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5.05.2019

Kurze Geschichte des Schöneberger Südgeländes

Bis in die 40er Jahre galten das Bahngelände am Gleisdreieck und die Verbindung über den „Flaschenhals“ zum Südgüterbahnhof als die größten Rangier- und Verschiebeanlagen für den Güterverkehr der Bahn innerhalb des Deutschen Reiches.

Impressionen aus dem Naturpark Südgelände. Fotos: Dieter Hoppe

Nach dem 2. Weltkrieg, der Blockade Berlins und dem Mauerbau wurden die zur Deutschen Reichsbahn gehörenden Bahnanlagen sukzessive abgebaut. Die DDR errichtete ihre Anlagen vor allem  in Wustermark. In West-Berlin wurde der Güterverkehr überwiegend über die Anlagen Grunewald und Tempelhof geleitet. Bis auf wenige Aktivitäten (z.B. Reparaturen im Reichsbahnausbesserungswerk) wurde der ehemalige Südgüterbahnhof funktionslos. Mutter Natur begann nahezu ungestört von menschlichen Eingriffen ihr Eroberungswerk.

Aktuell kann man bei Wikipedia über die Geschichte des Südgeländes lediglich nachlesen: „Ende der 70er Jahre kamen Überlegungen auf, auf dem Gelände einen neuen Südgüterbahnhof zu errichten, der alle Güterbahnhöfe im Süden Berlins ersetzen sollte. Hierzu wurden entsprechende Vereinbarungen zwischen dem Berliner Senat und der Reichsbahn getroffen, letztlich jedoch nicht umgesetzt. Als 1980 mit den Rodungen des teilweise überwachsenen Gebiets begonnen werden sollte, konnten Bürgerinitiativen den Nachweis des ökologischen Wertes des Geländes erbringen und die Rodung verhindern. 1989 wurden die Planungen für den Südgüterbahnhof endgültig aufgegeben.“
Aber die Wirklichkeit war – im Spannungsfeld des Kalten Krieges - verzwickter, komplexer und zugleich ein Lehrstück für Intransparenz diesseits und jenseits der Mauer, sowie im Westteil der Stadt ein Kampf zwischen Goliath (Politik und Verwaltung) gegen David, einem gemeinsamen Bündnis von Bürgerinitiativen und ortsverbundenen Parteiorganisationen verschiedenster Couleur, endend mit einem Sieg der Vernunft.
Prolog:  21.2.1974: Grundsatzvereinbarung zwischen Senat und Reichsbahn: Der Senat wünschte sich von der Deutschen Reichsbahn die Überlassung des brachliegenden Geländes am Anhalter Bahnhof für eine Bebauung mit Wohnungen und Gewerbe, die Bahntrasse neben der Wannseebahn für den Bau einer autogerechten Westtangente und vor allem die Genehmigung für die Unterquerung der Sachsendammbrücken für den Weiterbau der Stadtautobahn, denn am Schöneberger Kreuz war der Stadtring zu Ende. Dafür sollte der ehemalige Rangier- und Verschiebebahnhof mitten in Schöneberg/Tempelhof für die Reichsbahn reaktiviert und modernisiert werden. 500 Millionen DM wurden dafür vereinbart. An die Belastungen der Bürger durch Lärm und Verkehr hatte man  nicht gedacht; ebenso waren die Begriffe ökologische Konsequenzen und Naturschutz damals noch Fremdwörter.
1. Akt – Auftritt der Politik: 28.6.1979 stimmte das Abgeordnetenhaus einem inzwischen ausgehandelten Geheimvertrag zu. Die Unterzeichnung dieses  Vertrags durch Senat und DDR folgte am 24.1.1980. Im Oktober 1980 sollten die Rodungsarbeiten des „wilden Grüns“ als bauvorbereitende Maßnahmen ohne das dafür notwendige Planfeststellungsverfahren nach dem Muster „ Politik der vollendeten Tatsachen“ beginnen.

2. Akt – Auftritt Davids: Oktober  1980:  Gründung der Bürgerinitiative (BI) Schöneberger Südgelände, die mit einstweiliger Verfügung gegen die geplanten Rodungsarbeiten drohte. Unterstützt wurde die BI durch die Alternative Liste und  im November  durch die  BVV Schöneberg.  Das Stadtökologische Symposium der IBA forderte, die Einrichtung  des „einzigartigen Phänomens Südgelände in Europa, das in seiner Artenvielfalt alle künstlich angelegten und herkömmlichen Kulturparks übertreffen“ als Naturschutzgelände auszuweisen. Am 4. November 1980 legte der Senat das 1. Planfeststellungsverfahren vor. Bis zum 11. Dezember gingen 2.000 Einwendungen wegen formaler Fehler ein, vor allem wegen zu kurzer Auslegungsfrist der Unterlagen und fehlender Berücksichtigung des Naturschutzgesetzes und der Umweltverträglichkeitsprüfung. Die geplanten Rodungsarbeiten wurden ausgesetzt.

3. Akt – Auftritt Goliaths: Ab 2. August 1982 (Ferienzeit!!) folgte die Auslegung der 2. Planungsunterlagen im weit von Schöneberg entfernten Berlin-Pavillon am S-Bahnhof Tiergarten. Naturschutz und Ökologie sah man damals so: Als „landschaftspflegerische Maßnahmen“ sollte die Bevölkerung zugunsten der Baumaßnahmen, grotesk formuliert, u.a. akzeptieren: „... die Zerstörung eines einmaligen naturnahen Landschaftstyps der Innenstadt mit reich gegliederten Vegetationsstrukturen, vielfältiger Wildflora, seltenen Faunenelementen und technischen Wahrzeichen, die die Geschichte dieser Stadt widerspiegeln …“

4. Akt – Auftritte des mehrstimmigen Chores: In der lt. TAZ  apostrophierten  „Volksfront gegen Umweltzerstörung und Steuerverschwendung“ vom 12.8.82 sammelten sich nunmehr zahlreiche  widerborstige Gruppierungen gegen das Projekt: Kleingärtner der Schutzgemeinschaft Schöneberger Südgelände, Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz, Studienkreis Berliner Schienenverkehr, Spediteure Gleisdreieck, AL-Schöneberg und Tempelhof. Die AL-Fraktion beantragte im Abgeordnetenhaus die Vorlage eines Gesamtkonzepts Berliner Güterverkehr und eine Neuplanung. Im November 1982 folgte eine Pressekonferenz der BI-Südgelände im Nachbarschaftsheim Schöneberg zur Aufklärung der Bürgerschaft. Thema: Der aktuelle Planungsstand und die Planungsabsichten des Senats. Dabei wurde auch das  Klimagutachten der TU vorgestellt, in dem das gesamte Südgelände als eines der wichtigsten Durchfeuchtungs- und Kaltluftentstehungsgebiete der Innenstadt erklärt wurde.  Bereits im Februar 1983 lagen 3000 Einwände gegen das Planfeststellungsverfahren vor. Die SPD-Fraktion schloss sich im März 1983 dem AL-Antrag im Abgeordnetenhaus an.
5. Akt – Intermezzo: Es folgten zahlreiche Diskussionen, Ausschuss-Sitzungen, Pressekonferenzen, Gutachterstreitgespräche, deren Darstellung den Rahmen unserer Zeitung sprengen würden. Neuverhandlungen mit der DDR erhielten mehr und mehr oberste Priorität, und der Gedanke eines Grünzuges (Grüntangente zwischen Potsdamer Platz und Zehlendorf) wurde geboren.

6. Akt – Finale: 1989 wurden die Planungen des Südgüterbahnhofs aufgrund der massiven Proteste, der Überdimensionierung  und der veränderten politischen Lage  aufgegeben.

7. Epilog – Fortuna überlässt der Natur das Südgelände: Die Reichsbahn beendete1993 endgültig die Nutzung ihres ehemaligen Bahnbetriebswerkes; 1995 übereignete die Deutsche Bahn dem Senat das gesamte Gelände als Ausgleich für Eingriffe in die Natur beim Ausbau der neuen Verkehrswege in der Innenstadt. Die landeseigene „Grün Berlin GmbH“ übernimmt das Gelände und baut es mit  Unterstützung der „Allianz-Umweltstiftung“ mit zunächst 1,8 Mio DM  zum heutigen Naturpark aus. Mutter Natur kann nunmehr ihr leises Eroberungswerk fortsetzen. Frau Suhrhoff von „Grün Berlin“ übernimmt die Koordination. Die Künstlergruppe ODIOUS gestaltet die eisernen Wege und Monumente im Landschafts- und Naturschutzgebiet. Der „Giardino segreto“ entsteht. Das Gelände heißt nunmehr Natur KunstPark. Dank weiterer großzügiger Unterstützung der Allianz-Umweltstiftung wird 2018 die Ausstellung vor dem Wasserturm eröffnet. Sie zeigt einen Überblick über die vielfältigen, z.T. sehr seltenen floristischen und faunistischen Arten in den verschiedenen Habitaten des Geländes. Zahlreiche ökologische Gutachten bestätigen den einmaligen biologischen und  klimatischen Wert des Geländes.
Quelle: Das verborgene Grün von Schöneberg. BI – Südgelände. Berlin 1985

Langer Tag der StadtNatur im Naturpark Schöneberger – Südgelände
Motto: Natur-Kunst meets Land-Art
25. Mai von 15 bis 20 Uhr und 26. Mai von 11 bis 17 Uhr

Hier können Jung und Alt die vielfältige Symbiose von Natur und Kunst erleben.
Schwerpunkte sind Führungen zu den ansässigen Einrichtungen der Künstlergruppe ODIOUS, Kostproben aus dem Theater-Programm von Frl. Brehm und der Shakespeare-Company sowie der biologische Rundgang „Die Kunst der Pflanzen zur Eroberung der Industriebrache“ mit Dr. Gottfried Wiedenmann.

Hinzugekommen sind vielfältige Angebote für Blinde bzw. Personen mit eingeschränkter Sehfähigkeit in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Greenpeace stellt sein Projekt „Gefährdung der Bienen“ vor.

Die Mantidenfreunde Berlin-Brandenburg bieten Einsichten in das Leben der Mantis religiosa (Gottesanbeterin), dem Insekt des Jahres 2017, an. Auch für Kinder gibt es zahlreiche Angebote.

Am Sonntag stellt sich die Schöneberger Musikschule Leo Kestenberg mit einem vielseitigen Musikprogramm vor.

Das gesamte Programm finden Sie unter: info@suedgelände.de und Tel. 700 906 760
Der Haupteingang befindet sich direkt am südlichen Ausgang des S-Bahnhofs Priesterweg.

Der Eintritt ist nur möglich mit dem StadtNatur-Tickett und kostet für beide Tage 7.- ermäßigt 5.- Euro.

Text: Hartmut Ulrich
Fotos: Dieter Hoppe

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