Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

28.03.2014

'Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet hierher gezogen bin.'

Auf der Suche nach einer Wohnung in Berlin findet die Autorin Pascale Hugues eine Anzeige, die eine Wohnung mit dem Hinweis Ruhige Straße in guter Wohnlage verspricht. Diese Straße ist im Bayerischen Viertel, nahe dem Bayerischen Platz, und wie in vielen anderen Straßen finden sich dort wilhelminische Altbauten gleich neben 50er Jahre Neubauten. Jedem ist dieser Widerspruch aufgefallen und mancher wird sich die Frage gestellt haben, was hier wohl passiert ist.

Pascale Hugues ist Französin aus dem Elsaß. Seit 20 Jahren wohnt sie in Berlin, im Bayerischen Viertel. Sie schreibt eine Kolumne für den Tagesspiegel und die Süddeutsche Zeitung. Sie schaut auf ihre Straße und beginnt sich für die Geschichte der Straße und ihrer Bewohner zu interessieren.

Unscheinbar findet die Autorin ihre Straße heute, und vor 100 Jahren mietete ein gehobenes bürgerliches Publikum die großen Wohnungen, als die Häuser prächtig waren. Die Straße war elegant. Lilli Ernsthaft wohnte mit ihrer Mutter in einer dieser Wohnungen, und Pascale Hugues wird uns ihre Geschichte in ihrem Buch erzählen: Nach dem schnellen und aufregenden Leben in den zwanziger Jahren folgen die Zeiten der Verfolgung, der Angst, der Demütigung und der Deportation. Lillis Mutter wir in Theresienstadt ermordet und Lilli überlebt in einem kleinen Zimmer im Jüdischen Krankenhaus. Nach dem Krieg wird sie in die Straße zurückkehren. Ihr Sohn kann das nicht aushalten. Er emigriert nach New York. Für seine Mutter bleibt die Straße ihre Heimat.

Die Weltwirtschaftskrise macht die Bewohner der Straße arm, viele können sie sich nicht mehr leisten. Der Nationalsozialismus verfolgt, vertreibt und deportiert die, die jüdisch sind. Dabei ist die 19jährige Hannah Kroner, die mit ihrer Familie 1939 nach New York emigriert. Ihre Freundin Susanne Wachsner muß noch auf ihre Papiere warten, und die jungen Freundinnen verabschieden sich, sicher, dass sie sich bald wiedersehen werden. Ein Kleid aus Crêpe de Chine begleitet Hannah auf dem Überseedampfer beim abendlichen Tanz und kleidet sie gut. Die Freundin hat es für sie genäht. Susanne gelangt nie nach Amerika. Sie wir deportiert und ermordet. Das Kleid wird so lange in Hannahs Schrank hängen, bis Pascale Hugues nach New York kommt, Hannahs Geschichte findet und das Kleid zurück in die Straße trägt, aus es vor Jahrzehnten kam.

Wie die Sekretärin des Oberkommandos der Wehrmacht in die Straße kommt und wer der Vater ihres Sohnes ist, ist eine ganz andere Lebensgeschichte in dieser Zeit. Hochbetagt wird sie im 21. Jahrhundert nach Berlin zurückkehren, die Straße wiedersehen und der Autorin ihre Geschichte erzählen.

Der Krieg, die Trümmer und Ursula Krüger, die ein Leben lang in den Schleiflack-Möbeln der Mutter lebt, die nun die Lichterfelder Wohnung möblieren, als wäre es die Wohnung in der Straße. Sie stöhnt am Ende: "man behält alles und kriegt keine Ruhe.

"Alle Geschichten, die Pascale Hugues findet, erzählen nebenbei auch vom "Problem, das die Deutschen mit Deutschland haben". Von der Beschäftigung mit Schuld und Scham genauso wie von ihrer Verdrängung. Von den Trümmerbergen nach dem Krieg, von der Veränderung der Straße während der Teilung Berlins, von der Gentrifizierung nach der Vereinigung Berlins. Frau Soller muss die Straße nach 38 Jahren verlassen. Als kaufmännische Angestellte seit 38 Jahren im KaDeWe beschäftigt, ist sie ein Opfer der Gentrifizierung.

Ganz dabei und doch mit Distanz kann Pacale Hugues den besonderen Blick auf die Geschichte der Straße werfen, und uns Lesern wird klar, dass alle Straßen eine ähnliche Geschichte haben werden. Auf die Frage, wie die Straße heisst, antwortet die Autorin "Das ist uninteressant, es ist diese, aber es könnte jede sein."

In ihrem Buch über die Großmütter Marthe&Mathilde sagt Pascale Hugues, dass die Elsässer Zwitter sind. Etwas Franzose, etwas Deutsche ... eben Elsässer. Vielleicht ist diese Tatsache so bedeutend für den Blick auf die Ruhige Straße in guter Wohnlage. Etwas Elsässisch ... etwas Französisch ... eben etwas Berlinisch.

Christiane Fritsch-Weith

Die Rezensentin Christiane Fritsch-Weith ist die Buchhändlerin vom Buchladen Bayerischer Platz, Grunewaldstraße 59, 10825 Berlin

Pascal Hugues,
Ruhige Straße in guter Wohnlage
ISBN 978 3 498 03021 6
19,95 Euro