Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

31.10.2016

Lebendige Friedhöfe

Gedanken an den Tod werden im Alltagsstress verständlicherweise gerne ausgeklammert. Allenfalls der November, dieser trübe, graue Monat, der den beginnenden Winter erahnen lässt, erinnert mit seinen vielen Gedenktagen (Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag) an die Vergänglichkeit des Daseins.

Auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof. Foto: Rita Maikowski

Dem Sterben und Tod kann niemand ausweichen, irgendwann wird jeder damit konfrontiert, sei es mit dem Tod von Verwandten oder Freunden - und letztlich mit dem eigenen.

Was danach kommt - nicht im religiösen Sinne gemeint, sondern im weltlichen - wird weitestgehend vom jeweiligen Kulturkreis bestimmt - Trauerrituale und Beerdigungsriten bestimmen sich nach gesellschaftlichen Vorgaben. Aber unsere Gesellschaft hat sich insbesondere in den letzten Jahrzehnten gewaltig verändert. Individualisierung steht hoch im Kurs. Und sie drückt sich auch zunehmend im Bedürfnis aus, das Wie und Wo der eigenen Bestattung vorab festzulegen.

Im Testament oder entsprechenden Verfügungen kann jeder bestimmen, welchen Weg seine sterbliche Hülle nehmen soll, ob der letzte Weg in einem Sarg (Erdbestattung auf einem Friedhof), einer Feuerbestattung, mit Beisetzung der Urne auf einem Friedhof, dort auch vielleicht in einer Gemeinschaftsgrabanlage, oder in einem Friedwald (Baumbestattung), oder auf See (Seebestattung, üblicherweise auf Nord- oder Ostsee, möglich aber auch auf allen Weltmeeren), oder in einer anonymen Bestattung enden soll. Besondere behördliche Voraussetzungen erfordern muslimische Bestattungen (ohne Sarg). Und wer seinen Lieben und deren Nachfahren ewig in Erinnerung bleiben möchte, der entscheidet sich vielleicht für eine „Diamantenbestattung“: Nach der Einäscherung des Verstorbenen wird amorpher Kohlenstoff  aus den Ascheresten in einem Veredelungsprozess zu einem synthetischen Diamanten gepresst, die restliche Asche wird beigesetzt. Nun ja. Letztlich alles auch eine Frage der Kosten.

Bei all diesen möglichen, insbesondere außerhalb eines traditionellen Friedhofs, teilweise recht abenteuerlich anmutenden Bestattungen, stellt sich die Frage: Was bleibt den Hinterbliebenen? Einen Ort des Gedenkens, ein Grab, das gepflegt werden muss und damit den geliebten Verstorbenen immer wieder in Erinnerung bringt, gibt es bei den neuartigen Bestattungsformen nicht mehr. Daran sollte denken, wer seine eigene Beerdigung plant. In unserer heutigen mobilen Gesellschaft können Hinterbliebene, Kinder und Enkel, aufgrund vielfachen Ortswechsels, oft bedingt durch berufliche Veränderungen, sich einfach nicht mehr um Grabpflege kümmern. Natürlich erledigen das auch sehr kompetent Friedhofsgärtnereien, aber das ist ja nur ein Teil des Ganzen. Eine in der Ferne gepflegte Grabstätte verliert ihre Bedeutung als Ort des Gedenkens.  

Infolge der sich wandelnden Bestattungskultur leiden insbesondere innerstädtische Friedhöfe unter mangelndem „Nachwuchs“. Das mag jetzt etwas makaber klingen, aber tatsächlich werden immer weniger Grabstellen benötigt. Gräber, deren Ruhezeit  abgelaufen ist, wuchern zu, ebenso die Wege, die Grabsteine verfallen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür bietet der Friedhof an der Bergstraße in Steglitz. Als Parkfriedhof  bereits im Jahr 1875 angelegt, bietet er heute ein vielfältiges Bild. Einerseits normale Friedhofswege, mit wohlgepflegten Gräbern, eine Gemeinschaftsgrabanlage (Urnen), aber in großen Teilen auch völlige Wildnis. Durch kleine Wälder und Strauchlandschaft ziehen sich überwachsene Pfade, hier und da gespickt mit verwitterten Grabsteinen.  

Genau das ist ein neues Friedhofsprojekt: Biodiversität, also biologische Vielfalt, Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Ein lebendiger Friedhof. Bereits 2006 hat der Berliner Senat einen Friedhofsentwicklungsplan (FEP) verabschiedet: Bis 2025 sollen sich von ca. 1176 ha städtischer Friedhöfe insgesamt ca. 340 ha Umwidmungsflächen in Naturoasen entwickeln und der „stillen Erholungsnutzung“ dienen.

Aber auch die verschiedenen Friedhofsverwaltungen arbeiten selbständig an Konzepten, um weiterhin „attraktiv“ zu bleiben. Auf der Bundesgartenschau 2009  erstmals als Konzept vorgestellt: Die Memorialgärten. Dabei wird die klassische Anordnung von Gräbern und Wegen durchbrochen. In einen gartenähnlichen, mit Elementen wie Wasserspielen und Monolithen geschmückten Areal werden die - nicht anonymen - Grabstätten integriert. Memorialgärten gibt es in Berlin z.B. auf den Friedhöfen in Steglitz und Zehlendorf. 2008 wurde der „Garten der Sternenkinder“ auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof an der Großgörschenstraße in Schöneberg eingeweiht. Eine mit buntem Spielzeug liebevoll gestaltete Gedenk- und Ruhestätte für Fehl- und Totgeburten und Babys, die während oder kurz nach der Geburt gestorben sind.

Auch kulturell rücken Friedhöfe immer mehr in den Fokus. Seit 10 Jahren widmet sich der EFEU e.V. auf dem St. Matthäus Kirchhof der Erhaltung und Pflege des kulturhistorischen Friedhofs mit Führungen, Ausstellungen und Veranstaltungen, wobei nicht nur die illustren Grabstätten der vergangenen Jahrhunderte gewürdigt werden, sondern auch die soziale und kulturelle Kommunikation der Generationen gefördert werden soll. Und bereits 2006 eröffnete der Schauspieler und Schwulenaktivist Bernd Boßmann in dem ungenutzten Verwaltungsgebäude am Friedhofseingang Deutschlands erstes Friedhofscafé, das „Finovo“.

Noch lebendiger werden Friedhöfe in der Zukunft. Bereits heute gibt es auf einigen Grabsteinen prominenter Verstorbener QR-Codes, diese kleinen Quadrate, die, eingescannt auf ein Smartphone, über das Leben des Verstorbenen informieren. Und virtuelle Friedhöfe (auch Online-Friedhöfe oder Internetfriedhöfe genannt) existieren schon seit den 1990er Jahren. Auf diesen speziellen Websites können Angehörige und Freunde für den Verstorbenen Gedenkseiten und Kondolenzbezeugungen erstellen und sogar virtuelle Kerzen anzünden. Da rückt doch auch die Idee eines „Domain-Friedhofs“, einer Begräbnisstätte für nicht mehr aktuelle Internet-Domains, als Aprilscherz von der Zeitschrift „Friedhofskultur“ im letzten Jahr kolportiert, in gar nicht so weite Ferne.

Rita Maikowski

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