Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.03.2017

Kinder in Not

Aus dem Archiv - Vor Hundert Jahren – Aufruf im „Schöneberger Tageblatt“ vom 2. März 1917 – Verein Schöneberger Kinderhort

Not gilt es zu lindern! Schon früh wurden in Preußen und im neu entstandenen Deutschen Reich Vereine zur Unterstützung der Frauenarbeit und zur Kinderhilfe gegründet. Seit 1851 galt in Preußen aber erstmal das Kindergartenverbot mit der Begründung, dass nach der gescheiterten Revolution von 1848 in den Kindergärten „destruktive Tendenzen auf dem Gebiet  der Religion und Politik“, also staatsumstürzlerisches Gedankengut weithin verbreitet würde. Folgerichtig gab es Gegenaktivitäten. 1859 gründeten Lina Morgenstern (Gedenktafel in der Linienstraße 4 in Mitte und Ehrengrab in Weißensee) und Adolf Lette den „Berliner Frauen – Verein zur Beförderung der Fröbel´schen Kindergärten“. Inzwischen hatte aber auch der konservative, aber im Gegensatz zu seinem Staatssekretär Raumer kluge Friedrich Wilhelm IV. erkannt, dass die umstürzlerischen und revolutionären Ideen nicht von Kindern und auch nicht vom Erzieher Friedrich Fröbel, sondern von dessen aufrührerischem Neffen Karl Fröbel stammten, die er in seiner Schrift „Weibliche Hochschulen und Kindergärten“ 1849 veröffentlichte, und so wurde das Verbot 1860 wieder aufgehoben. Kindergärten wurden nunmehr vielfach, allerdings als „Familien – Kindergärten“, und ohne hinreichend ausgebildete Erzieherinnen, eingerichtet.

Eine neue Lage ergab sich durch die kriegsbedingte soziale Not infolge des  Deutsch-Österreichischen Krieges. So gründete Lina Morgenstern am  4. Juli 1866 den „Verein der Berliner Volksküchen“, der auch die Kindergärten unterstützte. Kochbücher und die „Deutsche Hausfrauen Zeitschrift“ sorgten für die ideenreichen Kochrezepte. Im Berliner Volksmund hieß sie fortan „Suppenlina“.

In Schöneberg unterstützten Henriette Schrader-Breymann und Annette Schepel  mit dem 1874 gegründeten „Berliner Verein zur Volkserziehung“, dem auch ein „Volkskindergarten“ angeschlossen war, diese Bewegung. Sitz des Vereins war das Pestalozzi Fröbel – Haus in der Barbarossastraße (jetzige Adresse: Karl-Schrader-Str. 7 in Schöneberg). 1908 gründete Alice Salomon auf dem gleichen Gelände die „Soziale Frauen – Schule“, u.a. auch für Erzieherinnen. In Friedenau wurde 1908 die allgemeine Schulspeisung eingeführt, und 1911 eröffnete der „Vaterländische Frauen – Verein“ die erste Kinderkrippe. Aber auch im „Kiez-Kleinen“ finden wir im Schöneberger Archiv Hinweise zur Unterstützung in der Not des vierten Kriegsjahres. So berichtete das „Schöneberger Tageblatt“ am 2. März 1917 über den Verein Kinderhort 1915:

„AUFRUF! Schöneberger Frauen und Mädchen! Der Vorstand des Vereins Kinderhort 1915 E.V. richtet an die Bürger unserer Stadt die herzliche und dringende Bitte, uns einen Mitgliedsbeitrag oder eine Spende für 1917 gütigst zu übersenden. Der “Verein Kinderhort E.V.“ ist von Bürgerinnen und Bürgern Schönebergs gegründet worden, um Elternsorgen und Kinderelend lindern zu helfen. Der Verein Kinderhort 1915 hat in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit nicht volle, aber dennoch erstaunliche Erfolge aufzuweisen. In hellen Räumen des Hauses - Wartburgstraße 18 - die jederzeit von Freunden besichtigt werden können, werden mehr als 80 Kinder im Alter von 3 – 14 Jahren durch praktisch und pädagogisch ausgebildete Damen beaufsichtigt. Durch Verabreichung eines guten und nahrhaften Mittagsessens wird für ihr körperliches Wohl gesorgt.
Derartige Horte muß der Verein, der Not gehorchend, in anderen Gegenden Schönebergs einrichten. Dazu gehören aber, wenn Gutes geleistet werden soll, beträchtliche Mittel. Die heranwachsende Jugend ist der große Schatz unseres Vaterlandes!

Schöneberger! Sorgen wir dafür, daß die Jugend in unserer Stadt gesund heranwächst! Wir hoffen, dass dieser Aufruf bei unseren Mitbürgern eine verständnisvolle und wohlwollende Aufnahme findet und bitten Beiträge an die Dresdner Bank, Innsbruckerstraße 9, Berlin Schöneberg auf Konto „Kinderhort 1915“ einzusenden, wofür wir im Voraus herzlichst danken.
Der Vorstand“


Aktueller Nachtrag:
Beeindruckt von der damaligen Innovationskraft der Frauen, liest der Verfasser erstaunt in unserer großen Tante Tagesspiegel am 8. Februar 2017 (!) die Warnung eines gewissen Herrn Jürn Jakob Schultze-Berndt (MdA) aus Reinickendorf vor der von der neuen Koalition angestrebten Übernahme der Stadtwerke in die öffentliche Hand nach dem in Wien erfolgreichen Modell. Vor einer „Verstaatlichung“ der Stadtwerke warnt er und „ ... er bezweifelt, dass ein Stadtwerk mit „Frauenquote und Vergaberecht“ überhaupt in der Lage sein könnte, innovative Lösungen zu finden“  Bravo, mein Herr (!!), da sagt endlich mal jemand, welche Rollenverteilung die richtige ist! Frauen, bleibt am Herd, in der Volksküche, bei der Berliner Tafel! Und wenn ihr noch Zeit haben solltet, schneidert ihr dem Herrn einen innovativen Anzug statt der schwärzlichen Uniform der Privatwirtschaftler und strickt ihm dazu noch ein Paar bunte Socken. Reinickendorf / Frohnau ist eben nicht Schöneberg / Friedenau.

Hartmut Ulrich

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