Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

1.03.2016

Kitty Kuse – Mit dem Strom und doch gegen den Strich

In der Gotenstraße in Schöneberg ist sie groß geworden, Käthe Kuse, Kitty genannt, geboren 1904, das Mädchen, das keinen Puppenwagen haben wollte, aber von einem Druckkasten begeistert war und das schon früh wusste, dass sie einmal eine Frau heiraten wollte.

Kitty Kuse. Foto: Tille Ganz

Was Homosexualität war, wusste sie nicht und kam auch nicht auf die Idee, dass sie selbst homosexuell sein könnte, selbst als sie sich längst in andere Mädchen verliebte. Als eine geliebte Freundin ihr auf den Kopf zusagte: „Weißt du eigentlich, dass du homosexuell bist?“ verstörte sie diese Zuordnung. Sie brauchte Zeit, um es sich zugestehen zu können: ich bin homosexuell! Sie sah lieber nicht so genau hin und dachte dann: das interessiert mich gar nicht. Selbst mit ihrer Mutter, mit der sie sich gut verstand, sprach sie nie über dieses Thema.

Der Glanz und Glamour der Weimarer Zeit mit ihren Clubs und lasziven Frauentreffs war Kitty Kuse fremd. Die Tochter eines Arbeiters war Mitglied im kommunistischen Jugendbund und in der proletarischen Singschar und ging lieber mit der Klampfe auf Fahrt, wo man auf dem Heuboden übernachtete und einander näher kommen konnte. Das war ihre Welt.
Erst im hohen Alter, mit 70 Jahren, kam Kitty Kuse in Kontakt mit Lesbengruppen im Lesbischen Aktionszentrum. Sie erzählte dort den jungen Lesben, wie es in ihrer Jugend zugegangen war, und 1974 gründete sie die Gruppe L’74 älterer lesbischer Frauen, deren Sprecherin sie war. Sie gab mit ihnen „Unsere kleine Zeitung“ (UkZ) heraus, die erste Lesbenzeitung der bundesdeutschen Frauenbewegung. Sie war an den Vorbereitungen zur Ausstellung „Berlin Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950“ beteiligt.

„Kitty Kuse war nie eine Femme fatale und lebte doch jenseits aller Konventionen. Sie hatte seit ihrem 16. Lebensjahr Frauenbeziehungen und doch nie Kontakt zur schillernden Subkultur der Weimarer Zeit …  Kitty Kuse brachte das Kunststück fertig, mit dem Strom zu schwimmen und doch gegen den Strich zu leben“ schrieb ihre Biografin Ilse Kokula.*

Sigrid Wiegand

*Ilse Kokula: Ganz normal anders und engagiert. In: Bad Women. Luder, Schlampen und Xanthippen (hrsg. Baerbel Becker). Berlin, Elefanten Press 1989. S. 131

Gedenkstein für Kitty Kuse
Im Rahmen des 160 jährigen Jubiläums des Alten St.-Matthäus-Kirchhofs wird dort ein Gedenkstein für Kitty Kuse (17.3.1904 – 7.11.1999) eingeweiht.
Der Freundinnenkreis - die Rememberries - lädt zu der Gedenksteineinweihung ein. Die Zeitzeuginnen Eva Rieger und Christiane von Lengerke würdigen das Leben Kitty Kuses; Tille Ganz wird ihren Dokumentarfilm über sie in der oberen Etage des Cafés Finovo auf dem Friedhofsgelände zeigen.
Unterstützt wird die Veranstaltung im Rahmen des Frauenmärz von der bezirklichen Frauenbeauftragten.

Do 17. März 2016, 15 Uhr
Alter St.-Matthäus-Kirchhof
Großgörschenstraße 12-14, 10829 Berlin, Treffpunkt: Eingang