Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.09.2018

Im Schatten des Riesenfußes

Präsentation des prämierten Entwurfes in Sachen Umgestaltung des Friedrich-Wilhelm-Platzes.

Visualisierung des preisgekrönten Entwurfs des Büros METTLER Landschaftsarchitektur.

Monstren sind Mischwesen aus Mensch und Tier oder aus mehreren Tieren, die in Altertum und Mittelalter als Unheilszeichen vor Gefahren warnen sollten. Was bereits in der Bedeutung des Lehnwortes zum Ausdruck kommt, denn „monstra“ heißt übersetzt „Zeichen“. Eine der weniger bekannten Unheilsfiguren dieser Art war: „Der Mensch, dessen Riesenfuß ihn beschatten kann.“ Die Vorstellung von einem Körperteil, der den eigenen Körper in den Schatten zu stellen vermag, ist bei näherem Hinsehen weniger abwegig, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn beim Umgestaltungsprozess für den Friedrich-Wilhelm-Platz ist ein solches Monster gerade zu erleben.

Fanden sich hier im Schatten der Gemeindekirche zunächst Nachbarn zusammen, die eine weitere Verwahrlosung des einstigen Schmuckplatzes nicht länger hinnehmen wollten und zur Wiederherstellung der Aufenthaltsqualität viele Gestaltungsideen entwickelten, machte die formierte Bürgerinitiative an jenem Punkt, als ihr Anliegen schließlich zur Umsetzungsreife gediehen war, die Bekanntschaft mit eben jenem Riesenfuß, der den eigenen Körper in den Schatten zu stellen vermag. Denn anders als zu den Zeiten der Friedenauer Gemeinde-Selbstverwaltung, als solche Anliegen von der Bürgerschaft in Eigenverantwortung umgesetzt wurden, bedarf es heutzutage eines Riesenfußes an Fachleuten aus der Verwaltungshierarchie und von Spezialisten der Landschaftsgestaltung, um ein solches Vorhaben ins Laufen zu bringen.Und es braucht Zeit. Nach fünfjähriger Inkubationszeit, angefüllt mit der Ideensammlung aus der Bürgerschaft und darauf fußenden Gestaltungsvorschlägen, nach unermüdlich wiederholten Kontaktaufnahmen zur Landes- und zur Bezirksverwaltung, nach einer erfolgreichen Machbarkeitsstudie - die wir  unseren Lesern bereits vorgestellt haben - und nach einem Beschluss zur Finanzierung aus dem Plätzeprogramm der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sowie Umsetzungsbeschlüssen von BVV und Bezirksamt, kam es endlich zur Auslobung eines nicht offenen Wettbewerbs für die verbindliche Entwurfsplanung, es wurden also geeignet erscheinende Bewerber exklusiv zur Teilnahme eingeladen.

Das Ergebnis

Unter sechs eingereichten Entwürfen wurde schließlich der Vorchlag des Berliner Büros Mettler Landschaftsarchitekten mit den Autoren Rita Mettler und Marek Langner für preiswürdig befunden.
Und zwar von einem ganztägig tagenden Preisgericht, das aus sechs auswärtigen Landschaftsarchitekten und ebenso vielen Experten aus den verschiedenen Berliner Fachverwaltungen bestand, von darüber hinaus hinzugezogenen Fachberatern zu schweigen. Bei der am 17. September in der Kirche Zum Guten Hirten erfolgten Vorstellung des preisgekrönten Entwurfs, bei der sich auch das sechsköpfige Gewinnerteam präsentierte, begründete Susanne Walter für das Preisgericht die getroffene Wahl mit den Worten: „Der Entwurf erreicht mit wenigen Mitteln eine Neuinterpretation des Ortes.“ Und der Architekt Dr. Cyrus Zahiri, der durch die Veranstaltung führte und sich eine Stunde lang mühte, die eigenwilligen Fragestellungen aus dem Publikum mit dem planerischen Angebot des Entwurfs zu versöhnen, ergänzte: „Abgewogen werden musste zwischen Grün und Stein, ohne die Nutzbarkeit zu vernachlässigen. Das Preisgericht fand diesen Entwurf am besten geeignet, um in der nun folgenden Leistungsstufe 3 weiterentwickelt zu werden.“

Die Planer selbst sagen zu ihrem Entwurf: „Die asymmetrische Form des Platzes diente uns als Basis und wird durch die freie Form der Rasen- und Spielflächen und die freie Baumstellung verstärkt.“ Zu ergänzen ist, dass der Entwurf die umgebende Verkehrssituation außen vor lässt, einzig die Fahrradspur an der Bundesallee soll zu Lasten des Parkstreifens auf die Fahrbahn verlegt werden. Der Platzinnenbereich soll in eine von überall her gleichermaßen einsehbare Grünfläche umgestaltet werden, weswegen einige Bäume gefällt, andere im unteren Bereich ausgeastet werden sollen, damit eine lichtdurchflutete Atmosphäre entstehen kann. Die Gliederung in sechs unterschiedlich geformte Teilflächen erfolgt durch die Wegeführung, die auf der Grundlage der bestehenden Nutzungshäufigkeit basiert. Einer dieser Wege soll als West-Ost-Achse und Verbindung zwischen Wilhelmshöher Straße und Niedstraße durch platzartige Verbreiterungen besonders betont werden, was auch die Sichtbarkeit des neuen Fahrstuhls zum U-Bahnhof auf dem Mittelstreifen erhöhen dürfte. Ausgelegt werden die Wege mit hellem Natursteinpflaster, das in der Form mit den Backsteinen des Kirchenbaus korrespondiert und im natürlichen Alterungsprozess seine eigene Patina entwickeln wird, dabei aber wasserdurchlässig ist und daher das Regenwasser abführt.

Die einzelnen Teilflächen sind zum Teil angehoben und mit Steinkanten eingefasst, so dass sie auch als Sitzflächen genutzt werden können und zudem verhindern, dass neue Trampelpfade entstehen können. Ergänzende Spielmöglichkeiten sollen an den bestehenden Basketball-Platz angeschlossen werden. Ein gesonderter Bereich an der nördlichen Spitze ist als „Bienenwiese“ vorgesehen. Über das Gelände verstreute Bänke sollen zum Verweilen einladen. Die zukünftig als Bauherrin zu-ständige Stadträtin Heiß versprach einem durchaus auch beunruhigten Publikum: „Wir suchen Konflikte zu lösen. Wir bleiben in Kontakt.“ Und Michael Haarmann als Sprecher der Initiative Friedrich Wilhelm Platz, deren unermüdlichem Einsatz es überhaupt zu verdanken ist, dass endlich eine Wiederbelebung des Platzes in Angriff genommen wird, erklärte gegenüber dieser Zeitung: „Der Entwurf überzeugt, weil die Platzgestaltung radikal neu gedacht ist und auf Details aller Art verzichtet. Ich begrüße das Angebot der Stadträtin, die Initiative bei der weiteren Entwicklung der Planung einzubeziehen.“

Ottmar Fischer