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6.12.2017

Lenin in Schöneberg?

„Année impossible“ - „das unmögliche Jahr“ nennen viele Historiker das Jahr 1917.

Lenin. Abbildung aus dem Schöneberger Tageblatt vom 17. Dezember 2017

Die Kriegsfronten verharrten im Stellungskrieg mit ständigem Artilleriebeschuss, der Hunderttausende das Leben kostete. In den Kriegsgesellschaften Europas wuchs die Not auf allen Ebenen bis ins schier Unerträgliche und die moralischen Dimensionen des Miteinanderlebens schienen aus dem Ruder zu laufen. Die USA griffen in den Krieg ein. Und die leitende reichsdeutsche Generalität – vor allem Ludendorff und Hindenburg – setzte aber noch immer auf Sieg und  auf die finanzielle Unterstützung des Militärs mittels der inzwischen 8. Kriegsanleihe („Der letzte Hieb“) des „Hindenburgprogramms“. Teile der noch lebenden Streitkräfte (auch Matrosen auf des Kaisers geliebten Schlachtschiffen) meuterten oder waren kriegsmüde. In Russland musste Zar Nikolaus II. abdanken und die Oktoberrevolution – eigentlich mehr ein Staatsstreich der Bolschewiken - war weitgehend erfolgreich.

Und nun im Dezember 1917 wurde im „Schöneberger Tageblatt“ vom 17. Dezember 1917 den Schönebergern überraschend ein gewisser Bolschewistenführer namens LENIN mit Schlips und Kragen präsentiert. Galt denn die Parole „Jeder Schuß ein Ruß“ nicht mehr? Was war los in Deutschland, im nationalkonservativen Schöneberg, und mit dem „Tageblatt“? Hier ist die Aufklärung:
Im April 1917 wurde eben dieser Bolschewistenführer auf Wunsch der deutschen militärischen Führung im bewachten Eisenbahnwaggon aus seinem schweizerischen Exil nach St. Petersburg durchgeschleust. Hier sollte er mit  Hilfe seiner Partei der Bolschewiki  das zaristische Russland destabilisieren und dessen Soldaten demoralisieren. Und in der Tat war die Revolution der Bolschewiken erfolgreich; viele Soldaten verließen die Front, um in ihrer Heimat Land entsprechend der von den Bolschewiken  sofort durchgeführten Bodenreform („Dekret über den Boden“) zu erlangen. Wegen dieser militärischen Schwäche Russlands und damit aus Einsicht in die Notwendigkeit zum Frieden erließ Lenin im November 1917 das „Dekret über den Frieden“ mit der Aufforderung an die kriegsführenden Parteien der Mittelmächte zum sofortigen Waffenstillstand und Friedensverhandlungen ohne Gebietsannexionen. Und diese Tatsachen waren plötzlich – zusammen mit dem Konterfei Lenins – einen Tag später, am 18. Dezember 1917 im „Schöneberger Tageblatt“ auch in Schöneberg erwähnenswert:

„Waffenstillstand mit Rußland.  Von den bevollmächtigten Vertretern der russischen Obersten Heeresleitung einerseits und den Obersten Heeresleitungen von Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Bulgarien und der Türkei andererseits ist am 15. Dezember 1917 in Brest-Litowsk der Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet worden. Der Waffenstillstand beginnt am 17. Dezember mittags und gilt bis zum 14. Januar 1918. Falls er nicht mit siebentägiger Frist gekündigt wird, dauert er automatisch weiter. Er erstreckt sich auf die Land-, Luft- und Seestreitkräfte der gemeinsamen Fronten. - Nach Artikel IX des Vertrages beginnen nunmehr im Anschluß an die Unterzeichnung des Waffenstillstandes die Verhandlungen über den Frieden.“
 
Soweit so gut, aber die Friedensverhandlungen zogen sich bis zum Friedensvertrag von Brest- Litowsk vom 3. März 1918 hin. Das innerlich und militärisch geschwächte Rußland musste dabei notgedrungen  seine Hoheitsrechte in großen Gebieten (u.a. Polen, Kurland, Litauen) aufgeben, Estland, Livland und Teile Weißrusslands wurden mit deutschen Truppen besetzt. Finnland und die Ukraine wurden als selbständige Staaten anerkannt.

Ein Weltkriegsfrieden war aber damit längst nicht erreicht. Im Gegenteil: Große Teile der  deutschen  Truppen konnten nunmehr im März 1918 von der Ostfront  an die Westfront abgezogen werden, wo das Blutvergießen - nunmehr mit neuem Mut, mehr Soldaten  und inzwischen moderneren Waffen - in der Hoffnung auf den „Endsieg“ seine Fortsetzung fand. Schon am 21. März 1918 erfolgte ein erfolgreicher deutscher Überraschungsangriff mit Artilleriefeuer, Tränen- und Chlorgas. Am 23. März hatten die Kinder deshalb für Siegesfeiern schulfrei. Wie hieß es schon vorausschauend so schön in der Laudatio zum 70. Geburtstag des Obersten Befehlshabers, Generalfeldmarschall Hindenburg, im Jahr 1917 im „Schöneberger Tageblatt“:

„Einen wahrhaft genialen Schachzug aber führt er im Westen aus. als sich unsere Truppen zu diesem Angriff rüsten, der nach Zahl der Kämpfer und der Masse der Vernichtungsmittel alle bisher geltenden Mengen übertreffen sollte … und macht so dem Feind einen Strich durch die Rechnung.“

Hartmut Ulrich

Hinweis: Das Deutsche Historische Museum zeigt im Zeughaus bis zum 15. April 2018 die Ausstellung: „1917. Revolution. Russland und Europa.“ 500 Exponate, darunter 180 aus Moskauer Museen (!) sind hier zu sehen. Infos unter: www.dhm.de/ausstellungen

Öffnungszeiten: täglich 10.00 bis 18.00 Uhr. Eintritt: 8/ ermäßigt 6 Euro (gilt auch für alle weiteren Ausstellungen des Deutschen Historischen Museums)