Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

5.11.2013

Gut Ding will Weile haben - Reurbanisierung der Moderne

Hanno Rauterberg, Autor und Feuilleton-Redakteur der ZEIT, spricht in seinem Buch „Wir sind die Stadt!“ von einem „Urbanismus von unten. Auf mannigfache Weise beginnen viele Bürger, sich die Stadt anzueignen und zu verändern.“

Zukunftswerkstatt Bundesplatz. Foto: Eleonore Harmel

Die Bürgerinitiative informiert auf dem Bundesplatz. Foto: Thomas Protz

Kein Vandalismus, sondern eine konzertierte Aktion. Foto: Thomas Protz

Sie wird „zu einem Raum geteilter Erfahrungen, zu einem Forum, in dem sich die kollektiven Interessen bündeln und neues Gewicht erlangen.“ Er spielt damit auf das neu erwachte Interesse der Bürger an urbaner Kultur an, das mit selbst gestrickten Mützchen für Denkmalfiguren beginnen kann, wie wir es ja auch bei uns sehen, und bis zu eigenen Entwürfen für Parks und Stadtquartiere führt. Auch das kennen wir in unserer Umgebung.
Im Oktober 2009 beschrieben wir, wie der Bundesplatz um 1900 herum entstanden ist und 1962 durch den Autotunnelbau ruiniert wurde. Im März 2011 konnten wir dann über die Gründung der Initiative Bundesplatz e.V. berichten und über die Präsentation der Entwürfe und Modelle von Studenten der Bauhaus-Universität Weimar zur „Reurbanisierung von Bundesplatz und Bundesallee“, deren Ziel es war, eine breite öffentliche Diskussion über die Umgestaltung des Bundesplatzes in Gang zu setzen.

Voraussetzung für eine Bürgerbeteiligung ist eine gute Kenntnis ihrer Umgebung; nur wer gut informiert ist, kann auf Augenhöhe mitreden und ist durchsetzungsstärker.

Wolfgang Severin, Gründer und 1. Vorsitzender der Bundesplatz-Initiative, schrieb im Vorwort der Publikation zur Ausstellung: „Platz und Allee sollen ihre urbanen Raum- und Platzqualitäten zurückgewinnen. Die noch vorhandenen positiven quartierspezifischen Qualitäten des Kiezes müssen erhalten, verloren gegangene revitalisiert werden. In Zeiten knapper finanzieller Ressourcen wollen wir den Dialog und den städtebaulichen Diskurs zwischen allen Akteuren im Stadtquartier, der Politik und Verwaltung anstoßen, fördern und ihnen eine Plattform geben ...“,  und die Mitglieder der Bundesplatz-Initiative fordern: „Mehr Stadtqualität muss her!“, und einen „Platz mit Charakter und Straßen voller Leben, kulturelle Vielfalt und eine lebendige und abwechslungsreiche Handels- und Gewerbestruktur“ auch für Detmolder-, Wex- und Mainzer Straße, kurz: „Wohnen und Arbeiten mit Lebensqualität“!
„Auch wenn jetzt kein Geld für größere Konzepte da ist, muss uns das ja nicht vom Denken abhalten“  erklärt Wolfgang Severin.

Von der autogerechten zur menschengerechten Stadt

„Rückbau der Moderne“ bedeutet Abkehr von der autogerechten Stadt der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts und Hinwendung zum gleichberechtigten Nutzen öffentlichen Raumes aller Anwohner und Verkehrsteilnehmer einschließlich der Fußgänger. Damals hatte man den Autofahrern einen roten Teppich ausgerollt, baute große Radialstraßen, die den Verkehr vervielfachten. Jetzt geht es um eine Verbesserung der Lebensqualität für die Bewohner der Städte.

Moderne Trends müssen erkämpft werden!

Am 12./13. Oktober lud die Bundesplatz-Initiative nun zu einem Experiment, einem Pilotprojekt für Berlin ein: zu einer „Zukunftswerkstatt“. Diese erste Zukunftswerk-statt – im November wird es eine zweite geben – stand unter dem Motto: „Verkehr und Umwelt: Mobilität neu organisieren.“ Es geht um zivilgesellschaftliches Engagement. Experten stellten Konzepte bereits vorhandenen verkehrsberuhigten Städteumbaus vor und erklärten, was planerisch möglich ist, damit sich die Fantasie nicht in Luftschlössern verliert: Worauf muss zum Beispiel geachtet werden, wenn man lärmreduziert und fussgängergerecht bauen will? Wie kommt man am effizientesten von A nach B?  Die Mobilität müsse neu organisiert werden: Umstieg auf den öffentlichen Personen- und Nah-verkehr, Kleinfahrzeuge nutzen, Straßen reduzieren.

Es gilt, anders, neu zu denken. Und das erfordert Zeit!

Die Teilnehmer wurden aufgefordert, „diesen trostlosen Verkehrsknoten neu zu denken und Vorschläge zu entwickeln für einen richtigen Stadtplatz mit Übergängen von Ost nach West und für ein neues Verkehrskonzept.“ In fünf Arbeitsgruppen erarbeiteten sie unterschiedliche Konzepte zum Umbau des Bundesplatzes und seiner Umgebung. Es soll ein abgesicherter Forderungskatalog entwickelt werden, mit dem man an Verwaltung und öffentliche Hand herantreten kann. So wurde eine fußgängergerechte Platz- und Umfeldgestaltung angedacht, eine Neunutzung des Tunnels, Kreisverkehr und begrünte Schallschutzwände, und er wurde postuliert, dass der Platz als Grünanlage ernst genommen werden müsse. Aus der Transitstrecke Bundesallee solle wieder eine normale Stadtstraße mit lebendigen Nebenstraßen werden. Es wurde festgestellt, dass man nicht den Bundesplatz allein im Blick haben könne, sondern das Ganze als Komplex denken müsse. So forderten zum Beispiel Vertreter der Bürgerinitiative Friedrich-Wilhelm-Platz seine Wiederherstellung in alter Breite. Diese und viele andere Ideen für eine Neugestaltung der Radiale Bundesallee mit ihren einstigen Schmuckplätzen sollen dafür sorgen, dass dieses Gebiet künftig eine positive Entwicklung nehmen kann. Es gilt, am Ball zu bleiben!

Zunächst einmal jedoch soll es im nächsten Jahr ein großes Fest zwischen den beiden Polen Bundesplatz und Friedrich-Wilhelm-Platz geben, die dieses Gebiet ins Bewusstsein seiner Bewohner und der ganzen Stadt rücken und Akzeptanz für die Neugestaltungspläne schaffen soll.

Sigrid Wiegand


2. Zukunftswerkstatt Bundesplatz
„Stadtentwicklung: Neue urbane Qualitäten“
23. November 2013, 16-19 Uhr
24. November 2013, 11-18 Uhr
Ort: Aula der Marie-Curie-Schule
Weimarische Str. 21, 10715
www.initiative-bundesplatz.de
BI.FriWi(at)yahoo.de

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