Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

5.03.2013

Harmonie von Körper und Geist

Europas ältester Selbstverteidigungsverein nur für Frauen in Schöneberg engagiert sich seit 1976. Jetzt muss er für sich selber kämpfen.

Dehn- und Atemübungen gehören zum Training. Fotos: Thomas Protz

„Selbstverteidigung für Frauen hat 1000 Gesichter,“ sagt Joy und ihr eigenes, offenes Gesicht ist ein Beispiel für die Lebenseinstellung, die der Budo–Sport neben der körperlichen Wendigkeit und Stärke vermitteln will. Seit 1985 engagiert sie sich als Trainerin beim SVF e. V.. Wer solange am Ball bzw. auf der Matte bleibt, der hat mit Sicherheit Selbstdisziplin, Selbstvertrauen, Selbstachtung  und Durchhaltevermögen im Blut. „Der Sport ist mein Leben und  innerer Auftrag. Ich setze mich für Mädchen und Frauen und gegen Gewalt ein, weil es notwendig ist, weil es präventiv ist und weil es mir immer noch Freude macht“. Über ihre großen Wettkampfer-folge, die sie weit über die Berliner Meisterschaft hinaus bis hin zu Kämpfen auf europäischem Niveau führten, verliert Joy kein einziges Wort. Lediglich ihr schwarzer Gurt lässt sie als Taekwondo-Meisterin erkennen. Der Verein Selbstverteidigung für Frauen, gegründet 1976, ist der älteste Verein seiner Art in Europa und war bis 2006 mit rund 400 Frauen und Mädchen auch der größte. Die Zeiten ändern sich und heute besteht der SVF aus einer zuverlässigen Kerngruppe von etwa 40 Mitgliedern, der hart ums wirtschaftliche Überleben kämpfen muss. Noch 2008 zeigten sich die politischen Parteien Berlins an dem emanzipatorischen Konzept des Vereins äußerst interessiert und versprachen, sich für dessen Förderung engagiert einzusetzen. Den anerkennenden Worten folgten jedoch keine konkreten Taten.  Aufgegeben wird nicht, aber: „Die Mieten sind derart gestiegen, dass wir uns die Räume in der Hauptstraße einfach nicht mehr leisten können. Wir sind sehr glücklich darüber, ab März 2013 in der Taek Won–Do Sportschule von Meister CHAE, von dem ich selbst so viel gelernt habe, eine neue Bleibe gefunden zu haben. In der Nollendorfstraße 11-12 in Schöneberg stellt er sei-ne schönen Räume uns Frauen und Mädchen vom SVF zu bestimmten Trainingszeiten exklusiv zur Verfügung. „Ungestört trainieren zu können ist uns sehr wichtig,“ erklärt Joy. Sie stimmt mit Großmeister Chae ebenso darin überein, dass es bei der Form der Selbstverteidigung, wie sie sie verstehen, im Wesentlichen um die Harmonie von Körper und Geist geht. Eine respektvolle Haltung sich selbst und anderen gegenüber ließe sich in einem Crash-Kurs am Wochenende nicht erlernen.

Trainerin Joy will den entscheidenden Grundgedanken vermitteln: „Ich tue es nur für mich. Ich schaffe Ordnung, halte Disziplin, bin pünktlich beim Training, weil ich es will. Die Erfahrung, dass ich mich wohler fühle, besser denken kann, stellt sich nicht unmittelbar ein. Also brauche ich Zeit und Geduld mit mir selbst. Das spiegelt sich dann auch im Trainings-erleben wider, wenn es eben dauert bis eine Frau 20 Liegestütze schafft. Körper und Geist müssen sich erst mit den ungewohnten Bewegungsabläufen vertraut machen. Umso größer ist das Erfolgserlebnis, wenn es immer besser gelingt.“

Auch die Jugendtrainerin, Frau Busold, legt auf pädagogische Aspekte wie z. B. höfliche Umgangsformen, besonderen Wert. Starken Mädchen wird nicht zuletzt vermittelt, Schwächere zu unterstützen und selbst nicht aggressiv aufzutreten. Zu lernen, sich angemessen abzugrenzen, ist bereits ein großer Schritt auf dem Weg der erfolgreichen Selbstverteidigung. Wer sich das Training einmal anschaut, merkt sofort wie viele verschiedene sportliche Elemente zum Einsatz kommen. In der Kleingruppe wird unter kompetent-motivierender Anleitung an Konditionsaufbau, Kraft, Beweglichkeit, Schlag- und Stoßtechniken gearbeitet. Und Joy macht Mut, der eigenen Kraft mit einem beherzten Schrei gegen konventionelle Widerstände Ausdruck zu verleihen. Mit Dehn- und Atemübungen klingt die Stunde entspannt aus. Nicht zuletzt vertritt der SVF ein gänzlich unspektakuläres inklusives Konzept: Mitmachen mit Handicap können Frauen und Mädchen, soweit es ihnen möglich ist und die Trainerinnen keinerlei Gesundheitsgefährdung befürchten. Grundsätzlich wird interessierten Frauen und Mädchen mindestens eine kostenlose Probestunde angeboten. Dabeisein und sich selbst ein Bild machen von Anspruch und Freude, die dieser Sport zu bieten hat, wird sie sicher überzeugen.

Kontakt und Information:
Tel. Nr.: 030-781 94 32
http://svf-berlin.de/

Sibylle Schuchardt

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden