Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

02.04.2022 / Orte und Plätze

Kleines Gartenglück

Von Maria Schinnen. „Heiterkeit“, „Frohsinn“, „Glück im Winkel“, träumerische Namen voller Sehnsucht nach Romantik und Idylle im eigenen Stückchen Wohlfühloase inmitten eines lauten, hektischen Alltags. Es sind Namen von Kleingartenvereinen, die zum Schöneberger Südgelände gehören, einer landeseigenen Kleingartenanlage im Bezirksverband Schöneberg Friedenau e.V.
Weg durch das Kleingartengelände. Foto: Dirk Ingo Franke, wikimedia, CC BY 3.0

Mit ihren 3.139 Parzellen, die zu 26 Vereinen gehören, bildet sie immer noch eine der größten zusammenhängenden Kleingartenflächen Berlins. Erstaunlich, denn das Gelände weckt seit 130 Jahren Begehrlichkeiten. Von Beginn an entwickelten Bauspekulanten attraktive „Masterpläne“ zum Wohnungsbau und hofften auf große Gewinne.
Der Blick in die wechselvolle Geschichte ist aufgrund widersprüchlicher Quellenlage nicht ganz einfach. Wagen wir ihn trotzdem!

Schon seit dem 17. Jahrhundert durchzog der Priesterweg das Südgelände, ein Weg, der regelmäßig von den Priestern der Dorfkirche Schöneberg benutzt wurde, um zu ihrer Filiale Lankwitz zu gelangen. Links und rechts davon lagen die Äcker der Schöneberger Bauern. 1892 wurde der erste Bebauungsplan für das Gebiet erstellt. Er sah eine lockere zweigeschossige Bauweise, eine Art Villensiedlung mit Gärten vor. Doch aufgrund des steigenden Wohnbedarfs wurde 1897 der Plan wieder geändert, und nun sollten viergeschossige Häuser in geschlossener Bauweise entstehen. Bauspekulanten sicherten sich die Gebiete, ließen sie aber, in der Hoffnung auf Wertsteigerung des Geländes und der Bauprojekte, erst einmal liegen. Da sich der Beginn der Bautätigkeiten also hinzog, nutzten die ersten Gärtner das Brachland  entlang des Priesterwegs, legten Nutzgärten zur Versorgung der eigenen Familie an und nagelten aus alten Brettern provisorische „Lauben“ zusammen. Sträucher oder Bäume lohnten sich nicht, da die Räumung jederzeit erfolgen konnte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren hier bis zu 31 Kolonien mit rund 7000 Kleingärten entstanden. Der Wasserbedarf wurde durch Wasserpumpstellen gedeckt, Petroleumlampen sorgten für Licht. Die Kinder stromerten zwischen den Gärten umher und genossen ihre Freiheiten und Abenteuer, während die Erwachsenen ihr Stückchen Grünland beackerten und Obst, Kartoffel und Gemüse ernteten. Morgens rumpelte der Verkaufswagen der Firma Bolle mit Milch und Butter über den Priesterweg, im Sommer sogar der Eis- und Bierwagen.

Im Jahr 1910 schrieb Schöneberg einen städtebaulichen Wettbewerb aus, der das gesamte Südgelände nun endgültig für Wohnungen erschließen sollte. Der Gewinner des Wettbewerbs, Bruno Möhring, sah für das Gelände ein Wohnviertel für höhere Einkommensschichten aus Schöneberg vor. Fortlaufende Häuserblocks sollten mit großen Innengärten ausgestattet werden.
4.000 Kleingärtnern drohte das Aus für ihre Gärten. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte die Umsetzung des Plans. Die zunehmende Lebensmittelknappheit, die Rationierungen und die steigenden Preise, die im „Kohlrübenwinter“ 1916/17 ihren Höhepunkt fanden, führten zu einer katastrophale Ernährungslage bis hin zur völligen Unterernährung der Bevölkerung.

Da konnten sich all jene glücklich schätzen, die einen Kleingarten besaßen. Mit dem Anbau von Kartoffeln und Gemüse besserte man die Versorgung der Familie und sicherte ihr Überleben. Die Kleingärten wurden lebensnotwendig und ihre Bedeutung gestärkt. 1920 gründeten die Kleingärtner einen Verein, um den Widerstand gegen künftige Bebauungspläne besser zu organisieren. Im selben Jahr wurde das Reichsheimstättengesetz beschlossen, welches „landwirtschaftliche oder gärtnerische Anwesen, zu deren Bewirtschaftung eine Familie keiner ständigen fremden Arbeitskräfte bedarf“ als Heimstätten ansah. Auf dieser Grundlage wurde in einem nächsten Bebauungsplan 34,4 ha Land für Dauerkleingärten und 87 ha als Park- und Freifläche ausgewiesen. Dieser Plan scheiterte jedoch am Widerstand der Kleingärtner, die sich weigerten, ihre Gärten für Parkflächen herzugeben.

Wieder vergingen einige Jahre. 1926 machte das US-amerikanischen Chapman-Konsortium der Stadt Berlin das attraktive Angebot, für 150 Millionen Mark innerhalb dreier Jahre 15.000 hochwertige Wohnungen nach Plänen der Stadt auf dem Kleingartengelände zu bauen, zusätzlich einen Park, einen Friedhof, aber auch Schrebergärten einzurichten sowie die notwendigen Straßen- und Kanalisationsarbeiten zu übernehmen. Der Park sollte eine Konzerthalle, 20 Tennisplätze, Fußball-, Fest- und Kinderspielplätze und einen 500 m langen Teich erhalten. In Anbetracht dieses riesigen Bauvorhabens wurde 1928 der Bahnhof Priesterweg als zusätzlicher Halt der Berlin-Dresdener-Eisenbahn eröffnet.

Ungesicherte Finanzierungskonzepte, Uneinigkeiten innerhalb der Planungsgruppe und erbitterter Widerstand der Kleingärtner brachten das Vorhaben zum Scheitern. Die Kleingärtner setzten sich gegen diese Pläne hauptsächlich mit dem Argument zur Wehr, dass es unsozial sei, den einfachen Arbeitern und Angestellten, die dicht an dicht in Mietskasernen lebten, ihre Gärten wegzunehmen, um an ihrer Stelle Luxuswohnungen für das wohlhabende Bürgertum zu bauen. Außerdem sei das Kleingartengelände als grüne Lunge der Stadt unverzichtbar und ökologisch und klimatisch bedeutsam. Nun entschloss sich die Stadt Berlin selbst, das Südgelände gegen eine Entschädigungssumme von 100.000 Mark zu erwerben. Das Bezirksamt Schöneberg, vertreten durch das Kleingartenamt unter Mitwirkung der Kleingartenvereine verpachtete die Parzellen fortan direkt an einzelne Bewerber. Damit schuf sich die Stadt eine größere Rechts- und Planungssicherheit. Die Interessenvertreter der Kleingärtner hatten bei der Vergabe ein Mitbestimmungsrecht, was Vetternwirtschaft und Preiswucher verhindern sollte. Man legte Lehrgärten an und sorgte für  kostenlose Lehrgänge zum Gartenbau und zur Schädlingsbekämpfung.

Die Zeit des Nationalsozialismus brachte einen erneuten Tiefpunkt: Polizeirazzien auf der Suche nach versteckten Widerstandskämpfern, Räumung des kompletten Geländes für die Planungen der „Welthauptstadt Germania“, der Bau von Flakstellungen, Betonbunkern, Baracken, Panzerhindernissen und Splitterschützengräben während des Zweiten Weltkriegs. Währungsreform, Berlinblockade, Abriegelung West-Berlins von der DDR, die meisten historischen Ereignisse wirkten sich direkt oder indirekt auf die Kleingärten im Südgelände aus und gefährdeten oder förderten ihre Existenz. Zwar mussten etwa 1.000 Kleingärtner ihre Oase für Autobahnen, Randbebauung, Bahnhof Südkreuz und Sportanlagen hergeben, doch der Widerstand der inzwischen gegründeten „Schutzgemeinschaft Südgelände“ konnte immer wieder Schlimmeres verhindern.

Der letzte Flächennutzungsplan von Berlin weist das Kleingartengebiet Südgelände nun als „Dauerkleingartengebiet“ aus. Das Bundeskleingartengesetz definiert den Kleingarten und legt seine Funktionen und Bedingungen fest. Endlich haben die Kleingärtner des Südgeländes, nach mehr als 100 Jahre währendem Kampf um ihr Bleiberecht, endlich Planungssicherheit für ihr kleines Gartenglück.

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden