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05.05.2011 / Menschen in Schöneberg

Kriegsende und Neuanfang in Friedenau

Wer Genaueres zur Ortsgeschichte wissen will, der geht am besten ins Archiv, das jedem Wissbegierigen kostenlos zur Verfügung steht. Dort wird auch die Abschrift eines Tagebuchs aufbewahrt, das Etti Schulz-Koall aus der Friedenauer Goßlerstraße in der schweren Zeit des Kriegsendes führte, weil sie sich infolge der ausgefallenen Postzustellung ihrem Mann nicht mehr mitteilen konnte.
Schwere Zeiten. Foto: Archiv Heimatverein Steglitz
Mangelware. Foto: Archiv Museen Tempelhof Schöneberg

Am 21. April 1945 trägt sie dort ein: „Wir stehen seit heute nachmittag unter Artilleriebeschuß … Heute früh stand in der Zeitung, daß es ab heute kein Gas und keinen Strom mehr gibt, ausser bei Alarm, aber dann nur für Schutzräume und Radio. Wer Strom für Kochzwecke nutzt, fällt unter Kriegsrecht.“

22.4.: „Heute früh standen vor den Lebensmittelläden lange Schlangen, nach mehrstündigem Warten erwarb ich alles außer Bohnenkaffee, der war noch nicht da. Soviel Lebensmittel habe ich schon lange nicht mehr beisammen gehabt:“

24.4.: “Am Kaiser Wilhelmplatz in Schöneberg hängt an einem Baum ein Soldat mit einem großen Schild auf der Brust: Mein Name ist Höhne. Ich bin ein Verräter und habe nicht für Frau und Kinder kämpfen wollen … Der gestrige Tag verlief für uns ohne besondere Ereignisse. Sehr viel Beschuß, aber daran hat man sich gewöhnt … im Südwesten sind sie bis Lichterfelde vorgestoßen. Heute vormittag mußte ich in die Fasanenstraße laufen, um aus dem Büro Öl und drei Büchsen Suppe zu holen … Ab Hohenzollernplatz ging das Granatengehen los, es war ja anders als wir das von den Fliegerbomben gewöhnt sind, viel kürzer, ein kurzes helles Singen, dann der Einschlag … Eine Granate nach der anderen krepierte, die Splitter flogen einem nur so um die Ohren. Man bewegte sich von Hausflur zu Hausflur.“

25.4.: „Es ist ein entsetzliches Leben, was man jetzt führt, da-bei geht es ja eigentlich noch, noch hat man zu essen, noch hat man seine Wohnung und ist unverletzt, aber jede Stunde kann die letzte sein. Augenblicklich ist wieder ein Höllenlärm. Sie schießen mit Bordwaffen, das ist ein unaufhörliches Geknatter. Da-zwischen dröhnen Bombeneinschläge. Ich fürchte den Tag, wo auch ich die Nerven verliere, aber das darf nicht sein. Ich muß mich zusammennehmen. Solange man noch zu rauchen hat, geht das auch.“

26.4.: „Es heißt, die Russen sind wieder bis zum Botanischen Garten zurückgedrängt worden, es kann also noch eine Weile so hin und her gehen. Die Geschäfte sind alle geschlossen, noch haben wir zu essen, aber wie wird es nächste Woche,- man schaltet am besten das Denken ganz aus. Scheusslich ist, dass man gar nicht weiss, was in der Welt vor sich geht. Radio geht nicht mehr, Zeitungen gibt es nicht, man ist abgeschnitten.“

27.4.: „Nun wäre also die erste Etappe erreicht, die Russen sind hier bei uns! ... Morgens um 5 ging die übliche Schiesserei los, es war ein ohrenbetäubender Lärm … Nach Tisch kamen die ersten Russen die Gosslerstraße lang und feuerten in Richtung Schule mit Pistolen, zogen sich dann aber in Richtung Kirche zurück, die heute einige Treffer abbekommen hat. Jetzt am Vormittag wimmelt es hier von Russen, zu Fuß, per Rad, per Auto, es sind beschlagnahmte Wehrmachtswagen mit der Sowjetfahne auf dem Kühler. Sie haben hier gleich die Garagen besetzt und fahren die Wagen raus. Die Bevölkerung kommt jetzt aus den Häusern – man ist sehr freundlich zu ihnen - für mein Gefühl könnte man ja zurückhaltender sein! In der Stubenrauchstraße eilten verschiedene Leute mit grosser Freude auf die Russen zu. Leute uns gegenüber erzählten, dass die Russen in ihren Keller gekommen seien und den Männern die Uhren und den Frauen die Schmucksachen abgenommen hätten.“

Der schlimme Anfang

28.4.: „Es ist ja viel schlimmer als wir gedacht hatten … Nun hören wir von allen Seiten scheussliche Geschichten. Überall waren gestern abend die Russen in die Keller gegangen und hatten die Mädchen und Frauen herausgeholt und teils im Hausflur und teils in den Wohnungen vergewaltigt … Eine junge Frau, die ich kenne und traf, hatte sich ziemlich scheusslich zurechtgemacht, ein großes Pflaster ins Gesicht geklebt, das Haar unter einem Tuch verborgen etc., während sie sonst recht nett aussieht … H. kommt eben von einem Rundgang nach Hause und er-zählte, dass in der Rheinstr. ein Riesenbetrieb wäre. Russen in Unmengen und überall aufgebrochene Geschäfte, in denen Russen und Deutsche plündern … Was soll das werden und wann werden wir wieder was zu essen bekommen? Noch haben wir ja etwas, aber das Brot ist gleich zu Ende. Alles muß so gestreckt werden. Was wird man in den nächsten Tagen mit uns machen! Wahrscheinlich wäre der Tod das Beste.“

Weil in Friedenau der Krieg fünf Tage eher zu Ende war als im übrigen Schöneberg, konnte sich hier bereits am 2. Mai, also am Tag der Berliner Kapitulation, eine neue Verwaltung bilden. Dadurch kam hier auch schneller wieder die Versorgung der Bevölkerung in Gang, denn in den ersten Nachkriegstagen ging es vor allem um das Heranschaffen und Verteilen von Lebensmitteln sowie um die Einrichtung von Zuteilungskartenstellen. Die Friedenauer Tagebuchschreiberin notiert dazu:
„Wir bekommen täglich 200 gr Brot, 400 gr Kartoffeln, 25 gr Fleisch, 10 gr Zucker, 10 gr Salz, 2 gr Kaffee. Aus! Kein Gramm Fett, nur Kleinkinder erhalten 5 gr täglich. Es ist zum Verhungern zu viel und zum Leben zu wenig.“

3.5.:„Eigentlich ist es wie in grauer Vorzeit. Wenn man abends zum Brunnen geht, um Wasser zu holen, so erfährt man, was in der Welt passiert. Gestern abend wurde also erzählt, dass mittags am 2. Mai der Waffenstillstand geschlossen sei! Außerdem habe man mit dem Detektorapparat den Hamburger Sender bekommen, der dem deutschen Volk verkündet, der Führer sei vor der Reichskanzlei an der Spitze der Truppen gefallen. Wir hoffen alle, dass ihn die Russen gehängt haben, der Soldatentod wäre zu leicht und ehrenvoll.“

zusammengestellt von
Ottmar Fischer

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