Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

29.03.2021

Juxirkus im Notprogramm

Von Christine Bitterwolf Der Juxirkus ist eine feste Institution in der Hohenstaufenstraße nahe Martin-Luther-Straße. Seit 1990 hat er hier seinen festen Standort. Es ist der älteste Kinder- und Jugendzirkus in Berlin.

Foto: Elfie Hartmann

Foto: Thomas Thieme

Gegründet wurde er ursprünglich als Lücke-Projekt, für die Kinder, die zu alt für die Hortbetreuung waren und zu jung für die Jugendclubs. Gefördert wurde er anfangs auch von der Bundesagentur für Arbeit mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für arbeitslose Artisten. Heute ist dieses Projekt ein fester Bestandteil der pädagogischen Kinder- und Jugendarbeit und wird vom Pestallozi-Fröbel-Haus getragen.

Ziel ist es nicht, alle Kinder zu Artisten auszubilden, Ziel ist es, die Jugendlichen an den Nachmittagen sinnvoll zu beschäftigen und gleichzeitig ihre Beweglichkeit und Ausdauer zu stärken, das Selbstbewusstsein zu festigen, aber auch die Arbeit in Gruppen zu üben und das Vertrauen zu den Partnern aufzubauen.

Von den fast 20 Mitarbeitern beim Juxirkus haben nur 5 einen festen Arbeitsvertrag, z.T. auch nur in Teilzeit. Die anderen Trainer und Helfer kommen aus sehr unterschiedlichen Berufen und arbeiten hier auf Honorarbasis. Das hat im Moment den positiven Effekt, dass sie nicht gekündigt oder in Kurzarbeit geschickt werden, sondern individuell weiter für die Kids da sein können.

Im Juxirkus sind alle Kinder zwischen 10 und 18 Jahren willkommen, die Spaß am Zirkus und an kleinen Kunststücken haben. Erstaunlicherweise sind es überwiegend Mädchen, die sich für das Thema Zirkus interessieren. Deshalb wurde in diesem Projekt, so wie einige Vereine Extra-Gruppen nur für Mädchen haben, eine Akrobatik-Gruppe nur für Jungs aufgemacht, in der sie ihre Übungen unter sich trainieren können, bevor sie sie den anderen zeigen. Aber in vielen anderen Disziplinen, wie z. B. bei der Jonglage und beim Trampolinspringen, trainieren selbstverständlich gemischte Gruppen.
Sogar die Integration von Behinderten wird in diesem Zirkusprojekt umgesetzt. Seit über zehn Jahren probt hier erfolgreich eine Gruppe von Jugendlichen mit Down-Syndrom.

Normalerweise tummeln sich im Laufe einer Woche bis zu 140 Kinder im Alter von 10 bis 18 Jahren in dem Zelt und auf den Übungsplätzen dahinter. Es wurde ein richtiger Trainingsplan erstellt, wer wann wo was üben kann, ohne andere Gruppe zu stören. Aber Dank Corona herrscht hier zurzeit absolute Stille.

Zirkus, Show und Akrobatik ist etwas, was man gemeinsam erlebt und erarbeitet, das geht einfach nicht mit Abstand. Der Juxirkus will aber nicht schließen. Die regelmäßigen Arbeiten mit den Kindern werden im Notprogramm aufrecht gehalten. Das Training wird, so weit es geht, in einen virtuellen Raum verlegt. So versuchen die Trainer und Betreuer, auf der digitalen Ebene intensiv den Kontakt zu ihren Gruppen zu halten.

Dazu werden Gesprächsrunden gebildet, zusammen Warmups durchgeführt und gemeinsames Krafttraining angeboten. Es gibt beispielsweise auch Anleitungen, wie man alleine Spagat oder Handstand üben kann, und es werden Anregungen zu neuen Kunststücken gegeben und einige Tricks zur Durchführung per Video erklärt. Viele der Kinder nehmen das Angebot gerne an, sie sind regelmäßig oder wenigstens gelegentlich dabei. Allerdings fällt auch auf, dass das Engagement gegenüber dem ersten Lockdown etwas nachgelassen hat. Manche  Schüler haben einfach keine Lust mehr, nachdem sie den Vormittag mit den Lehrern und mit Aufgaben für die Schule vor dem Bildschirm verbracht haben, nachmittags auch noch per Video zu trainieren. Hier versuchen die Betreuer ihre Teilnehmer per Telefon zu erreichen und zu motivieren.

Im Sommer konnten sie die Kids mit einem Foto- und Video-Wettbewerb noch dazu animieren, zu Hause ihre Kunststücke zu üben und vorzuführen. Inzwischen aber fehlt ihnen allen das große Ziel, die eigene Zirkusvorstellung. Bisher gab es immer eine Winter- und eine Sommershow, mit mehreren Vorstellungen. Das fehlt nun seit über einem Jahr, und auch so kleine Künstler brauchen den Erfolg und den Applaus vom großen Publikum.

Um daneben den privaten Kontakt der Jugendlichen untereinander aufrechtzuhalten und als Ersatz für die früheren Gespräche in den Pausen zwischen den Trainingseinheiten, haben einige Trainer auch außerhalb der Trainings-Treffen mit Quizfragen oder zum gemeinsamen Kochen angeboten. Alle sind bemüht, das Zusammengehörigkeitsgefühl in ihren Gruppen irgendwie festzuhalten.

Ein besonderer Teil der Arbeit des Zirkus-Teams kann leider unter den jetzigen Bedingungen nicht aufrecht erhalten werden. Das ist die enge Zusammenarbeit mit den Schulen. Die umliegenden Schulen führen gerne ihre Projektwochen in dem kleinen Zirkuszelt durch, und der Juxirkus bietet auch regelmäßige Arbeitsgemeinschaften an den Schöneberger Schulen an. Das alles muss tatsächlich warten, bis der allgemeine Schulbetrieb wieder normal laufen kann.

Ein bisschen Hoffnung haben die Leute vom Juxirkus, dass sie nach Ostern vielleicht mit kleinen Gruppen wieder trainieren können, wenn die Inzidenz-Zahlen weiter fallen und die Temperaturen weiter steigen. Disziplinen wie Einradfahren, Tanzen auf dem Hochseil oder einige Jonglierkunststücke könnten dann im Freien und mit vorgeschriebenem Abstand geübt werden. Für eine ganze Sommervorstellung wird das aber bestimmt nicht reichen.

Hoffentlich wird es dann im Winter nach zwei Jahren Auftrittspause endlich wieder eine Vorstellung im Zirkuszelt geben.

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