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1.03.2016

Johannes ist weg

Immer freundlich und hilfsbereit, selbst bei schwierigsten Kunden oder in schwierigsten Situationen die Ruhe bewahrend, das ist Johannes, seit über 30 Jahren in der Lebensmittelabteilung der Warenhäuser an der Kasse tätig.

Johannes in der Feinkostabteilung Perfetto. Foto: Christine Sugg

Wer regelmäßig dort einkauft, kennt diesen sympathischen Mann, dessen Biographie eng mit der bewegten Geschichte von Wertheim und Karstadt in der Schloßstraße verbunden ist. Ab Februar wird er den Kunden fehlen, denn ihm wurde gekündigt.

Mit 18 Jahren kam Johannes als "Bundeswehrflüchtling" von Göttingen nach Berlin, um im Pestalozzi-Fröbel-Haus eine Ausbildung zum Erzieher zu machen. 1983 beendete er diese Ausbildung und absolvierte anschließend in einer Kita in Charlottenburg sein Anerkennungsjahr. Da er nicht übernommen wurde, war er zunächst arbeitslos. Um etwas zu tun, folgte seine erste Annäherung an den Einzelhandel, denn er jobbte als "Springer" bei Butter Lindner auf den Wochenmärkten und in den Filialen. Die Arbeit machte ihm Spaß, vor allem auch der Kontakt mit den Kunden. Als er 1985 immer noch keine Arbeit im Erziehungsbereich fand, fragte er kurz entschlossen beim damaligen Hertie am Walther-Schreiber-Platz in der Lebensmittelabteilung nach einem Job als Kassierer. Er wurde sofort eingestellt.

Ein Jahr später schloss die Lebensmittelabteilung bei Hertie, und Johannes begann in der Lebensmittelabteilung bei Wertheim an der Kasse. 1990 wurde ihm dort eine interne Ausbildung als Erstverkäufer angeboten, die er gerne annahm. Von nun hatte er mehr Verantwortung, denn er koordinierte die Kassen und hatte die Aufsicht über sie.

Eine weitere Veränderung folgte 2005, mit der Abspaltung des  Lebensmittelsbereiches von Wertheim bzw. Karstadt. Unter dem Namen "Perfetto" entstand in allen Karstadthäusern eine Art "Gourmet-Oase" für Feinschmecker. Karl Heinz Dautzenberg, der Chef, prägte folgendes Motto dafür: Perfetto fängt dort an, wo ein normaler Supermarkt aufhört.

Wirtschaftlich gesehen ist Karstadt mit 75% an Perfetto beteiligt, der Lebensmittelkonzern REWE mit 25%. Nach dem Neubau von Karstadt 2009 im Boulevard Berlin und dem folgenden Abriss von Wertheim wurde der Arbeitsplatz von Johannes zu Perfetto Karstadt verlegt. Der Gourmet-Supermarkt lief teilweise ganz gut, doch schrieb das Unternehmen in den letzten Jahren rote Zahlen. Da Perfetto zum großen Teil zu Karstadt gehört, gab es aber schon immer Zeiten, in denen der Arbeitsplatz von Johannes unsicher war. Man erinnere sich: 2004 die Schwierigkeiten des Arcandor-Konzerns, zu dem Karstadt Quelle gehörte, die Insolvenz 2009, dann die Übernahme durch Berggruen und 2014 die Übernahme durch die Signa Holding. Die Belegschaft war immer wieder Zitterpartien ausgesetzt, musste auf Urlaubsgeld oder Gehaltserhöhungen verzichten, um ihren Arbeitsplatz zu erhalten.

Trotz aller Probleme hat Johannes mit seinem freundlichen Wesen den Kunden gegenüber immer für eine angenehme Einkaufsatmosphäre gesorgt. Da er manche Kunden über viele Jahre bzw. Jahrzehnte kannte, hatte er ein persönliches Verhältnis zu ihnen. Großstadt und Anonymität waren tabu, an der Kasse gab es fast einen familiären Kontakt. Johannes sah die Kinder aufwachsen, kannte die Lebensgeschichten seiner Kunden. Selbst wenn die Schlange an der Kasse sehr lang war, hat er sich Zeit genommen, um ein paar persönliche Worte zu sagen.

2015 gab es einschneidende Veränderungen. Da Perfetto weiterhin rote Zahlen schrieb, sollten in allen Filialen Stellen abgebaut werden. Für die Filiale in Steglitz bedeutete das, dass über ein Drittel der Stellen abgebaut wird. Einige Mitarbeiter sind freiwillig gegangen, dem Rest wurde gekündigt. Vorrangig den älteren Mitarbeitern, denn die sind teuer, und dann die Kassierer, denn die sind schnell durch Leiharbeiter zu ersetzen. Johannes wird mit den anderen Gekündigten zunächst für ein Jahr in eine sogenannte Transfergesellschaft überwechseln. Dort wird er bei der Arbeitssuche unterstützt werden. Johannes weiß allerdings schon sehr genau, was er möchte. Weg vom Einzelhandel und zurück in seinen "neuen alten Beruf" als Erzieher, vielleicht bei der Flüchtlingsintegration, vielleicht in einer Kita ...

Christine Sugg

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