Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

5.05.2013

Guerilla Knitting goes Kiez

In der Stubenrauchstraße sitzen Frauen in geselliger Runde bei Wein und Snacks vor dem Laden UNSER und genießen strickend den milden Abend. Seit dem letzten Herbst trifft sich hier eine lockere Gruppe von 10-12 Strickrückkehrerinnen, die, statt frierende Angehörige in Wolle zu wanden, lieber kuschelige Spuren im öffentlichen Raum hinterlassen wollen.

Hier vor der Taunusstraße 3/4 waren noch unbekannte Künstler aktiv. Foto: Hartmut Becker

Werk der Strickgruppe in der Stubenrauchstraße vor dem "unser". Foto: Thomas Protz

Der Trend zum „Urban Knitting“ kommt wenig überraschend aus den USA, genauer direkt aus Houston, und fand über England und Spanien seit 2010 auch in Deutschland,  zunächst in Großstädten zahlreiche Aktivistinnen und Freunde. Mittlerweile sollen auch Kleinstädte unter Dörfer bereits unter Strick stehen. Zum umstrittenen Projekt „Stuttgart 21“ wurde am dortigen Bahnhof sogar politisch motiviert strickend Stellung genommen Das subversive Strickvergnügen scheint an-steckend zu sein und wird gern als weibliche Alternative zum Graffito verstanden. Liebevoll angelegt, schön und mit seiner fröhlichen Farbigkeit die Stimmung der Betrachter - aufhellend, entwickelte es sich als  besondere Form von Street Art, die sich sogar rückstandslos wieder entfernen ließe, wenn es denn jemand für erforderlich hielte. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Strick ist sogar winterhart und bewirkt Gutes. So betrachtet ein erfahrener Kriminologe aus Leicester die Verhäkelung öffentlicher Objekte in Parks und auf Plätzen sogar als Beitrag zur Reduzierung von Kriminalität. Nachbarschaftliches Engagement und mehr Aufmerksamkeit erhöhe das Gefühl der öffentlichen Sicherheit.

lltagspraktischen Konstruktivismus nenne ich das, typisch weiblich eben.
Unsere Friedenauer Strickschaffenden, die nach Laterne, Baum und Fahrrad, einem Hingucker, der sogar in der U-Bahn als Bild des Tages im „Berliner Fenster“ zu sehen war, derzeit die Sitzbank vor dem Laden kreativ umwollen, wurden bereits zu Höherem berufen. Ein Kurator schlug sie zur Teilnahme an der Kunstausstellung „Triennale“ in Bingen 2014 vor. Die Planungs- und Findungsphase für die Aktion im Mai nächsten Jahres ist bereits in vollem Gange und so  manches Wollgut bäumt sich schon aufgeregt neben erwartungsvoll klappernden Stricknadeln in seinem Körbchen auf.

Bitte bewahren Sie Ruhe, wenn Sie von „Yarn Bombing“ oder „Radical Stitching“ überrascht werden. Nimmt sich die Begriffswahl auch eher martialisch aus, so steckt dahinter doch stets eine weiche Masche. Persönlich sehr gespannt bin ich allerdings darauf, ob das Motto „Claim Your City“ in Berlin Schule machen wird. Ich sehe bereits unsere gute, alte „Goldelse“ vor meinem inneren Auge, wie sie in schwindelnder Höhe mit Strickmützchen und Pulswärmern dem Berliner Winter tapfer trotzt. Und wenn dann der scharfe Ostwind unter ihre wollene Stola fährt, könnte man beinahe ihre goldenen Flügel zittern sehen.

Die offene Friedenauer Strickgruppe trifft sich an jedem letzten Donnerstag im Monat ab 19 Uhr unter dem Motto „lieber gut stricken als schlecht fernsehen“  vor dem “unser – Laden für Dinge und Anlässe” in der Stubenrauchstraße 46 Ecke Südwestkorso. Strickenthusiastische Frauen und Männer sind herzlich zum Mitwirken eingeladen.

Sibylle Schuchardt

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