Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

31.10.2012 / Gewerbe im Kiez

Großer Wurf oder Abstieg?

Woher kommen plötzlich die vielen Menschen mit braunen Papiertüten und türkisblauer Schrift rund um den Walther-Schreiber-Platz? Wohin strömen die Massen vor allem von Jugendlichen am U-Bhf. Walther-Schreiber-Platz? Die Antwort lautet: Zu Primark im SSC. Im Juli 2012 hat die trendige Bekleidungskette aus Irland ihre erste Filiale in Berlin eröffnet.
Schaulaufen. Foto: Thomas Protz

Primark - das bedeutet auf den ersten Blick einen Erfolg für das SSC und damit auch eine Belebung der anderen Läden des Shoppingcenters, denn die Käufer stärken sich vor oder nach dem Einkauf  im Coffee Shop oder auf der unteren Etage bei den Essständen im sogenannten Foodcourt.
Primark, das Geschäft für trendige Mode und unschlagbare Preise. Die Qualität ist nur zweitrangig, denn Trends gehen relativ schnell vorbei, da muss ein Kleidungsstück nicht  lange halten. Dann wird eben das nächste modische Stück gekauft. Die Konkurrenten von Primark sind andere Billigmarken wie Kik, Zara und H&M.

Primark ist jedoch besonders günstig! So kostet das teuerste Kleidungsstück 35 Euro. Eine modische Jeans gibt es für 10 Euro, ein T-Shirt für 3 Euro, Jacken für 8 Euro ... Die Preise sind klar und rund und - wie schon gesagt - einfach unschlagbar. Die Filiale am Walther-Schreiber-Platz hat 5.500 qm Verkaufsfläche. Nicht nur Frauen finden hier ihr Outfit, auch für Männer und Kinder gibt es jeweils eine Abteilung. Außerdem ergänzen Heimtextilien wie zum Beispiel Duschvorhänge oder Handtücher das Angebot. Natürlich alles zu sensationellen Preisen. Nicht zu übersehen ist auch die Vielfalt an Accessoires wie Handtaschen oder Schmuck. Auch hier sind die Preise nicht zu unterbieten. 10 Euro kostet zum Beispiel eine schicke große Handtasche, die einem Designermodell nachempfunden wurde, allerdings aus Synthetik statt aus Leder.

Die Kunden, vor allem Jugendliche, aber auch  Familien, drängeln sich zwischen den Kleiderständern und den Wühltischen. Der Laden ist häufig sehr voll. Vor den Anprobekabinen sind lange Schlangen, da ist es günstiger, die Waren nicht anzuprobieren, sondern einfach nachhause mitzunehmen und dann gegebenenfalls  umzutauschen, was unproblematisch möglich ist. Am Eingang gibt es für die Kunden große schwarze Taschen, in die viele Kleidungsstücke passen. Beim Bezahlen muss man meist nicht lange warten, denn es gibt auf jeder Etage viele Kassen. Wie bei Bank oder Post muss man vor der Absperrung halten, bis ein Kunde nach dem andern per Lautsprecher an eine der Kassen gerufen wird.

Als Käufer müsste man sich fragen, warum in diesem Laden alles so billig ist? Laut Geschäftsleitung wird in sehr großen Stückzahlen produziert, es gibt viele Basics, die dann zum Beispiel nur farblich variiert werden, deshalb braucht man nur wenige Zulieferer. Ein T-Shirt kostet im Einkauf beim Großhändler nur 1,50 Euro. 40 Cent kosten die Rohstoffe bzw. die Baumwolle, 1 Euro die Produktion und 10 Cent die Logistik, der Transport von Asien in den Hamburger Hafen inbegriffen.
Außerdem hat Primark keine Werbekosten, die Firma lebt von der Mund-zu-Mund-Propaganda ihrer Kunden, die Primark schon aus England oder Irland kennen aus dem Internet und von Facebook. So wurde die Filialöffnung in Berlin nur über Facebook mitgeteilt.

Ein weiterer Kostenfaktor ist das Personal. Bei Primark arbeiten keine gelernten Fachkräfte. Die Angestellten und Aushilfen müssen nur die Regale einräumen, kassieren und sauber machen.

Trotz dieser Faktoren bleibt die Tatsache, dass der Preiskampf letztendlich auf dem Rücken der Produzenten ausgetragen wird. Die Kleidung wird in China, Bangladesh und Indien produziert. Wobei die Produktion immer mehr nach Bangladesh verlagert wird, weil dort die Löhne zehnmal billiger sind als in China und weil es dort keine nennenswerten Umweltauflagen gibt. So können dann zum Beispiel Giftstoffe, die beim Färben verwendet werden, direkt ins Abwasser geleitet werden und schädigen dann Mensch und Tier. Dass die Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter in Asien völlig unakzeptabel sind, zeigte zuletzt der Brand in einer Jeansfabrik in Pakistan, in der über 200 Arbeiter verbrannten, da die Brandschutzauflagen nicht beachtet worden sind.

Primark ist zwar seit 2006 offiziell Mitglied in der Ethical Trading Initiative, die für ethische Standards sorgt, weitere Mitglieder sind zum Beispiel GAP oder Burberry, jedoch liegt der Verdacht nahe, dass es sich hierbei eher um ein oberflächliches Engagement handelt. Die Mitglieder der Initiative müssen zwar jedes Jahr ihre Produktions- und Lieferbedingungen in einem Report belegen, nach eigenen Angaben führt Primark jedes Jahr 2000 Kontrollen durch. Diese werden jedoch nicht von ETI überprüft.

Im Januar 2013 wird am Alexanderplatz die nächste Filiale eröffnet werden. Der Trend zur Billigware setzt sich fort. In Zeiten der Wirtschaftskrise freut sich jeder über ein Schnäppchen.
Das SSC startete 2007 mit der Prämisse, hochwertige Produkte anbieten zu wollen. Von Anfang an fehlte der Zuspruch der Konsumenten und auch der Handelsfilialisten, so kam das SSC immer mehr in die Krise. Nach mehrfachen Managementwechseln ist es jetzt fest in irischer Hand. Im Vergleich zu den anderen Shopping Centern wie Schloss, Forum Steglitz oder Boulevard Berlin ist das SSC jetzt das Center der Billiganbieter geworden.

Christine Sugg

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