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29.02.2016

Kinematographischer Sündenpfuhl Friedenau?

1916: Elf Kinos (nein – wie romantisch: „Lichtspiele“) gab es in Friedenau, davon allein vier im direkten Umkreis der Rheinstraße.

Aus dem Schöneberger Tageblatt vom März 1916

Die angebotenen Filme waren oft brandneu, thematisch mitunter reißerisch, nicht immer jugendfrei und aus der Sicht mancher tugendhafter Bürger lasterhaft.  Zuvor, im Jahr 1907, war nämlich der von der „Kinematographischen Reformpartei“ gestartete Versuch, mit den „Kronen-Lichtspielen“ als „Reformkinemathographentheater“ in der Rheinstraße 65, eine lasterfreie Zone zu schaffen, gestartet worden, einem Kino, an dem nicht „... dem Sinnenkitzel verlebter Kreise Befriedigung geboten … und unsere Jugend verführt wird ... und wo das Laster nicht zu Hause ist.“ (Der Kinematograph 32/1907).

Aber 1916 war eben eine andere Zeit. Der 1. Weltkrieg ging ins dritte Jahr, die Männer waren im Feld, die Bevölkerung litt Not.

Die Filmtitel vom März 1916 schienen vordergründig von lasziv erotischen Melodramen mit ihren meist melancholischen schönen  Schauspielerinnen wie z.B. „Entsühnt“, „Die weiße Sklavin“, „Die Schicksale der Gräfin Eleonore“, „Das Pantherkätzchen“, „Die Geliebte des Chinesen“  oder von folkloristisch lustigen Themen wie z.B „Die Schaffnerin der Linie 6“, „Wir lassen uns scheiden“, „Die Maikönigin“,“ Prinzesschen Krinoline“ oder „Wie Axel ein Kostüm bekam“ beherrscht zu sein. Vielfach erhielten die Filme wegen der erotischen Szenen  Jugendverbot.

Helga Arndt, ein neues Frauenbild?
Aber es deutete sich auch der Trend zu sozial-kritischen Themen auf dem Hintergrund der Kriegsnot und der Sorgen der Bevölkerung an, wie man an den Zuschauerzahlen des Films in den Rheinschloss-Lichtspielen „Die Sünde der Helga Arndt“ erkennen kann. Dieser von der Not des Überlebens geprägte „seltsame Lebensweg einer schönen Frau“ spiegelte überzeugend die Schicksalssituationen der Frauen dieser Zeit wider: „Ein ganz hervorragendes Bild, in dessen tragischer Handlung der Puls des wahren Lebens schlägt. (..) Mia Mey versteht es durch ihr meisterhaftes Spiel die tiefsten Saiten unserer Seele in Schwingungen zu bringen und zu erschüttern. Hervorragende Aufnahmen erhöhen noch den Eindruck dieses wirkungsvollen Films.“ (Kinematographische Rundschau vom 14. Mai 1916, S. 14). Der genaue Inhalt des Films kann im Internet abgerufen werden.

Auch das älteste und 1914 nach Renovierungsarbeiten „bestens ventilierte“ Kinematographen-Theater, das „Biophon“ in der Rheinstraße 14, spielte damals eine bedeutende Rolle, u.a. durch die stets wechselnden  sonntäglichen Kinderprogramme. Ob die damals angeblich mit ihrer Mutter in der Fregestraße wohnende kleine Lilian Pape, später  berühmt als  Lilian Harvey („das süßeste Mädel der Welt“ – so die Werbung der UFA), dort zu Gast war, ist in den Chroniken nicht eindeutig vermerkt.

Vielleicht bekommen unsere Leser Lust auf eine Vergangenheitsreise zu den ehemaligen „Lichtspielorten“ und ihrer heutigen Funktion. Anregungen dazu können auch  aus dem Artikel „Wo die Friedenauer und ihre Nachbarn ins Kino gingen“ unserer Redaktionskollegin Sigrid Wiegand in der Stadtteilzeitung vom September 2012 entnommen werden. Noch ein Tipp: In einigen „Supermärkten“ unseres Kiezes, z.B. „LPG“ oder „Denn`s“, kann man bei einem Blick an die Raumdecken noch einige Details der damaligen „Lichtspiel-Herrlichkeit“ entdecken.

Hartmut Ulrich