Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.08.2020

Landaufenthalte für Großstadtkinder

von Maria Schinnen Da hatte die deutsche Kaiserin Auguste Viktoria doch einen klugen Gedanken, als sie nach dem langen Hungerwinter 1916/17 vom schlechten Ernährungszustand und den nachlassenden körperlichen und geistigen Kräfte ihrer jugendlichen Landeskinder erfuhr. ...

Bildautor unbekannt.

Die Unterernährung hatte so verheerende Ausmaße angenommen, dass das Wachstum der Kinder für Jahre zurück-geblieben und ihre Widerstandsfähigkeit so geschwächt war, dass die Tuberkulose sich mehr und mehr ausweiten konnte. „Landluft macht gesund“, sagte sich die Landesmutter und schlug im Frühjahr 1917 mehrmonatige Landaufenthalte zur Erholung für Stadtkinder vor.

Der Gedanke wurde bald zur Tat und führte im Frühjahr 1917 zur Gründung des Vereins „Landaufenthalt für Stadtkinder“. Im ersten Jahr versendeten allein Schöneberg und Friedenau insgesamt 4.500 6- bis 14-jährige Kinder für vier Monate zu bäuerlichen Pflegefamilien ins Mecklenburger Land. Begleitet wurden sie von Betreuerinnen, die die Reiseaufsicht hatten und auch vor Ort nach dem Rechten sehen sollten. Seitdem wiederholten sich die Reisen jährlich. Im Jahr 1920 erließ die Gemeindevertretung Friedenau schärfere Bedingungen für die Aufenthalte, die darauf schließen lassen, dass es zu manch unliebsamen Erscheinungen gekommen war.

Angemeldet werden konnten nur noch Kinder minderbemittelter oder kinderreicher Familien. Die Kinder mussten frei von ansteckenden Krankheiten und Ungeziefer sein, sich gehorsam, bescheiden und dankbar verhalten, sollten nicht über das Essen oder die mitunter einfach eingerichteten Wohn- und Schlafräume mäkeln oder mit ihren eigenen, vielleicht besseren Lebensverhältnissen (Wohnung, Badeinrichtung, Kinobesuche) prahlen. Außerdem sollten sie sich durch Wohlverhalten in der Schule des Landaufenthaltes als „würdig“ erwiesen haben, was von ihren Lehrern zu bescheinigen war. Bettnässer waren ausgeschlossen oder wurden sofort zurückgesandt. Die Eltern verpflichteten sich, 1,50 Mark pro Tag an die Gemeindekasse zu zahlen. Dafür wurden Reisekosten, Unfall- und Haftpflichtversicherung übernommen. Unterkunft und Verpflegung vor Ort waren frei, jedoch sollten die Kinder als Gegenleistung altersgemäße Arbeiten auf dem Hof übernehmen. Von den Mädchen wurde Mithilfe im Haushalt, Kartoffelschälen, Ausfegen, Ab-waschen u. drgl. erwartet, von den Jungen Kühe- und Gänsehüten. Die ihnen übertragenen Arbeiten sollten sie gern, willig und ohne Widerrede übernehmen und sie gewissenhaft ausführen. Die Eltern mussten die Kinder auf diese Arbeiten vorbereiten, damit sie sich nicht so ungeschickt anstellten. Die mitgegebene Kleidung sollte einfach, „bauernhaft“, nicht löchrig oder zerrissen und eher dunkel sein. Von den Bäuerinnen sei nicht zu erwarten, neben ihrer schweren Arbeit auch noch weiße Kleidung zu waschen. Den Eltern war es verboten, die Kinder zu besuchen oder um Lebensmittel für sich selbst zu bitten.

Die Landaufenthalte wurden in der Regel von Mai bis Oktober durchgeführt. Besonders willkommen waren sie während der Erntezeit Juli bis September, da in dieser Zeit „dem Landmann Hilfe am meisten Not tut und jede Hand willkommen ist“. Die „Arbeit in freier Luft und belebender Sonne“, dazu „die ausreichende, gesunde, derbe Verpflegung der bäuerlichen Küche“ schienen perfekte Mittel, um „die geistige Spannkraft und Lernfähigkeit der Großstadtjugend“ wieder herzustellen. Und ganz nebenher lernten die Großstadtkinder auch, wie aus Milch Butter wird, wie mühselig Kartoffeln geerntet werden, wie arg überhaupt ein Landwirt sich plagen muss und wie töricht es sei, ihn gering zu schätzen und von oben herab zu betrachten, was in der Vergangenheit wohl häufiger der Fall gewesen war. Daher sollten die Kinder vor ihrer Abreise unbedingt über die Bedeutung der Landwirtschaft für die Ernährung des deutschen Volkes belehrt werden.

Der Friedenauer Lokalanzeiger veröffentlichte im Mai 1917 den Bericht einer Reisebetreuerin über die erste Reise Friedenauer Kinder. So erhalten wir einen sehr lebendigen Eindruck von den damaligen Aufenthalten.
„Wir versammelten uns um 6.15 am Friedrich Wilhelm-Platz. Erlaubt waren nur Rucksäcke oder kleinere Pappkartons. Den Rest sollten die Eltern nachschicken. Diese mussten sich am Startplatz verabschieden und dann ging es mit der Straßenbahn zum Stettiner Bahnhof, wo ein Sonderzug wartete. Unser Transport ging bis zur kleinen Stadt Prenzlau. Die Aufnahme am Bahnhof war sehr herzlich. Die Frauenvereine, welche die Verteilung vorgenommen hatten, die Herren der Stadtverwaltung und sämtliche Pflegeeltern aus der Stadt waren gekommen. 10 - 12 Leiterwagen standen bereit, welche die Kinder in die nächsten Dörfer fahren sollten. Die Kinder wurden nach den Ortschaften aufgerufen. Schnell war das Gepäck verstaut. Die Kinder nahmen auf den Strohsäcken in den Wagen Platz, dann ein fröhliches Winken und die Fahrt ging los. Traurig waren die Leute, deren Pflegekinder nicht mitgekommen waren. Jeder hatte sich auf ein Pflegekind gefreut. Am Nachmittag und am nächsten Morgen besuchte ich die Kinder, die in der Stadt und in der nächsten Umgebung wohnten. Alle erzählten zuerst, was sie Gutes gegessen hatten: „Wir bekommen zum Frühstück ein Ei und Milch, so viel wir wollen“. „Wir haben 60 Hühner und 14 Kühe. Brot haben wir gebacken und jeder durfte ein kleines für sich selbst backen.“ „Gestern haben wir 5 und heute 6 kleine Schweine bekommen.“ „Wir haben soeben frische Butter gemacht und da bekam ich eine dick mit Butter bestrichene Stulle. Das hat aber geschmeckt!“ „Heute haben wir ein Schwein geschlachtet, das essen wir morgen auf.“ Wo Kinder im Haus waren, war das Eingewöhnen rasch gegangen. Abends ist allen ein bisschen Heimweh angekommen. Erst hat man es sich nicht anmerken lassen, als es aber wiederkam, wurden in tiefunglücklicher Stimmung die ersten Briefe nach Hause verfasst. Ich möchte den Eltern folgendes raten: Gebt dem Heimweh nicht nach! Reist vor allem nicht hin! Einmal habt ihr euch verpflichtet, es nicht zu tun und außerdem würde das Heimweh nur größer werden. Schickt den Kindern Bücher, Handarbeiten, Spielsachen! Bei Arbeiten und Spiel wird der Kummer am schnellsten vergessen. Lest nicht Sachen aus den Briefen der Kinder heraus, die gar nicht drinstehen! Die tränenvollen Augen sehen nichts von der Schönheit der Natur, nichts von dem Frieden des Landlebens, nicht die liebevolle Fürsorge der Pflegeeltern. Schreibt ihnen oft und schreibt fröhlich!“

Nach den Aufenthalten wurden alle Kinder gewogen. Ergebnis: Die gesunde, kräftige Kost und der ständige Aufenthalt in frischer, reiner Luft hatte aus den unterernährten, blassen Großstadtkindern blühende, gesunde Menschen werden lassen Einige hatten bis zu 18 Pfund zugenommen.

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