Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

5.03.2013

Lernort Kohlenhandlung

Wie kann eine angemessene Gestaltung des Geländes der früheren Kohlenhandlung Bruno Meyer Nachf., dem Wirkungsort von Annedore und Julius Leber, in der Torgauer Straße 24-25 aussehen?

Kulturausschuss der BVV vor Ort. Foto: Dörte Döhl

Seit die Mehrheit der in der BVV vertretenen Parteien bei einem Runden Tisch am 27.9.2012 dem Bezirksamt deutlich erklärt hat, das geplante Denkzeichen sei nicht ausreichend, ist der Fall unübersichtlich geworden. Ein Beschluss der BVV vom letzten Oktober, der die überbezirkliche Bedeutung des Ortes betont, hat einen Weg vorgezeichnet. Die Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten soll demnach das weitere Vorgehen koordinieren und in den Prozess die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die Geschichtswerkstatt, engagierte Bürger und die Familie einbeziehen. Der Beschluss verhindert zugleich den Abriss der vorhandene Bausubstanz auf dem Gelände. Die gesamte historische Parzelle soll solange nicht angerührt werden, bis ein Konzept vorliegt.

Anstelle eines Konzepts hat das Bezirksamt weiterhin nur einen Denkzeichen-Entwurf. Und die deutliche Kritik an seiner Vorgehensweise innerhalb und außerhalb der BVV hat es bislang nicht zum Umdenken bewegt. Die Weiterleitung der Angelegenheit an die Senatsebene ist zwar erfolgt, jedoch vertrat der Bezirk auch dort die Auffassung, der Entwurf „Windfang“ der Künstlerin Katharina Karrenberg sei eine geeignete Würdigung des Ortes. So stellte es Stadträtin Kaddatz ebenfalls erneut dem Kulturausschuss am 7.2.13 dar und rechtfertigte sich, nur das sei bislang finanzierbar. Der eingeschränkte Kunstwettbewerb, den das Bezirksamt 2012 ohne vorherige Information der BVV ab-gehalten hat, könnte juristische Folgen haben. Ob die Künstlerin durch die Entscheidung des Preisgerichts, zu dem auch Kaddatz gehörte, einen Anspruch auf Umsetzung hat, konnte die Stadträtin jedoch nicht beantworten. So lässt sich als eine der wenigen Gewissheiten zum jetzigen Zeitpunkt festhalten, dass der Bezirk die Folgen des eigenen Handelns nicht kennt. Dem unterfinanzierten Wettbewerb, zu dem lediglich fünf Künstler eingeladen waren, lag eine unzureichende Ausschreibung zu Grunde. Im Ergebnis liegt daher kein Beitrag vor, der ohne Überarbeitung geeignet erscheint.

Die Umsetzung des ausersehenen Denkzeichens geht von einem Abriss der vorhandenen Bausubstanz aus, was vom Bezirksamt geplant war. Dagegen hat sich nicht nur die BVV, sondern auch die Geschichtswerk-statt, die Enkelin der Lebers, viele Bürger und nicht zuletzt Kulturstaatssekretär Schmitz ausgesprochen. Die Kenntlichkeit des Ortes zuerst zu zerstören, um dann ein isoliertes Kunstwerk dorthin zu setzen, trifft außerhalb des Bezirksamtes auf wenig positive Resonanz. Ganz zu schweigen von dem Widerspruch, ein Haus zunächst abzutragen, um dann dessen Fundamente in künstlerisch überarbeiteter Form als abstrakten Erinnerungsort zu installieren, wie es der Entwurf von Karrenberg vorsieht.

Seit das Bezirksamt im September 2012 die fünf Entwürfe des Kunstwettbewerbs im Rathaus ausgestellt hat, ist unter interessierten Bürgern eine rege Diskussion in Gang gekommen. Nach einer gut besuchten Veranstaltung des Stadtteilvereins Schöneberg zum Thema im Spenerhaus in der Leberstraße am 22.11.12 hat sich ein regelmäßiger Arbeitskreis entwickelt, der sich im Stadtteilladen in der Crellestraße 38 trifft. Es entstand bei den Gesprächen rasch Einigkeit darüber, dass die Kohlenhandlung Bruno Meyer Nachf. nicht nur ein Gedenkort, sondern auch ein hervorragender Lernort sein kann. Die unscheinbare Fläche, deren Geschichte weit über den Ort hinausstrahlt, steht als Treffpunkt und Ort des Netzwerkens für den zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur. Auch nach 1945 war die Kohlenhandlung, die zugleich Sitz von Annedore Lebers Mosaik-Verlag wurde, ein Ort gegen den Zeitgeist. Die erste Literatur zum Widerstand wurde in der Nachkriegszeit dort publiziert. Herausragend ist die Dichte von historischen Stätten im unmittelbaren Umfeld, in deren Kontext der Lernort zu stellen wäre. Man denke an die aufwendig durch Fördermittel hergestellten Orte Schwerbelastungskörper und Papestraße. Das Kammergericht am Kleistpark wäre als Ort der Schauprozesse des Volksgerichtshofs ebenfalls zu nennen.

Zu den gestalterischen Fragen zählt in erster Linie der Erhalt des Gebäudes als „widerständiges“ Objekt innerhalb der zukünftigen öffentlichen Grünanlage. Die Parzellenstruktur und die Geländetopografie geben dem Ort ein Profil und räumliche Bezugspunkte. Außerdem verweisen sie auf die gewerbliche Vergangenheit der Grundstücke an der Torgauer Straße und das städtische Umfeld. Die Gestaltung, die bislang die Diskussion bestimmt hat, ist jedoch nur ein Aspekt. Erst die historische Darstellung und das dazu notwendige Informationsangebot sowie die Nutzbarkeit für Bildungsarbeit können das Potenzial des Ortes erschließen. Derzeit fehlt dafür nicht nur die Finanzierung und planungsrechtliche Sicherung, sondern im Bezirksamt auch das Verständnis. Die Senatsebene hat sich dazu noch nicht geäußert.

Dörte Döhl

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