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12.09.2021

Insektensommer

Von Maria Schinnen. Sie sind nicht nur die artenreichste, sondern auch vielfältigste Tierklasse überhaupt. Wissenschaftlich belegt sind etwa eine Million Insektenarten, 33.000 allein in Deutschland.

Tagpfauenauge. Foto: F. Derer (NABU)

Und sie sind enorm wichtig für das Gleichgewicht unseres Ökosystems. Ohne sie wäre unser Planet nicht bewohnbar. Insekten bestäuben etwa 88% aller Pflanzen und ermöglichen dadurch ihr Wachstum. Der Pflanzenreichtum ist wiederum Voraussetzung für das Überleben vieler Tiere, da er Nahrung, Lebensraum und Fortpflanzung sichert. Auch wir Menschen leben von ihrer Bestäubungstätigkeit, ohne sie hätten wir kein Obst, keine Kräuter, keinen Kohl. Insekten sind außerdem ein wichtiges Glied der Nahrungskette und werden von Fledermäusen, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fischen benötigt. Selbst die Menschen haben Insekten als gesunde, proteinreiche Nahrung der Zukunft für sich entdeckt. Insekten dienen als Bodenverbesserer, lockern verhärteten Boden auf und führen ihnen Nährstoffe zu. Raubinsekten übernehmen die Aufgabe von Pestiziden, indem sie Schädlinge fressen und der Landwirtschaft auf natürliche Weise dienen. Unersetzlich sind sie als Abfall- und Aasentsorger. Sie zersetzen organisches Material und machen die enthaltenen Nährstoffe für das Ökosystem nutzbar.

Letzteres macht sie auch interessant für die Kriminalistik. Die gerichtsmedizinische Insektenkunde hilft Täter zu überführen, indem die auf einer Leiche vorkommenden Insekten, Eier, Maden und die Kenntnis der typischen Abfolge dieses Befalls wichtige Hinweise auf Tatort und Todeszeitpunkt geben.

Seit Mitte der 1980er Jahre beobachtet man einen zunehmenden Rückgang der Vielfalt und Anzahl der Insekten. Man geht von einer Reduzierung von etwa einem Drittel aus, in NRW mit seiner vielfach industriell betriebenen Landwirtschaft soll sie sogar 80 % betragen. Viele stehen auf der Roten Liste, manche sind bereits ausgestorben. Hauptverursacher soll, laut NABU, die intensive Landwirtschaft mit ihrer Monokultur sein, die viele Insekten verhungern lässt. Auch die Benutzung von Pestiziden lässt Insekten sterben. Gerade die intensive Landwirtschaft benötigt zahlreiche Agrarchemikalien, um Schädlinge zu bekämpfen und Erträge zu steigern.

Vor zwei Monaten, am 25. Juni 2021, beschlossen Bundestag und Bundesrat endlich das im Koalitionsvertrag vereinbarte Insektenschutzpaket, welches aus dem Insektenschutzgesetz und der Änderung der Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung besteht. Nach Meinung des NABU seien die Bestimmungen zwar ein Schritt in die richtige Richtung, sie blieben jedoch halbherzig. NABU beklagt, dass die Pestizid-Reduktion nur für das Grünland, nicht für die gesamte Landwirtschaft gelte und damit nur für 0,5% aller landwirtschaftlich genutzten Flächen. Obst-, Gemüse-, Weinbau, andere Sonderkulturen und der Ackerbau (bis Ende 2023) sind ausgenommen. Zudem existierten keinerlei Pläne, die intensive Landwirtschaft durch eine umweltverträglichere, ökologische zu ersetzen, die weniger Chemie brauche, beispielsweise die „regenerative Landwirtschaft“, die durch die gewählte Fruchtfolge auf natürliche Regeneration des Bodens setzt oder der „Refugialansatz“, der Pestizide nur erlaubt, wenn eine Rückzugsfläche für Insekten vorhanden ist. Hier müsse dringend nachgebessert werden.

Um auf die enorme Bedeutung der Insekten aufmerksam zu machen und für den Schutz dieser Tierart zu sensibilisieren, ruft der NABU seit 2018 zweimal jährlich zu der Mitmachaktion „Insektensommer“ auf. Dabei werden im Juni und August eine Stunde lang Insekten gezählt und dem NABU gemeldet. Um belastbare Ergebnisse zur Artenvielfalt und Häufigkeit der Insekten zu erhalten, ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen sich beteiligen. Geeignet sind Gärten, Balkons, Parks, Wiesen, Wälder, Felder, Teiche, Bäche, Flüsse. Gezählt wird alles, was sechs Beine hat, sei es auch noch so unscheinbar: Schmetterlinge, Käfer, Bienen, Wespen, Fliegen, Wanzen, Blattläuse. Wer die Tiere nicht kennt, kann sie mit dem NABU-Insektentrainer unterscheiden lernen. Das Beobachtungsgebiet soll nicht größer als etwa zehn Meter in jede Richtung vom eigenen Standpunkt aus sein.

Die diesjährige Zählaktion ist nun beendet. Noch bis zum 22. August konnten Ergebnisse gemeldet werden. Bei Redaktionsschluss lagen sie noch nicht vor. Der NABU hatte aber schon eine interaktive Karte der bisher gemeldeten Beobachtungen für Deutschland erstellt. Diese kann sich zwar noch ändern, lässt aber erste Tendenzen ablesen.

Wie  bei allen vorangegangenen Zählaktionen auch, ist die Anzahl der beobachteten Insekten in Berlin deutlich höher als in Brandenburg. Zwei mögliche Gründe könnte es dafür geben: Entweder die Berliner engagieren sich stärker als die Brandenburger an den Zählaktionen, sodass mehr Insekten gemeldet werden, oder Vielfalt und Anzahl der Insekten Berlins sind größer. Insektenexperten des NABU und des Naturkundemuseums vermuten, dass in Berlin tatsächlich eine größere Artenvielfalt bestehe. Das ist umso erstaunlicher, als die Stadt eine hohe Lichtverschmutzung (Veränderung der natürlichen Helligkeit des Nachthimmels durch künstliches Licht, das die Schwebeteilchen in der Luft durchdringt, diffus streut und zurückstrahlt) aufweist. Dies bringt den natürlichen Tag-Nachtrhythmus der Insekten durcheinander und endet für nachtaktive oft tödlich. Auf der anderen Seite bietet Berlin mit seinen vielen Naturschutzgebieten, Parks, Wäldern, Straßenbäumen, Gärten, Grün- und Kleingartenanlagen, Friedhöfen und Brachen eine insektenfreundliche botanische Vielfalt, die auf dem Land mit seinen Monokulturen und versprühten Pestiziden eher nicht gegeben ist. Berlin versucht dies noch zu forcieren. „Mehr Bienen für Berlin – Berlin blüht auf“ heißt das seit 2019 bestehende Pilotprojekt der Deutschen Wildtier Stiftung und des Senats für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Im Fokus stehen die Wildbienen, für die man artenreiche Blumenwiesen anlegte, Wildstauden pflanzte, Nist- und Überwinterungsplätze schuf. Begleitet wird die Aktion durch ein regelmäßiges Monitoring (Dauerbeobachtung) zur Artenvielfalt der Wildbienen. Inzwischen konnten 323 Wildbienenarten in Berlin identifiziert werden. Von den Erkenntnissen aus der Wildbienenforschung profitieren auch andere Insekten-arten. Der Stiftung ist es inzwischen gelungen, alle Berliner Bezirke für bestäubende Insekten zu sensibilisieren, damit öffentliche Grün- und Freiflächen erhalten, gestaltet oder neu angelegt werden.

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