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02.03.2011 / Menschen in Schöneberg

„Kinderfräulein, Jungfer, Hausmädchen...“

Endlich kamen sie an die Göbenstraße. „Eins, zwei..., sechs, sieben, achte!“ Mine zählte laut, und doch wäre sie noch in ihrer Verwirrung vorbeigelaufen, hätte Bertha nicht „Halt!“ gerufen.
Dienstmädchen um 1900. Foto: © edition Friedenauer Brücke
Mit den „Herrschaften“ auf Reisen. Foto: Ethnologisches Museum Berlin
Bäckersfamilie Kaiser mit ihrem Dienstmädchen auf dem Hof ihres Hauses Hauptstr.50, Ecke Dominicusstraße, 1899 Die Personen vlnr.: Dienstmädchen Louise Gatzwiller, Magdalena Kaiser, Bäckermeister Franz Kaiser und seine Mutter mit den Kindern Alexander, Charlotte und Willi. Foto: Museen Tempelhof-Schöneberg/Archiv

In dem 1900 erschienenen Roman „Das tägliche Brot“ kommen zwei Mädchen, Mine und Bertha, aus einem Dorf in der Nähe von Schwerin nach Berlin. In der Göbenstraße 8 befindet sich der Grünkram von Onkel und Tante. Vorne ein dunkler Kellerladen, in dem Gemüse verkauft wird, hinten, zum Hof hin, wohnt die Familie. Es ist eng und feucht, die Mädchen sind froh, als sie mit Hilfe der Tante endlich eine Stellung bekommen. Der Vater von Mine hat ihr klargemacht, wie sie sich zu verhalten hat: „Kuck, daß de zu was kommst, schick brav heme und bleib gesund!“

Vom ehemaligen Dorf am Rande Berlins wuchs Schöneberg im 19. Jahrhundert auf 95.998 Einwohner im Jahre 1900 an. Während Dienstboten früher als Privileg des Adels galten und auf dessen Landgütern zu finden waren, wollte nun auch das zu Wohlstand gekommene Bürgertum häusliche Arbeiten delegieren. Da gleichzeitig Männer in der Stadt vermehrt Arbeit in den Fabriken fanden, nahm der Frauenanteil am Dienstpersonal enorm zu (1907 betrug er 98.8 %). Die jungen Frauen, die vom Lande nach Berlin zogen, waren meist zwischen 15 und 30 Jahren alt und kamen aus kleinbürgerlichen, ärmlichen Familien. Der Umzug in die Stadt und der Lohn als Dienstmädchen sollten die soziale Lage der Mädchen, aber auch ihrer Familien verbessern.

„Jene Madame war ein Zankteufel und der Herr ein Esel;die zweite Madame zu putzsüchtig, die dritte scheinheilig, die vierte dämlich, die fünfte vergnügungstoll, die sechste hatte einen Liebhaber und der Ehemann belästigte die Dienstmagd.“

Die Preußische Gesindeordnung von 1810 sah auf Seiten der Dienstmagd Gehorsam, Treue und Pflichtbewusstsein vor, regelte aber nicht die Arbeitszeiten und den Lohn, und vor allem nicht die Pflichten der Herrschaft. Das sogenannte „Dienstbuch“, das bei Stellenwechsel von der Polizei gestempelt werden musste, diente gleichzeitig als Zeugnis. Viele Dienstbücher gingen verloren, was im Zweifelsfall günstiger als ein (oft zu Unrecht) schlechtes Zeugnis war. Der Jahreslohn für ein Dienstmädchen betrug im Jahr 1900 zwischen 60 (Kindermädchen) und 600 Mark (Köchin), wobei der Durchschnitt bei 150 Mark lag. Ein Kostüm kostete damals 25 Mark. Dazu kamen Sonder-gaben an Weihnachten und Sachgeschenke, auf die aber kein Anspruch bestand.

„Wenn Mine sich an ihrem Ausgangssonntag in dem Spiegel sah, wunderte sie sich selber, dass sie erst Mitte Zwanzig war. Schon so viel Falten in der Stirn!“

Ebenfalls reines Gewohnheitsrecht waren der freie Sonntagnachmittag alle 14 Tage und der freie Abend einmal pro Woche. Die Gesindeordnung sah lediglich Zeit für den sonntäglichen Gottesdienst vor, wozu die Herrschaft das Dienstmädchen „fleißig anhalten“ sollte. Beliebter waren allerdings Besuche bei Bekannten und Verwandten oder Tanzvergnügungen. In Schöneberg war der Botanische Garten (der heutige Kleistpark) als Treffpunkt von Dienstmädchen und deren Verehrern äußerst beliebt.

„So lange sie im Dienst war, da hatte sie auch nicht gewusst, was das heißt: „Unser täglich Brot gib uns heute“ – da hatte sie immer ihr Essen und Trinken; (...)“

Die Dienstmädchen hatten freie Kost und Logis, arbeiten mussten sie von frühmorgens bis spätabends. Manch eine Herrschaft gab dem Personal die „Dienstbotenbutter“ und aß selbst die „gute Butter“. Berüchtigt war der Ber-liner Hängeboden als Schlafstätte über Küche oder Klosett. Fensterlos und unbeheizt, führte er zusammen mit häufig mangelhafter Ernährung zur Bleichsucht (Anämie), der typischen Dienstmädchenkrankheit. 1895 wurde der weitere Bau von Hängeböden untersagt, die Alternativen, das Klappbett im Flur oder die dustere Mädchenkammer waren allerdings auch nicht immer das Gelbe vom Ei.

„Der schlecht gelüftete Saal, vom muffigen Kleidergeruch, vom Seifen- und Pomadenduft der Stellungsuchenden, vom Zigarrendampf, der den Männern, vom Parfüm, das vielen Damen anhaftete, von Schweiß und Staub durchdunstet, schien sich ihr zu drehen.“

Der schlecht gelüftete Saal befand sich in der Jägerstraße in Berlin-Mitte und war seit 1815 die damals größte Stellenvermittlungsstelle für Dienstpersonal. Vermittelt wurden Frauen sonst über Empfehlungen oder Stelleninserate in der Zeitung. Später wurden sogenannte Dienstbotenvereine oft von christlichen Frauen-vereinen gegründet. Sie sollten einerseits die Arbeitsbedingungen für Dienstmädchen verbessern, andererseits dem zunehmenden Wechsel der Frauen in Fabriken oder Geschäfte aufhalten. Viele Hausfrauen traten dort ein, um unentgeltlich ein Hausmädchen vermittelt zu bekommen. Der Erfolg war insgesamt allerdings gering, professionelle Stellenvermittlungen waren beim Personal beliebter. Ebenso erfolglos waren übrigens auch Versuche wie die des Fröbel-Oberlin-Vereins oder des Lette-Vereins, in Hausmädchen-Schulen die „Ausbildung von Jungfern, Stützen und feinen Hausmädchen“ zu fördern. Jungfern waren die persönlichen Dienerinnen besonders vornehmer Haushalte.

„Wir – wir ne Portjehstelle! Jesses, ne Portjehstelle!“

Für die Mine im Roman kommt es am Ende zu einer glücklichen Fügung. Über eine ehemalige Herrschaft wird sie in ein neugebautes Haus zum Trockenwohnen und als Portiersfrau vermittelt. In der Realität waren Alternativen rar gesät. Eine Ausbildung zur Schneiderin oder Krankenpflegerin war teuer, der Verdienst dagegen mager. Telefonistin und Fahrkartenverkäuferin waren weitere aufkommende Berufe für die Unterschicht und natürlich die Arbeit in der Fabrik. Auch eine Heirat bereitete den wirtschaftlichen Sorgen meist kein Ende.

Clara Viebig übrigens, die damalige Bestsellerautorin, die Stimme der „kleinen Leute“, soll als Hausherrin lange nicht so verständnisvoll gewesen sein, wie ihre Romane annehmen lassen. Wie damals durchaus üblich - Mutterschutz sah die Gesindeordnung nicht vor - warf sie ihr schwangeres Dienstmädchen aus dem Haus. In ihrem Buch "Kommen Sie Cohn" berichtet Carola Stern über die sehr konservativ moralisierende Art der Hausherrin Viebig, die ihre Heldinnen in der Literatur gerne als züchtig und fleißig zeichnete. Lesenswert ist Viebigs Buch „Das tägliche Brot“, aus dem alle Zitate dieses Artikels stammen, auf jeden Fall. Erhältlich ist es allerdings nur noch antiquarisch.

Isolde Peter

Clara Viebig, Das tägliche Brot
Verlag Das neue Berlin, 1950

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