Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.04.2020

Im Dreisprung durch die Welt

Über Wandel - Veränderung - Metamorphose und dem Lauf der Zeit. Von Ottmar Fischer.

Biston betularia - Der Birkenspanner. Foto: Wikipedia

Ob wir es nun immer wahrhaben wollen oder nicht, das einzig Bleibende ist der Wandel. Im Frühling sind wir dafür, im Herbst dagegen. Der Anfang ist uns halt lieber als das Ende. Aber ohne ein Ende könnte es gar keinen Anfang geben, und so gesehen liegt der Anfang eigentlich im Ende. So ist in der Tat das absehbare Ende für alle Lebewesen auch der Anfang ihrer Mühen um einen Neubeginn durch Fortpflanzung. Mitunter wird diese Fortsetzung des Lebens sogar durch ein nochmaliges Zwischen-Ende unterbrochen, wie bei der Metamorphose der Schmetterlinge, einer Schrittfolge vom Ei zur Raupe und von der Raupe zum Schmetterling.

Erstaunlicherweise formt die Raupe ihren eigenen Körper zu einer ganz anderen Lebensform um, indem sie proaktiv ihre alte Daseinsform vernichtet. Sie opfert sich gewissermaßen um der Liebe willen, denn der Schmetterling ist die Hochzeitsform der Raupe. So feiert sie in ihrem Selbstopfer ein ganz eigenes Osterfest, wenn auch nach ihrem eigenen Kalender und in der tausendfachen Vielfalt ihrer unterschiedlichen Arten. Doch bleibt es gleichermaßen verwunderlich, wie sie aus ihrer Körpersubstanz ein Lebewesen formt, das ihren Willen erfüllt. Denn sie selbst verabschiedet sich von dieser Welt, ohne den Vollzug ihres Willens zu erleben. Nur ihr Wille lebt noch in dieser neuen Form. Ihre Selbstlosigkeit übertrifft somit noch die aufopferungsvolle Brutpflege der Säugetiere oder der Vögel, die ihre Nachkommen immerhin erleben. Die Raupe hingegen verzehrt sich buchstäblich bereits im Vorfeld, während wir uns in unseren Liebesdingen nur sinnbildlich verzehren.

Die Schmetterlinge tragen diesen Willen in die Welt, indem sie sich auf die Suche nach ihren Geschlechtspartnern begeben und im Erfolgsfall ihre Eier an jene Pflanzenart legen, deren Blätter sie in ihrem Raupenvorleben gefressen haben. Und so kann dann ein neuer Kreislauf beginnen. Manche Raupen häuten sich mehrmals, bevor sie flügge werden, manche überwintern auch. Manche von ihnen leben gesellig, andere sind Einzelkämpfer. Und auch in der nachfolgenden Lebensform als Schmetterling gibt es artspezifische Besonderheiten. Manche leben nur wenige Tage und nehmen in dieser kurzen Zeit überhaupt keine Nahrung mehr zu sich. Andere haben Rüssel ausgebildet, mit denen sie den Nektar ihrer Lieblinge saugen und so bei Kräften bleiben, bis ihr Werk vollendet ist.

Ein gemeinsames Wandeln

Ihr Kennzeichen bleibt in allen Lebensformen ihre Wandlungsfähigkeit. Es scheint sogar, als ob sie mit den Möglichkeiten des Wandels ein regelrechtes Spiel treiben würden. Denn manche praktizieren die Wandlung nicht nur im Rahmen ihrer individuellen Körperlichkeit, sondern auch als generationenübergreifende Bewegung der ganzen Art durch die Welt. So haben Forscher gerade erst entdeckt, dass der heimische Distelfalter in einer Art Arbeitsteilung über die Generationen hinweg eine Wanderung durch ganz Europa vollzieht. Wie wir das von den Zugvögeln her kennen, sammeln sich diese nur wenige Gramm schweren Flatterer im Norden zu einem gemeinsamen Flug bis nach Afrika ins Winterquartier. Dort wird eine neue Generation erzeugt, die im nächsten Frühjahr den Rückflug antritt. Doch diese Generation legt etwa auf der Hälfte des Weges erneut einen Zwischenaufenthalt ein, so dass erst die nachfolgend dritte Generation wieder in der Heimatregion anlangt, um dort mit dem Neustart des gesamten Karussells zu beginnen. Jede Generation kennt also den eigenen Platz in diesem Kreislauf und findet den vorbestimmten Ort, ohne ihn je gesehen zu haben.

Kein Wunder also, dass diese Fähigkeit zur Vorausschau durch überpersönliche Erinnerung auch sonst überall im Dasein dieser Lebenskünstler anzutreffen ist. So ahmen ihre Flügelzeichnungen Umrisse von bedrohlichen Erscheinungen für ihre Fressfeinde nach, die durch das plötzliche Aufklappen der Flügel während eines ruhenden Aufenthalts beim Angreifer jene Schrecksekunde auslösen können, die zum eigenen Davonkommen reicht. So etwa die beliebte Darstellung von Augen, die bei manchen Arten noch durch zugespitzte Ohren und hervorgehobene Nasen-Körper ergänzt werden, was alles eine unmittelbar bevorstehende Gefahr signalisieren soll, denn wer im Tierreich beobachtet wird, schwebt meist in Lebensgefahr. Andere setzen auf die unterschiedliche Färbung der Flügelpaare, so dass der Eindruck eines weit aufgesperrten Schlundes entsteht. Oder der eines herab stoßenden Vogels, dessen unteres Flügelpaar die bremsende Spreizung der Schwanzfedern darstellt und so den letzten Ausblick des Opfers vor seinem Ende simuliert.

Aber noch genialer ist die Gestaltfindung der Raupen für ihren Rückzugsort während der körperlichen Umbauphase zur Hochzeitsform als Schmetterling. Alle Arten nutzen dafür die Fähigkeit, einen Faden zu spinnen und daraus einen wasserabweisenden und luftdurchlässigen Kokon zu bilden, worin sie sich dann verpuppen und in wenigen Wochen zu ihrer Hochzeitsgestalt umformen. Während dieser Zeit besteht natürlich erhöhte Lebensgefahr, aber auch dafür haben sie eine Lösung gefunden: Sie tarnen ihr Versteck. Wer ausreichend Geduld und die nötige Begabung zum Rätselraten mitbringt, kann im Birkenwäldchen am Perelsplatz oder am birkenumstandenen Renée Sintenis Platz die diesbezügliche Fantasie des Birkenspanners beobachten. Dieser Baukünstler tarnt sein Versteck, indem er seinem Gehäuse den Anschein eines zufällig dort hängen gebliebenen Birkenstückchens gibt, perfekt imitiert in seiner knorrigen Form und in den typischen Birkenfarben.

Wer rechnet, hat Vorteile

Dieser Meister des Versteckspiels hat aber noch aus einem anderen Grund Berühmtheit erlangt. Denn während der industriellen Entwicklung Englands konnten Naturforscher beobachten, dass eine zunehmend dunkler werdende Variante dieses europäischen Allerweltsfalters seine in der ursprünglichen Form hellere Version zu verdrängen begann, was auf eine Anpassung an die Umweltverschmutzung durch die Schornstein-Industrie zurückgeführt wurde. Denn die hellere Variante war in der rußbedeckten Landschaft leichter  zu entdecken und wurde daher häufiger gefressen, was dort beinahe zu ihrem völligen Verschwinden geführt hat. Doch nun haben Naturfreunde Entwarnung gegeben. Denn sie haben beobachtet, dass durch den Niedergang der englischen Industrie und die dadurch bedingte Abnahme der Umweltverschmutzung in-zwischen eine Umkehr in den Zahlenverhältnissen eingetreten ist. Nun sind die dunkler gefärbten Falter besser sichtbar und werden eher gefressen. Kein Wunder, dass der Birkenspanner zum Lieblings-Beispiel für die Evolutionsmechanik im Biologie-Unterricht geworden ist.

Andere Künstler unter den Raupen beißen ein Blatt ihres Wirtes ab, nachdem sie es mit ihrem Spinnfaden an seinem Zweig befestigt haben, woraufhin es sich einrollt und so einen perfekten Sichtschutz für die Verpuppungs-Zeit bietet. Der Meister dieser Technik des Vorausdenkens ist aber ein indischer Atlasspinner. Der hängt gleich fünf abgebissene Blätter auf, bevor er eines für seine Hochzeitsvorbereitungen aufsucht. Möglicherweise wird ein hungriger Vogel einmal nachsehen, ob in einem der verbogenen Blätter etwas Leckeres zu finden ist. Doch die Erfolgs-Wahrscheinlichkeit steht 1:5. Und je öfter er es probiert, umso mehr wird in ihm die Überzeugung reifen, es besser doch irgendwo anders zu versuchen, denn der Tag ist nur kurz. Und selbst wenn er gleich beim ersten Mal einen Treffer landet und in der Hoffnung auf mehr davon auch die anderen Blätter-Burgen untersucht, wird er zu dem gleichen Ergebnis kommen, denn die übrigen Verstecke sind ja leer. Dann hätte der verhinderte Falter zwar nicht sich selbst gerettet, aber wenigstens die Artgenossen vor ähnlichen Nachstellungen geschützt.

Diese Dreisprung-Virtuosen sind auf ihrem Weg vom Ei über die Raupe zum Schmetterling also in bemerkenswerter Weise alle recht erfinderisch. Vor allem aber sind sie in ihrer vorausschauenden Liebe zur Wohlfahrt künftiger Generationen uns Menschen weit überlegen. Denn wir vernichten in unserer kurzsichtigen Gier nach immer mehr Konsum zu immer billigeren Preisen nicht nur unsere eigene Umwelt, von der wir leben, sondern die Überlebenschancen unserer Nachkommen gleich mit. Wenn Sie also im nächsten Herbst in einem Fensterrahmen Ihrer Wohnung ein regungsloses Pfauenauge sitzen sehen, so lassen Sie es am besten einfach in Ruhe. Es überwintert dort nur. Im Frühjahr geht es von alleine. Im Fluge.

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