So habe ich hier also aus demokratischem Trotz der politischen Korrektheitsforderung widersprochen. Ich sehe mich mit dieser Reserviertheit gegenüber politischer Indoktrination im Einklang mit der weitaus überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, der die biologistische Sprachpolitik schlichtweg auf die Nerven geht. Viele Grüße von Ottmar Fischer

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Betr.: Gendern«
Sehr geehrte Damen und Herren,
wenn z.B. ein Politker bis vor gar nicht langer Zeit eine Rede mit den Worten begann: „Liebe Berliner ...", kam niemand - auch nicht die Frauen! - auf die ldee, dass er damit nur Männer meint.
Im Schriftverkehr heißt es ohnehin seit jeher generell »Sehr geehrte Damen und Herren«.
Dass Frauen die gleichen Rechte zustehen wie Männern ist - zumindest in unseren Breiten - unbestritten und per Gesetz geregelt. Wo dies dennoch nicht vollends Realität ist, wird keine einzige Frau durch die derzeit um sich greifende »Gendern« genannte Sprachverhunzung auch nur die geringste Verbesserung ihrer Situation erfahren.
Ich sehe darin lediglich ein besonders krasses Beispiel, wie bestimmte Kreise für sich in Anspruch nehmen zu bestimmen, was korrekt ist und wie man (und frau) zu sprechen hat. Ich hatte gehofft, dass die Zeiten ideologischer Bevormundung ein für allemal der Vergangenheit angehören.
Mit freundlichen Grüßen
Manfred H., Friedenau

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Erzwungene Sprachdeformierung
Maria Schinnen
Als ehemalige Deutschlehrerin war es u. a. meine Aufgabe, den Unterschied zwischen grammatikalischem und natürlichem Geschlecht zu klären sowie Begriffe zu Oberbegriffen zusammenzufassen. Oberbegriffe dienen der Abgrenzung und Unterscheidung von bestimmten Gruppierungen. Gemeinsame Merkmale entscheiden darüber, ob ein Unter-begriff zu einer Gruppe gehört oder eben nicht. Im Deutschen ist es nun mal so, dass Oberbegriffe nach der männlichen Form gebildet werden (generisches Maskulinum). Diese Art der Wortbildung ist gewachsen und hat nichts mit dem natürlichen Geschlecht (Sexus) zu tun. „Lehrer“ ist ein solcher Oberbegriff und meint alle Personen, die eine Tätigkeit des Lehrens und Unterrichtens ausüben. Wir grenzen uns in der Schule von Schülern oder Eltern ab. Wenn wir Lehrer z.B. eine Konferenz hatten, gingen wir zur Lehrerkonferenz im Unterschied zu den Schüler-, Eltern-, Erzieherkonferenzen. Um eine geschlechtliche Interpretation ging es dabei gar nicht, sondern einzig und allein um die Klarstellung, welche Gruppierung gemeint ist. Wenn ich einen Kollegen vorstellte, sagte ich selbstverständlich „Wir sind Kollegen“ (nicht Kolleg*innen), obwohl ich eine Frau bin. Kolleg*innen wäre merkwürdig, da im mündlichen Gebrauch das Gendersternchen untergeht, wenn man flüssig spricht und das Wort nicht künstlich verfremdet. Plötzlich wird aus dem ursprünglich geschlechtsneutralen Oberbegriff „Kollegen“ die rein weibliche Form „Kolleginnen“. Das wäre sprachlich ebenso ungerecht. Und was heißt obendrein „Kolleg“? Die Abtrennung mit Genderstern an dieser Stelle ist sprachlich falsch, da „Kolleg“ etwas anderes als „Kollege“ oder „Kollegen“ bedeutet. Und ist es sprachlich eigentlich so viel gerechter, wenn vor dem Genderstern immer zuerst die Herren genannt werden und erst nach dem Genderstern die Wortendung für die Damen folgt?

In der Not werden dann kuriose Alternativen im schlimmsten Amtsdeutsch kreiert. So werden die „Lehrer“ in den Mitteilungen der Berliner Senatsverwaltung nun zu „Lehrkräften“ oder „Lehrenden“. Nun können sie sich logischerweise auch nicht mehr im „Lehrerzimmer“ treffen, sondern müssen sich ins „Lehrkräftezimmer“ oder „Lehrendenzimmer“ begeben. Das tut doch weh!

Daher finde ich es sehr sympathisch, dass dem Berliner Schulsenat, trotz seiner krampfhaften Bemühungen um eine gendergerechte Sprache, in seinen Mittelungen immer wieder ungegenderte Sätze unterlaufen, wie z.B.: „Quereinstieg in den Lehrerberuf: Eine Einstellung als Quereinsteiger ist möglich, wenn Bewerber mit einer Lehramtsbefähigung nicht zur Verfügung stehen.“ Will der Senat uns Frauen ausschließen? Sicher nicht!
Nehmen wir`s doch unverkrampft und wittern nicht hinter jedem geschlechtsneutralen Oberbegriff eine Diskriminierung. Die Sprache soll doch einzig und allein der inhaltlichen Verständigung zwischen Gesprächspartnern dienen. Diese gelingt am besten, je klarer und kürzer sie ausfällt. Verkrampfte Wortungetüme und künstliche Abstraktionen sind nur eins: Lächerlich!
Dennoch bin ich bereit dazuzulernen. Inzwischen benutze ich auch die Lehrerinnentoilette statt der früher üblichen Lehrertoilette.

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