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28.11.2012 / Menschen in Schöneberg

„Kunst hat auch etwas mit Lebenskunst zu tun...“

Wenn etwas zuwege gebracht werden soll, muss erst mal eine Vorstellung davon entstehen. Das ist bei einer Autobahn nicht anders als bei einer Zeitungsausgabe. Die Idee zu einer Beschäftigung mit dem Thema Künstlertum entstand auf dem Sommerfest der Redaktion in einem schönen Laubenpiepergarten. Zuerst wurden selbstgemachte Speisen gereicht, dann wurde der Holzscheitofen in die Mitte gestellt, und schließlich kam das Thema zum Vorschein.
Elfie Hartmann

So wurde mir dies zumindest erzählt, denn ich war an diesem Abend leider nicht dabei. Und da die Redaktion in ihren Reihen mehrere Romanautoren und Bildende Künstler weiß, hieß es, man könne doch aus deren Erfahrungsschatz schöpfen. So kam die Redaktion auf die Idee, ich wüsste doch genau, worum es bei diesem Thema ginge. Ich möge also meine ganz persönlichen Gedanken und Erfahrungen als bildende Künsterlin, Lyrikerin und Fotografin beschreiben – was ich hiermit gerne tue ...

Die Anfänge als Künstlerin

Mein eigener Start war wirklich extrem schwer. Ich habe von ganz unten, ganz bescheiden auf dem Künstlermarkt angefangen, meine Arbeiten anzubieten. Ich hatte null Unterstützung von niemandem, obwohl die Möglichkeit seitens meiner Eltern vorhanden gewesen wäre. Eine mir aufgezwungene kaufmännische Ausbildung habe ich abgeschlossen. Aus Sparsamkeit und Geldnot habe ich zunächst Porträts mit Kohle auf Pappe gezeichnet. Trotzdem schaffte ich permanent irgendwie, sämtliche Zusatzausbildungen und Studien-reisen stets selbst zu bestreiten.Ich arbeitete in meinem eiskalten, im zweiten Stock gelegenen ersten „Atelier“ in Friedenau, das ich Mitte der Sechziger für stolze siebzig DM gemietet hatte. Dafür gab’s außerhalb, ein Stockwerk höher, einen Herd, nebenan eine Toilette plus Waschbecken auf dem für alle Mieter zugänglichen Hängeboden. Alles natürlich ohne Heizung, gar warmem Wasser ...

Leben für die Kunst und mit der Kunst

Durch Kunst leben zu wollen, ist immer mit einem inneren Zwang verbunden, ja fast mit einem Defekt gleichzusetzen. Denn es gibt weitaus leichtere Arten, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Daher begleitet mich Existenzangst, so-weit ich zurückdenken kann, auch wenn ich, wie später dann, gute Abnehmer, sogar einige Sammler, meiner Gemälde und Fotografien hatte. Finanzieller Gewinn war nie mein Ziel, nein, bis heute nicht, doch zeugt die Höhe der individuellen Bezahlung ziemlich sicher von der Wertschätzung der künstlerischen Arbeit, das muss auch gesagt werden. Die anfängliche Geldnot machte erfinderisch, und auf der mutigen, ja manchmal recht riskanten Suche nach Lösungen, begegneten mir viele Umstände und Menschen, die unvergesslich bleiben werden. Ich wollte mich mehr und mehr vorwiegend in Gesellschaft von anderen „echten Kunstdurchdrungenen“ befinden. Kunst an sich ist so unermesslich facettenreich, vielschichtig und ich folge wohl lebenslang dieser für mich verheißungsvollen Spur.

Kunst, Broterwerb und Muttersein

Rechtzeitig erkannte ich, dass ich absolut keine „Frontseele“ bin. Davor war Opernsängerin einer meiner Berufswünsche. Irgendwann habe ich für eine Filmagentur als Komparsin zu arbeiten begonnen, je nach Bedarf und Zeit. Obwohl es sich finanziell schon damals nicht wirklich lohnte, bin ich für die Erfahrungen sehr dankbar. Es war aber eben nur ein Nebenjob. Ich war die ganze Zeit noch mit der Malerei über die Runden gekommen. Auch habe ich gar nicht so selten auf direkte Bitten hin einige Rechnungen mit Gemälden "bezahlen" können. Aber nichts sieht ja später so einfach aus wie eine verwirklichte Idee. Die dahinter steckende Arbeit wird nicht gesehen. Dazu kam: Auch mein kleiner Sohn durfte trotz Scheidung und Domiziländerung auf keinen Fall zu kurz kommen. Ich sehe ihn noch als Erstklässler vor mir, wie er seine Schularbeiten machte im Seehof Hotel am Lietzensee, während ich meine Ausstellung dort vorbereitete.

Das wahre Künstlertum

Ein Künstler – eine Künstlerin – muss meiner Meinung nach - ohne wenn und aber VERSUCHEN, und es auch schaffen, seine Existenz ausschließlich durch seine künstlerischen Arbeiten zu sichern. Was das jedoch wirklich manchmal für OPFER erfordert, ist unbeschreiblich. Jedoch: der wahre Künstler arbeitet unverdrossen – ja: zwanghaft weiter. Kunst muss auch immer ihren immateriellen Preis haben - so empfinde ich es auch nach all diesen Jahren immer noch. Allerdings ist es nicht unerheblich, die "Kunst" des Knüpfens von Seilschaften zu beherrschen bzw. auch einmal opportunistisch sein zu können. Wer dies nicht beherrscht, ist nur zu oft arm dran. Künstler gibt’s wie Sand am Meer, doch: mögen auch so viele wunderschöne Blätter an einem Baum da im Winde schweben, gewertschätzt wird dann nur das eine, welches zufällig und leuchtend zu Boden gefallen ist, von einem Kind entdeckt, mit nach Hause genommen und im Album für die Enkel gepresst die Jahre übersteht.

Der Umgang mit Selbstzweifel

Mich plagten sehr viele Selbstzweifel, gerade am Anfang meiner Karriere. Ich malte trotzdem stets unverdrossen, ja beinahe besessen, immer weiter und war über meine späteren Erfolge dann selbst ganz erstaunt. Dies ist eigentümlicherweise eigentlich bis heute noch so. Meine ganz private „Notlösung“ ist dann folgende: Bin ich mal wieder von größeren, fast unerträglichen Selbstzweifeln geplagt, so öffne ich einfach www.elljot.com und alles vorübergehend außer Balance Geratene kommt zunehmend ins Lot. Meine öffentliche Performance auf Youtube als Anhang ist dann die ganz private Krönung! Ich kann danach wie getrieben weiterarbeiten: malen, zeichnen, dichten, fotografieren oder schreiben, jeweils nach Zeit und Befindlichkeit.

Mein Fazit:

Kunst hat auch etwas mit Lebenskunst zu tun denn es gibt weitaus bessere - und einfachere Weisen, seinen Lebensunterhalt zu sichern. "Die Lust des Schaffens in Weihe-stunden, die haben die Dilettanten erfunden: Die Qual des Schaffens im Nie-sich-Genügen: Das ist das wahre Künstlervergnügen!" (Zitat eines unbekannten Seelenverwandten)

Elfie Hartmann

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