Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.04.2018

Kein Friedenauer Gipfel

Noch bevor die arktische Windsbraut mitsamt ihren eisigen Helfern den Rückzug angetreten hatte, kamen am 1. März die Hamburger Immobilien-Kaufleute von der Böag um ihren Chef Lars Böge und die Frankfurter Finanzkaufleute um Tobias Enders als dem Berliner Niederlassungsleiter der Projektentwicklungsgesellschaft OFB der Hessisch-Thüringischen Landesbank ins Schöneberger Rathaus, um über ihre Aktivitäten zur Nachnutzung des ehemaligen Güterbahnhofsgeländes zwischen Handjerystraße und Innsbrucker Platz zu informieren.

Baufeld Friedenauer Höhe. Foto: Thomas Protz

Die beiden Unternehmen hatten sich im Juni 2015 zusammengefunden, um in einem Joint Venture hinter einem Lärmschutzriegel entlang von S- und Autobahn über 900 Mietwohnungen zu errichten, davon 248 im Sozialen Wohnungsbau, und im östlichen Teil, um einen Stadtplatz herum, flache Gewerbebauten, mit Büros und Läden, Restaurants und einem Hotelhochbau. Während der gewerbliche Teil von den Frankfurter Finanzierungsspezialisten für Shopping-Center entwickelt wird, behalten die Hamburger Bauleute die Gestaltung des Wohnbereichs unter ihrer Kontrolle.

Nach den auf kreisrund angeordneten Stelltafeln dargebotenen Einzelaspekten zu urteilen, ist allerdings davon auszugehen, dass auf dem langen Weg von der ersten Vorstellung in der BVV im Jahre 2010 bis zur im Jahre 2015 aufgenommenen Umsetzung vieles von dem wieder verlorengegangen ist, was in dem zweijährigen Werkstattverfahren ab November 2012 bis zum Aufstellungsbeschluss der BVV im Dezember 2014  von einer zahlreich und interessiert mit Vorschlägen und Ideen daran teilnehmenden Bürgerschaft vorgetragen wurde.

So ist inzwischen keine Rede mehr von der Ermöglichung verschiedener Eigentumsformen, etwa für Baugenossenschaften, angedacht für die hufeisenförmige Gebäudereihe parallel zur Bennigsenstraße, womit auch die speziellen Wohnungszuschnitte verschwunden sind, vorgeschlagen für besondere Wohnformen wie betreutes Wohnen für Alte oder Behinderte, für kooperierende Alleinerziehende oder generationenübergreifende Verbünde.

Es ist auch nichts mehr zu entdecken von der einst auch in Politik und Verwaltung begrüßten Bürgerschaftsidee von einer Quartiersgestaltung als Ergänzung zur Friedenauer Gliederungstradition mit individuell gestalteten Fassaden und ihren zahlreichen Varianten in der Außenansicht. Erste Vorhabenentwürfe lassen vielmehr darauf schließen, dass von der ursprünglich auch von den Architekten und Planern der verschiedenen Planungsvarianten begrüßten Idee „Friedenau weiterbauen“ nichts weiter übrig geblieben ist als die Friedenauer Grundstruktur von baumbestandenen Straßen , die über Plätze miteinander verbunden sind.

Somit ist in der von Baustadtrat Oltmann (Grüne) in seiner Begrüßungsansprache geäußerten Definition von dem „schlechthin attraktiven Bauvorhaben für den Bezirk“ wohl vor allem die Übernahme der Kosten durch die Investoren für den Bau der Straßen, einer Kita mit 85 Plätzen, eines Ergänzungsbaus für eine nahe Schule, sowie der Anlage von 6900qm Grünfläche einschließlich zweier Spielplätze für unterschiedliche Altersgruppen, und eines weiteren Stadtplatzes, das eigentlich „attraktive“ Element für seine Bewertung gewesen.

Immerhin:

Doch hat wenigstens insofern die Alt-Friedenauer Gestaltungsidee Aufnahme in die Planungen gefunden, als sämtliche Erdgeschoss-Wohnungen Zugang zu privaten Vorgärten erhalten sollen. Überdies soll das Quartier weitgehend autofrei bleiben, denn der ruhende Verkehr wird in Tiefgaragen verbannt, mit drei Zufahrten im Osten, einer im Westen. Für Fußgänger und Radfahrer soll an der Böschung zur Bennigsenstraße eine Verbindung von der Handjerystraße zum Innsbrucker Platz geschaffen werden. Und auch für die künftige Begrünung bestehen bereits Planungen. Die von den Herbststürmen und im Zuge der bauvorbereitenden Maßnahmen gelichteten Böschungsbestände werden wieder aufgepflanzt. Und an den Straßen und Plätzen sollen 60 großkronige Bäume Schatten spenden, ergänzt durch Hortensien und verschiedene Gräser.

Zur Zeit finden auf dem Gelände umfangreiche Erdaushubarbeiten statt. Im Herbst soll bereits mit den Hochbauten begonnen werden. An der Handjerystraße einsetzend, soll das Gelände schrittweise von West nach Ost entwickelt werden. Die Fertigstellung sämtlicher Wohnbauten soll im 1. Quartal 2021 abgeschlossen sein. Und nach dem Ende der gesamten Grunderschließung im 4. Quartal 2020 soll sich nahtlos die Baurealisierung für den gewerblichen Teil des Projekts anschließen, deren Abschluss für das 4. Quartal 2022 erwartet wird.

Ein Name für das neue Quartier ist auch bereits gefunden: Friedenauer Höhe, wegen des Höhenunterschieds, der am zukünftigen Zugang an der Lauterstraße überwunden werden muss. Schade nur, dass dies nicht ein Friedenauer Gipfel zu werden verspricht, nach allem, was von den Planern an den Stelltafeln zu erfahren war.

Ottmar Fischer