Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

3.11.2015

Krieg und Frieden, au

Kurioserweise hatte sich in den letzten 25 Jahren in Deutschland die Idee festgesetzt, mit der Wiedervereinigung sei die Geschichte überhaupt zu Ende gegangen.

Foto: privat

Doch wenn wir nicht selbst zur Geschichte wollen, dann kommt sie eben zu uns, wie wir gerade erleben. Die wieder auferstandene Kriegsfurie treibt Menschen vor sich her und wirbelt sie mitten in unsere Spaßgesellschaft. Doch die Kanzlerin hat die Parole ausgegeben: „Wir schaffen das!“ Und kürzlich hat sie in einem Interview mit der FAZ auch den zur Krisenbewältigung nötigen Ordnungsrahmen abgesteckt:

 „Erstens: Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Terror zu uns fliehen, brauchen Schutz und haben ein Recht darauf. Wer aus rein wirtschaftlichen Gründen kommt, hat dieses Schutzrecht bei uns nicht und muss wieder zurückkehren.
Zweitens: Am sinnvollsten ist es, dass Bürgerkriegsflüchtlinge möglichst heimatnah unter vernünftigen Bedingungen leben können. Genau das war aber für viele unter den dramatisch verschlechterten Bedingungen in den Flüchtlingslagern um Syrien herum nicht mehr möglich.“

Aus diesem Grund werde Deutschland seine Zuwendungen an Jordanien und die Türkei als den Ländern mit den größten Aufnahmelagern erheblich verstärken, um die Lage dort zu verbessern. Die europäischen Partner müssten ihre Anstrengungen erhöhen. Und als weitere Orientierungslinie nannte sie einen Zeitrahmen von drei Jahren bis zur Überprüfung des Asylgrundes. Nach einer ersten Umfrage unter syrischen Flüchtlingen in Bayern möchten nur 8% von ihnen dauerhaft hier bleiben, drei von vier Befragten nannten aber als Bedingung für die Rückkehr die Entmachtung des syrischen Diktators Assad. Da Putin seine Großmachtwünsche aber nun ausgerechnet durch die militärische Unterstützung Assads voranzubringen glaubt, werde der Westen unter Einschluss Deutschlands nicht umhin können, seine Anstrengungen zur Demokratisierung Syriens erheblich zu verstärken, trotz der Gefahr des Konflikts mit Russland. Und: „ Sobald die Notsituation in den Heimatländern vorüber ist, finde ich es verständlich, wenn möglichst viele Menschen einen Beitrag zum Aufbau der eigenen Heimat leisten wollen“. Dafür gedenke sie Rückkehrhilfen und Wiederaufbaumittel bereitzustellen.

Friedenau hilft!
Das alles ändert nun freilich nichts an der prioritären Aufgabenstellung der unmittelbaren Flüchtlingshilfe, wie die erschütternden Bilder der verzweifelten Menschen auf ihrer Suche nach Schutz täglich vor Augen führen. Deswegen ist in Kommissionen des Bundes, der Länder und der Kommunen eine fieberhafte Suche nach geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten in Gang gekommen, die nun auch in Friedenau fündig geworden ist: Das Friedenauer Rathaus soll nach dem bevorstehenden Auszug des Bezirksamts zumindest vorübergehend als Notunterkunft für Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten eingerichtet werden. Aus diesem Grund formiert sich zur Zeit auf Initiative der drei Wahlkreisabgeordneten D. Kolat (SPD), H. Bentele (CDU) und J. Villbrandt (Bündnis90/Die Grünen) ein „Willkommensbündnis Friedenau hilft“.

Im Gründungsaufruf der Initiative heißt es zu den Zielen: „Wir wollen den Geflüchteten in Friedenau mit Sach- und Geldspenden, sozialen sowie alltagspraktischen Hilfeleistungen zur Seite stehen. Wir wollen Sachspenden koordinieren, Begleitungen und Patenschaften fördern und Hilfe im Alltag organisieren“, denn „die Menschen, die zu uns kommen, sind häufig traumatisiert, sprechen kaum oder gar nicht die deutsche Sprache und kennen sich in diesem ihnen völlig fremden Land nicht aus.“

Etwa 30 Personen hatten sich im Oktober in einem ersten Treffen zusammengefunden, um die für den 11. November vorgesehene Gründungsversammlung vorzubereiten. Darunter waren Vertreter der Parteien SPD, CDU, Grüne und FDP, der evangelischen Kirchengemeinden Philippus-Nathanael und Zum Guten Hirten, von Wohlfahrtsverbänden wie AWO und Nachbarschaftsheim, sowie von verschiedenen Initiativen, darunter auch die Initiative Friedenauer Stadtteilbibliothek, die dem Bericht von Sozialsenatorin Dilek Kolat (SPD) zum Stand der amtlichen Überlegungen sichtlich erfreut entnahm, dass der Weiterbestand der Bücherei im Rathaus gute Chancen habe, weil die in der BVV beschlossene Konzepterweiterung um Gruppen- und Integrationsangebote auch den Anforderungen des Hauses als Flüchtlingsunterkunft entgegenkomme. Dabei könnten die Räume der ehemaligen Kinderbegegnungsstätte Frieda wegen der räumlichen Nähe durchaus der Bücherei für solche Angebote zugeschlagen werden.  Es stehe zwar noch kein Träger fest, führte Frau Kolat weiter aus, doch gelte das Gebäude als geeignet. Geprüft werde zur Zeit, wie die sanitären Anlagen unter den Bedingungen des Denkmalschutzes installiert werden können und ob Waschmaschinen aufgestellt werden. Die Kantine im Keller werde wieder eröffnet, im Innenhof könne ein Kinderspielplatz entstehen, und die Räume der ehemaligen Bank an der Rheinstraße bieten sich als Sachspendenlager an. Ungeklärt sei hingegen noch, wie die im denkmalgeschützten Schlesiensaal aktiven Angebote des Kindertheaters Morgenstern und des Tanzsportclubs Blau-Silber in das Gesamtkonzept integriert werden können. Doch auch dafür gebe es Möglichkeiten.

Die von diesen Aussichten zuversichtlich gestimmte Versammlung gab Frau Kolat für die amtliche Planung die dringende Empfehlung mit auf den Weg, bei der Personalplanung auch die Kompetenzen und Fertigkeiten der Flüchtlinge selbst einzubeziehen. So könnten etwa medizinisch Vorgebildete bei der Gesundheitspflege assistieren oder Freiwillige die Küche unterstützen. Das Nachbarschaftsheim schließlich bot in Gestalt seiner Ehrenamtsbeauftragten die Einrichtung einer Hotline für alle Hilfswilligen an, um diese nach deren Kompetenzen und den angeforderten Bedarfen gezielt den Arbeitsgruppen zuzuordnen.

Die Versammlung beschloss die Einrichtung von acht Arbeitsgruppen, die nach Eintritt des Ernstfalls von einer Steuerungsgruppe mit den Anforderungen des zukünftigen Trägers verzahnt werden sollen: Gesundheitsversorgung, Sachspenden, Sprachen und Dolmetschen, Bibliothek und Schlesiensaal, Willkommensklassen in Schulen, Arbeitsmarkt, Beschäftigung und Ausbildung, Ehrenamtskoordinierung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Es wird bereits an einer eigenen Website gearbeitet, und bald wird die Initiative auch über eine zentrale Rufnummer erreichbar sein. Alle Vereine, Träger, Verbände und Gemeinden, die sich bereits auf der Gründungsversammlung am 11.11. assoziieren möchten, wenden sich bitte an: info@friedenau-hilft.de
Ehrenamtliche können ihr Engagement über ein Formular auf der Internetseite www.friedenau-hilft.de anmelden. Die Seite wird in den nächsten Tagen online gestellt. Oder Sie rufen an unter 85 40 60 805 (Mi 9:30 - 13:30 Uhr, sonst AB).

Ottmar Fischer

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