Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

6.12.2017

JEANNE MAMMEN. DIE BEOBACHTERIN.

Die Ankündigung einer Ausstellung der Malerin Jeanne Mammen erinnert mich an etwas. Woher ist mir der Name bekannt, wo bin ich schon einmal auf ihn gestoßen?

Jeanne Mammen, o. T. (Selbstbildnis um 1926), © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Dann fällt's mir ein: auf unserem “Künstlerfriedhof“ in der Stubenrauchstraße! Dort steht die Urne mit Jeanne Mammens Asche im Kolumbarium, in der Abteilung 45, Nr. 97. Die Berlinerin, die in ihrer frühen Kindheit vor dem ersten Weltkrieg mit der begüterten Familie in Berlin wohnte, später lange in Paris lebte und arbeitete und im 1.Weltkrieg 1916 wieder nach Berlin floh, um der Internierung in Frankreich zu entgehen, hat also ihre letzte Ruhestätte in ihrer Heimatstadt gefunden.
Zusammen mit ihrer Schwester Mimi war Jeanne Mammen (1890-1976) an renommierten Kunstakademien in Paris, Brüssel und Rom als Malerin ausgebildet worden und machte sich 1913/14 in Paris einen Namen mit Illustrationen und Lithographien aus dem Pariser Vergnügungsviertel. Nach der Flucht aus Frankreich nach Berlin war sie völlig mittellos und wohnte zunächst bei ihrer Familie in der Schöneberger Motzstraße. Ihr Geld verdiente sie mit Zeichnungen für Modemagazine, satirischen Zeitschriften wie Simplicissimus und UHU und in der Kunst- und Literaturzeitschrift „Jugend“. Sie erforschte das Berliner Stadtleben am Kurfürstendamm, im schwul-lesbischen Viertel rund um den Nollendorfplatz und in den Arbeitervierteln im Wedding und bildete ihre Erfahrungen in ihren Zeichnungen ab, für die sie bis heute bekannt ist und u.a. auch von Kurt Tucholsky geschätzt wurde („anmutig und herb“). Durch sie lernen wir, dass die „Goldenen Zwanziger“ nicht nur golden waren. 1920 hatte sie ein Wohnatelier in einem Hinterhaus am Kurfürstendamm 29 bezogen, zusammen mit ihrer Schwester, in dem sie bis zu ihrem Tod wohnte und arbeitete. Heute ist dort ein Archiv und ein kleines Museum eingerichtet.

1932 reiste sie mit einem Freund nach Moskau und sympathisierte mit dem Sozialismus. Mit der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus verlor sie ihre Lebens- und Arbeitsgrundlage, die Zeitschriften, für die sie arbeitete, wurden entweder eingestellt oder gleichgeschaltet, „arischen Ungeist“ warf man ihr vor. Sie ging in die sogenannte „innere Emigration“ und beschäftigte sich heimlich mit Kubismus und Futurismus, schrieb ein Filmdrehbuch, von dem Episoden durch eine Gruppe Studierender der Kunsthochschule Bremen realisiert wurden, machte Kabarett mit der Künstlergruppe „Badewanne“. Nach 1945 begann sie mit ersten abstrakten Zeichnungen, in den Sechzigern machte sie Collagen und Übersetzungen. Ihr letztes Bild malte sie 1975, ein halbes Jahr vor ihrem Tod.

1971 wurde die Künstlerin, die zeitweilig vergessen worden war, wiederentdeckt mit Ausstellungen in Stuttgart und Hamburg, 1990 gab es eine Renaissance.

Die Berlinische Galerie, die den Nachlass Jeanne Mammens hütet, widmet ihr eine umfangreiche Retrospektive aus den eigenen Beständen mit 170 Werken aus sechzig Schaffensjahren. Zwei der Bilder wurden für die Ausstellung aus New York nach Berlin geschafft: „Café Reimann“ und „Fasching Berlin N.“

Die sehenswerte, hoch interessante Ausstellung ist bis zum 15. Januar 2018 geöffnet, es gibt zahlreiche kostenlose Führungen.

Sigrid Wiegand

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin-Kreuzberg
Montag bis Mittwoch 10-18 Uhr
Dienstag geschlossen