Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

28.01.2021

Home-Office

Von Christine Bitterwolf. Um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern, sollte doch jedermann seine sozialen Kontakte reduzieren und möglichst zu Hause bleiben. Das hat zur Folge, dass auch möglichst viele Leute zu Hause arbeiten sollten.

Das geht natürlich nicht in allen Berufen, aber in den Bereichen Organisation und Verwaltung ist es gut möglich.
In vielen Betrieben war die berufliche Arbeit zu Hause bisher nur eine Ausnahme. Das Arbeiten im Home-Office stellte daher sowohl die Arbeitgeber als auch die Arbeitnehmer anfangs vor große Probleme.

Die Firma oder Behörde musste schnellstens für alle Mitarbeiter einen mobilen Arbeitsplatz, z.B. einen Laptop, beschaffen und Möglichkeiten finden, von außerhalb auf die geschützten Daten des Unternehmens zugreifen zu können. Auch auf die übliche Stempelkarte muss verzichtet werden, der Arbeitgeber muss wieder den individuellen Angaben seiner Angestellten vertrauen.

Gleichzeitig musste der Mitarbeiter überlegen, wo er daheim ein Büro einrichten kann. Die wenigsten Familien haben in ihren Wohnungen Platz für ein Arbeitszimmer. Steht der mobile Arbeitsplatz besser auf der Kommode; im Schlafzimmer oder auf dem Couchtisch im Wohnzimmer, oder doch besser auf dem Küchentisch? Auf den ergonomisch verstellbaren Stuhl muss in allen Fällen verzichtet werden.
Wie wird sich Arbeitszeit mit den Ansprüchen der Familie  vereinbaren lassen? Die Kinder sind auch zu Hause, Kita und Hort sind geschlossen. Viele Eltern sind keineswegs mit der Betreuung ihrer Kinder überfordert, sondern nur damit, dass sie gleichzeitig neben der beruflichen Arbeit das Kita-Kind mit sinnvollen Spielen beschäftigen sollen, das Grundschul-Kind beim Home-Schooling unterstützen müssen und sich verpflichtet fühlen, mittags eine warme Mahlzeit für die Kinder bereitzustellen.

Aber im Laufe der Zeit hat sich das anfängliche Chaos nun eingespielt. Jeder hat seinen Arbeitsplatz zu Hause gefunden und die Zeiteinteilung hat sich eingespielt, die Kollegen wissen, wann wer am besten angerufen werden kann und wann lieber nicht. Wenn es möglich ist, wechseln sich die Eltern mit der Arbeit zu Hause ab und gehen dann doch mal an den eigentlichen Arbeitsplatz, wo man inzwischen ganz in Ruhe arbeiten kann, weil sich die Kontakte gut minimieren lassen, wenn man sich mit den Kollegen abspricht, wer wann da ist. Offenbar ist das alles nur ein logistisches Problem.
Auch nicht alle Kinder benötigen ständig Hilfe beim Home-Schooling. Es sind sicherlich die Grundschüler, die am meisten Unterstützung brauchen. Und hier hängt der elterliche Einsatz auch davon ab, wie die Lehrer ihren Schulstoff an die Kinder übermitteln. Nicht alle arbeiten mit einer Internet-Plattform. Da kann der Klassenlehrer zum Beispiel sein Wochenprogramm immer per E-Mail an die Eltern schicken. Die Mathelehrerin arbeitet eventuell nur kontinuierlich die Aufgabenpäckchen auf den Arbeitsblättern ab, die sich die Kinder in regelmäßigen Abständen in der Schule abholen müssen. Die Englischlehrerin entwickelt ihre Aufgaben selbst, wird aber manchmal nicht rechtzeitig damit fertig, und dann fällt der Englischunterricht eben mal einen Tag aus. Und die Nacherzählung einer Geschichte für den Deutschunterricht muss das Kind sowieso erstmal selbst schreiben, ehe es mit der Mutter die gröbsten Fehler berichtigen kann. Größere Probleme oder neue Aufgaben werden gleich um 8.00 Uhr morgens besprochen, bevor sich die Eltern an ihren Arbeitsplatz begeben.
Vielleicht ist das alles ein bisschen durcheinander, aber vielleicht ist es doch besser als der Unterricht an einigen amerikanischen Schulen. Da wird der Präsenzunterricht vom Lehrer über Video abgehalten, was zur Folge hat, dass schon die Erstklässler täglich sechs Stunden vor dem Computer sitzen müssen.

Wenn während eines Telefongesprächs mit dem Kollegen aus dem Nachbarbüro der verzweifelte Seufzer „Ich versteh die Aufgabe nicht“ dazwischenkommt, dann kann das Gespräch auch mal kurz unterbrochen werden. Nicht so passend ist es dagegen, wenn während einer Videokonferenz mit wichtigen Kunden und Vorgesetzten die Dreijährige plötzlich ruft: „Papa, ich geh jetzt aufs Klo. Kommst du dann?“ Doch es ist erstaunlich, wie viel gegenseitiges Verständnis es in diesen schwierigen Zeiten gibt. Auch wenn der Fünfjährige während einer langwierigen Online-Teamsitzung bei Mama auf den Schoß klettert, weil seine Räuber-Hotzenplotz-CD inzwischen zu Ende ist, lächeln die Kollegen freundlich. Wenn er dann nach einer Weile erklärt, dass es doch alles sehr langweilig sei, dreht Mama das eigene Mikrofon einfach für eine Weile ab, um sich mit ihm kindgerecht zu unterhalten, während sie mit einem Ohr die Kollegendebatte weiter verfolgt. Man nennt das Multitasking. Erst wenn sie selbst einen Beitrag zum Thema leisten will, schaltet sie den Ton wieder ein. Am Schluss, wenn sich alle voneinander verabschieden, darf der Kleine dann auch ein lautes „Tschüüss“ in die Runde schmettern.

Es stellt sich heraus, dass in dieser pandemischen Zeit auch in der Arbeitswelt viele Dinge möglich sind, die bis dahin kaum denkbar waren.

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