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22.12.2019 / Stadtteilzeitung separat (Zeitungsinhalte)

Jagd auf Wissen in Ruinen

Die Geschichte der Informationstechnik ist eng mit der deutschen Industriegeschichte verknüpft und die wiederum eng mit der staatlichen Förderung von Forschung und Entwicklung im Kaiserreich.
100-kW-Sender im Museum am Funkerberg in Königs Wusterhausen. Foto: Klaus Breitkopf
Auf Befehl der russischen Besatzungsmacht musste die Fa. Telefunken 1946 in äußerst kurzer Zeit in Königs Wusterhausen einen 100 kW Langwellensender errichten, der als Deutschlandsender ein ostdeutsches Programm und zeitweilig als Radio Wolga auch ein russisches Programm abstrahlte. Foto: Klaus Breitkopf

Es war Wilhelm II. höchstpersönlich, der die Entwicklungen von Siemens in Straßburg und der AEG in Berlin zusammenführen half, indem er die beiden Chefs in einer Unterredung in seinem Berliner Stadtschloss mit Förderversprechen dazu veranlasste, die spätere Weltfirma Telefunken als Gemeinschaftsunternehmen für Nachrichtentechnik zu gründen. Im Verlauf der Firmengeschichte wurden hier sämtliche Bauelemente für die rasant sich beschleunigende Entwicklung der Informationstechnik entwickelt und gebaut, die u.a. auch das Radio marktfähig machten. Vom Sender bis zum Empfänger wurde schließlich alles hergestellt, was bei der Übertragung von Schallwellen durch Umwandlung in elektromagnetische Wellen und  Rückübertragung in Schallwellen nötig war.

Nachrichtentechnik spielt bis heute auch in der militärischen Anwendung eine wichtige Rolle, denn sie erleichtert das Führen großer Verbände. Im Kasernenkomplex an der General-Pape-Straße waren daher neben den Eisenbahnern und den Luftschiffern auch die Nachrichtentechniker des kaiserzeitlichen Heeres beheimatet. Nicht zuletzt ihnen ist der berühmt gewordene Sieg des Ostheeres in der Schlacht bei Tannenberg des Jahres 1914 zu verdanken, denn dank der eingesetzten Nachrichtentechnik konnte der gesamte Nachrichtenverkehr der russischen Armeen überwacht werden. Und infolge der dadurch gewonnenen Informationen konnten die eigenen Kräfte den gegnerischen Angriffsbewegungen solange ausweichen, bis sich eine Gelegenheit zum entscheidenden Gegenschlag bot. Das scheint auch auf der russischen Seite unvergessen geblieben zu sein, wie sich nach dem nächsten Krieg zeigen sollte.

Nach dem 2. Weltkrieg, in dem die Informationstechnik durch Weiterentwicklungen wie etwa dem Radar eine noch größere Bedeutung gewonnen hatte, war der Neuanfang für Telefunken zunächst schwer. Denn den nunmehrigen Besatzungsmächten war die Stärke der deutschen Technik nicht verborgen geblieben. Daher wurden von ihnen alle nicht zerstörten Industrieanlagen restlos ausgeräumt. Diese Demontagen dauerten im Westen bis 1949 und im Osten sogar bis 1953. Aber darüber hinaus wurde auch nach dem Wissen in den Köpfen Ausschau gehalten. Bis heute bekannt geblieben ist der Wechsel der Raketentechniker in die USA. Aber auch die Russen wussten sich zu bedienen. Im einzigen unzerstört gebliebenen Haus der Firma in der Schöneberger Maxstraße 8 (heute: Kärntner Straße)  begann schon kurz nach Kriegsende mit 60 Mitarbeitern der Neuanfang mit der an den Zeiterfordernissen orientierten Produktion von Schubkarren und Feuerzeugen. Doch schon kurze Zeit später begann der Wiedereinstieg in das eigentliche Kompetenzfeld, und zwar durch Mitwirkung von ganz unerwarteter Seite. Denn im Januar 1946 erschien bei Telefunken in Schöneberg eine sowjetische Militärkommission mit der Anfrage, ob die Firma sich in der Lage sehe, einen 100 Kilowatt-Langwellensender zu bauen. Dazu heißt es in den Erinnerungen des langjährigen Entwicklungschefs W.T. Runge:

Wissen macht Mut
„Es war uns peinlich zuzugeben, dass die große alte Fa. so etwas nicht könnte und so erklärte Pohontsch (damaliger Chef), ja, das könnten wir wohl, aber wir brauchten dazu eine Starthilfe: Lebensmittel für unsere Mitarbeiter während der Bauzeit, Transportmittel und einen Offizier mit der Befugnis zur Beschlagnahme benötigten Materials für uns und schließlich eine Auszahlung in Höhe von 50%, also 500.000 Reichsmark. Halb hofften wir, dass die Russen auf diese Forderung nicht eingehen würden, aber sie sagten ganz ungeniert: Schön. Militärportionen für wie viel Mann? 500? Gut. Drei Lastwagen und ein Major mit Vollmacht, reicht das? 500.000 Mark Auszahlung? Iwan, hol mal den Koffer mit dem Geld herauf!

Und da saßen wir nun. Immerhin musste sich damit etwas anfangen lassen. Aber, sagten die Russen, Termin für die Übergabe ist der 15. August dieses Jahres, und wenn der nicht eingehalten wird, dann ist das Sabotage, und dann werden Sie alle abgeholt wie Sie hier sitzen. Darauf guckten wir uns an, schluckten ein paarmal, aber der unerschütterliche Pohontsch sagte schließlich zu, obwohl wir auch in den besten Zeiten niemals für einen 100Kw-Sender eine Bauzeit von sieben Monaten hatten einhalten können. Es wurde die schönste Zeit meines Telefunkenlebens. Die übrigen Fertigungen wurden abgetrennt und mit Lebensmitteln, Geld und Requirierungsmöglichkeiten eine Organisation aufgezogen, die nur für diesen einen Auftrag arbeitete. Nichts kam dazwischen, alles arbeitete Hand in Hand.

Zunächst das Berechnungsbüro, dann das Konstruktionsbüro. Dann kamen Werkstatt und Beschaffung. Betriebsleiter, Meister und Mechaniker waren das Einfachste aus unserem alten Personalbestand. Werkzeuge und Werkzeugmaschinen wurden gefunden, beschlagnahmt und instandgesetzt, und in den Räumen in der Sickingenstraße wurde die Werkstatt eingerichtet. Viele Bauteile hätten wir noch gar nicht herstellen können, wussten aber, wo dergleichen herumlag, der große Modulationstransformator zum Beispiel, und Wasserkühlröhren, die beim Einmarsch versteckt worden waren. Die Firma. wuchs auf 500 Mann, der Sender war am 15. Juli in Königs-Wusterhausen fertig montiert und wurde von uns vier Wochen lang zur Probe gefahren, bis zur offiziellen Übergabe am 15. August 1946.“

Das war der Anfang eines erstaunlichen Wiederaufstiegs von Telefunken, denn es gab bald Anschlussaufträge von den Engländern, die in ihrer Besatzungszone ebenfalls den Rundfunk neu aufbauen wollten, und von da an blieben die Auftragsbücher gut gefüllt. Doch schien die sowjetische Besatzungsmacht nach dem Erfolg bei ihrem Coup in Schöneberg Blut geleckt zu haben, wie man unter Räubern so sagt. Am 22. 10. 1946 wurden um 4 Uhr morgens 230 der qualifiziertesten Mitarbeiter der alten Tante Telefunken aus dem Schlaf gerissen und oft sogar mitsamt ihren Familienangehörigen auf Lastwagen geladen und anschließend mit der Bahn in die Sowjetunion abtransportiert. Dort wurden sie so lange zum Wissenstransfer zwangsverpflichtet, bis sie nicht mehr benötigt wurden. Erst 1952 durften sie nach Hause zurückkehren.

Ottmar Fischer

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