Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.07.2020

Hunger nach Liebe

Von Maria Schinnen Kurt Tucholsky schien durchaus zufrieden mit seinem neuen Leben in Friedenau, als er, frisch verheiratet mit der Ärztin Else Weil, im Sommer 1920 von seinem Balkon im Haus Nummer 79 auf die ruhige Kaiserallee (heute Bundesallee) blickte.

Kurt Tucholsky und Lisa Matthias im schwedischen Läggesta, 1929. Foto: Nachlass Sonja Thomassen

„In meiner Straße ist es still – so still. Der Wind weht ein paar Glockenklänge herüber, aber man fühlte auch ohne sie, daß heute Sonntag ist. Ein kleiner Hund läuft über den Damm und hält seinen buschigen Schwanz steil und ernsthaft in die Höhe ... Ich stehe auf dem Balkon und probiere eine neue Pfeife ...“

Die Wohnung hätte sein Zuhause werden können. Doch die Ehe brachte nicht die Erfüllung, die sich beide erhofft hatten. Sie war mehr ein Neben- als ein Miteinander. Er publizierte, sie praktizierte. Ihre Erfolge als Ärztin setzten seinem Selbstbewusst-sein arg zu.  „Die Frau war mir damals über - man hat das nicht gern als Mann.“

Dabei hatte ihre Liebe so knisternd angefangen. 1910 hatten sie sich kennen gelernt, er, Jurastudent, sie Medizinstudentin, er 20, sie 21 Jahre alt. Frisch verliebt verbrachten sie drei heiße Sommertage in Rheinsberg. Ein Jahr später verwandelte er das Sommermärchen in eine kleine Erzählung: „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“.

Eigentlich war Tucholsky zu dieser Zeit bereits mit Kitty Frankfurter liiert, das aber hielt ihn nicht von seinem Liebesabenteuer ab. Die kleine Liaison offenbarte schon damals: Kurt Tucholsky konnte nicht treu sein. Sein Hunger nach immer neuen Reizen quälte ihn.

„So süß ist keine Liebesmelodie, so frisch kein Bad, so freundlich keine kleine Brust wie die, die man nicht hat.“

 „Immer an eine Frau gebunden? So sollen uns alle Lebensstunden verrinnen? Ohne boshafte Feste? Liegt nicht draußen das Aller-beste? Mädchen? Freiheit? Frauen nach Wahl? Gesagt, getan!“

Vor allem eine Frau geisterte durch die Ehe der Tucholskys, Mary Gerold. Er hatte sie schon 1917 als Soldat in Lettland kennen gelernt und sich in sie verliebt. Nach Kriegsende bekniete er sie, nach Berlin zu kommen. Als sie nach langem Zögern schließlich im Januar 1920 vor seiner Wohnungstür stand, behandelte er sie kalt. Die Beziehung schien beendet. Mary Gerold ging, suchte sich ein Zimmer und einen Job. Doch Tucholsky hielt trotz seiner Ehe mit Else Weil weiter Kontakt zu ihr. Er begann, ein emotionales Doppelleben zu führen. Im Februar 1923 verbrachten sie sogar fünf Tage am Schweriner See, heimlich natürlich.

Irgendwann hatte Else Weil genug von seinen Frauengeschichten. „Als ich über die Damen wegsteigen musste, um in mein Bett zu kommen, ließ ich mich scheiden“, sagte sie später. Im Juni 1923 trennten sie sich, im Mai 1924 wurde die Ehe aufgelöst. Am 30. August 1924 heiratete er Mary Gerold im Friedenauer Standesamt.

Zwei Wochen nach der Hochzeit brachen die frisch Vermählten nach Paris auf, wo er als Korrespondent für die Vossische Zeitung, Die Dame und Die Weltbühne arbeitete. Tucholsky aber fühlte sich schon bald von der hektischen und steinernen Pariser Innenstadt genervt und sie zogen in einen grünen Pariser Vorort. Hier trieb ihn das Hundegebell schier in den Wahnsinn. Sie wechselten nach Fontainebleau in einen ruhig gelegenen alten Kardinalsitz mit 15 Zimmern. Die Totenruhe aber drängte ihn in die lebendige Innenstadt zurück. Einen Monat später, 1926, zog er aus beruflichen Gründen wieder nach Berlin und Mary saß allein in ihren 15 Zimmern. Er bekniete sie, zu ihm zu kommen und beklagte sein Alleinsein. Dabei hatte er längst die Schönebergerin Lisa Matthias kennen gelernt, die ihn in seiner Einsamkeit tröstete. Wieder entwickelte sich eine Dreiecksbeziehung. Er genoss das Zusammen-sein mit Lisa und konnte doch von Mary nicht lassen. Als sie 1927 endlich in Berlin ankam, schimpfte er auf die widerliche Stadt, die ihn depressiv mache und er zog nach Kopenhagen. Mary folgte. Von dort ging es in die dänische Provinz. Mary folgte. Im Spätsommer 1927 entschied er sich, wieder nach Paris zurückzukehren. Mary folgte. Während sie erneut auf Wohnungssuche war, genoss er seine Freiheiten mit Lisa, reiste mit ihr durch Deutschland und zu den Loire-Schlössern. Nachdem die neue Pariser Wohnung gefunden war, bewohnte Mary sie überwiegend allein. Ihr Mann blieb abwesend. Im November 1928 erkannte sie endlich, dass es wohl niemals ein gemeinsames Leben geben werde und zog die Notbremse. Sie schickte ihm einen Abschiedsbrief und bestieg den Zug Richtung Berlin. Hier fand sie eine gut bezahlte Stelle als Prokuristin in einer Kreuzberger Druckerei. Immerhin besorgte Tucholsky ihr eine neue Wohnung in der Friedenauer Künstlerkolonie in der Laubenheimer Straße. Von nun an gingen sie getrennte Wege. Doch Tucholsky liebte sie noch immer. Eine Scheidung kam nicht infrage. Erst mit der Machtübernahme der Nazis 1933 schlug er ihr vor, sie zu ihrem eigenen Schutz vom Namen Tucholsky zu befreien. Am 21. November 1933 wurden sie geschieden.

Inzwischen genossen Kurt Tucholsky und Lisa Matthias ein angenehmes Leben. Als er sich aber durch die Nazis und den zunehmenden Judenhass mehr und mehr bedroht fühlte, beschloss Tucholsky 1929, nach Schweden umzusiedeln. An seiner Seite Lisa Matthias. Zunächst verbrachten sie einen märchenhaften Sommerurlaub im nordschwedischen Läggesta und dem nahe gelegenen Schloss Gripsholm. Zwei Jahre später lag „Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte“ in den Buchhandlungen. Es war die schwedische Variante von Rheinsberg. Dann mietete Tucholsky in Hindås, nahe Göteborg, ein komfortables Haus am See. Da Lisa recht oft zu ihren Kindern nach Berlin reiste, suchte Tucholsky Abwechslung in Form einer Schwedischlehrerin. Sie hieß Gertrude Meyer und kam zweimal pro Woche zu ihm ins Haus. Aus dem theoretischen Unterricht wurde bald praktizierte Liebe. Lisa Matthias blieb fortan in Berlin und dachte gern an ihre Zeit und ihr Lachen mit Tucholsky zurück.

Gertrude Meyer war nicht seine letzte Affäre. Aline Valangin und Hedwig Müller hießen weitere. Letztere versuchte er sogar zu sich nach Schweden zu locken, doch die engagierte Ärztin wollte weiter in der Schweiz praktizieren. So blieb es beim regen Briefverkehr. 1935 wurde Tucholskys Pass ungültig und er staatenlos. Arbeiten war verboten, seine Werke wurden nicht mehr veröffentlicht. Er war ein gebrochener Mann. Im Dezember 1935 nahm er eine Überdosis Medikamente. Gertrude Meyer fand ihn und einen Abschiedsbrief in seinem Haus. Der Brief war an Mary gerichtet. Er bat sie um Verzeihung für die Ehe, die keine war, für all seine Betrügereien, für den Teufelskreis, aus dem er nie aussteigen konnte, für ihr ungelebtes Leben. Und doch habe er sie unendlich geliebt:
„Hat einen Goldklumpen in der Hand gehabt und sich nach Rechenpfennigen gebückt …“ (Aus: Brief an Mary Gerold-Tucholsky, Hindås, am 19.12.1935)

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