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29.01.2021

Groß-Berlin - Geburt einer Metropole

Von Maria Schinnen. Als die Glocken der Kirche zum Guten Hirten das neue Jahr 1921 einläuteten, hatte sich für die Friedenauer alles verändert. Ihre stolze Landgemeinde existierte nicht mehr.

Quelle: Wikipedia

Quelle: Wikipedia

Seit drei Monaten gehörte sie zur Nachbarstadt Schöneberg, und beide gemeinsam waren Teil der Megametropole Groß-Berlin. Alle Gegenwehr und flammenden Proteste hatten nichts genutzt. Nicht einmal die seit 1894 täglich erscheinende Gemeindezeitung, der „Friedenauer Lokalanzeiger“, durfte seinen Namen weiter tragen. Sie wurde in „Schöneberg-Friedenauer Lokalanzeiger“ umbenannt. Am 24.9.1920 hatte sich die Gemeindevertretung zum allerletzten Mal im Friedenauer Rathaus getroffen und die Chance genutzt, beantragte Gelder großzügig durchzuwinken. Dann war der Abschiedsmoment gekommen, und Bürgermeister Walger fand bewegende Abschiedsworte. Am 3. Oktober traf man sich noch einmal zu einem großen Abschiedsessen. Damit endete die Selbständigkeit Friedenaus.

Resigniert wirken die Zeitungskommentare dieser Wendezeit: „Die Selbständigkeit unseres Vorortes ist zertrümmert worden. Alle diejenigen, die lange in Friedenau wohnen, die mit dem Ort verwachsen und verwoben sind, werden es aufs Tiefste bedauern, dass es mit seiner eigenen Verwaltung nun zu Ende geht. Nicht einmal sein 50-jähriges Bestehen konnte Friedenau mehr feiern. Ob auch der Name Friedenau verschwinden wird, steht noch dahin. Vielleicht belegt man ja einen Platz mit dem sinnigen Namen!“  

Wenn der Blick von Trauer und Verlust getrübt ist, ist es schwer, positiv in die Zukunft zu schauen. Doch versprach der Zusammenschluss nicht auch Vorteile? Werfen wir einen realistischen Blick auf die Ausgangslage!

Vor der Fusion war Berlin umgeben von 94 einzelnen Gemeinden, die ihr Eigenleben pflegten und eine gemeinsame Stadtplanung abblockten. Jede größere Gemeinde hatte ihr eigenes Versorgungssystem, an das die kleineren angeschlossen waren. So gab es 15 Elektrizitätswerke, 17 Wasserwerke, 43 Gaswerke, knapp 60 Kanalisationsbetriebe, 18 Straßenbahnbetriebe mit 150 Einzelverträgen. Jede Gemeinde hatte ihre Post, ihre Justiz, ihre Polizei, ihre Krankenhäuser und Schulen. Es gab kaum Absprachen, eher Konkurrenz. Während z. B. der Tegeler See den Berlinern als Trinkwasserreservoir diente, leiteten Reinickendorf und Tegel ihre Abwässer hinein. Unmengen von Verhandlungen, Schreibereien, Konzessionen waren erforderlich, wenn nur ein einziges Rohr durch eine andere Gemeinde gelegt werden musste.

Der Berliner Magistrat hatte immer wieder Anläufe zur Eingemeindung unternommen. Aber die wohlhabenden Städte wie Wilmersdorf, Charlottenburg und Schöneberg lehnten die Pläne strikt ab. Sie hatten kein Interesse, „Muss-Berliner“ zu werden und befürchteten, arme Gemeinden wie Rixdorf/Neukölln durch einen „Finanzausgleich“ unterstützen zu müssen. Sie wollten auch ihre steuerlichen Privilegien behalten.

Selbst die preußische Regierung sah eine Vergrößerung Berlins kritisch, da sie ein Erstarken der SPD befürchtete. Deshalb förderte sie den „Kranz blühender Vororte“, die auf diese Weise ein Gegengewicht zu dem „roten“ Berlin bilden sollten.
Um in einigen Bereichen vielleicht doch besser kooperieren zu können, wurde 1912 der „Zweckverband Groß-Berlin“ beschlossen. Doch wieder verhinderte das Kompetenzgerangel der unterschiedlichen Behörden eine zügige Umsetzung der mühsam ausgehandelten Kompromisse.

Im gleichen Jahr wurde der parteilose Beamte Adolf Wermuth zum Oberbürgermeister von Berlin gewählt. Dann begann der erste Weltkrieg, und schon bald kam es zu Versorgungsschwierigkeiten der Bevölkerung. Wermuth gründete aus Vertretern von etwa 50 Gemeinden und Gutsbezirken einen Krisenstab, der den Beschluss fasste, Brot zu rationieren und über eine „Brotkarte“ Berlin und das Umland zu versorgen.  Bald darauf folgten auch Karten für die anderen Lebensmittel sowie Kleidungsstücke, Seife und Kohle. Die Bevölkerung war dankbar. Die Not schweißte sie zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen.

Das war die Chance für Wermuths Vision der Einheitsgemeinde. In enger Kooperation mit dem Schöneberger Oberbürgermeister Alexander Dominicus entwickelte er die Idee weiter. Der größte Hemmschuh war die Vorstellung, dass alle Gemeinden zentral von Berlin aus regiert werden und diese keine Einflussmöglichkeiten mehr besaßen. Das erkannte Wermuth und sagte ihnen eine weitgehend unabhängige Verwaltung mit eigener Regierung, eigenen Parlamenten und Entscheidungsbefugnissen für ihren Verwaltungsbezirk zu. Der Magistrat sollte lediglich die Grundsätze bestimmen und kontrollieren. „Zentral sollen nur die Dinge verwaltet werden, bei denen die Natur der Sache dies verlangt.“ Als Verwaltungsorgane schlug er die Bezeichnungen „Bezirksamt“ und „Bezirksversammlung“ vor. Es sollten jedoch nicht mehr als 20 Bezirke entstehen, sodass die kleinen Gemeinden sich mit einer benachbarten Großgemeinde zusammenschließen mussten. Wermuth umschmeichelte die größeren Städte, indem er ihnen versprach, die neuen Bezirke nach ihnen zu benennen.

Und so geschah es. Am 1. Oktober 1920 schlossen sich die 8 Städte Berlin, Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf mit den 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken zur Einheitsgemeinde Groß-Berlin zusammen. Damit vergrößerte sich Berlin "über Nacht" um das Dreizehnfache, von 66,93 km² auf 878,1 km², und wurde nach Los Angeles die zweitgrößte Stadt der Welt. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich auf 3,879 Millionen.

Unter den neuen Bedingungen vollzog sich eine rasante Entwicklung. Zunächst übernahm Groß-Berlin die unüberschaubare Zahl von kleinen und großen Verbänden und fasste sie zusammen. Bis zum 16. April 1921 wurden die Straßenbahnbetriebe unter dem Namen Berliner Straßenbahn weitgehend zusammengelegt. Die Bauordnung wurde vereinheitlicht. Im Laufe der Jahre entstanden neue U-Bahnlinien, unzählige Bahnhöfe, Schlachthöfe, Krankenhäuser, Gerichte, Gefängnisse, Kraftwerke, Kanäle, Häfen, Volksparks, das Strandbad Wannsee. 1927 wurde der Einheitsfahrschein für alle Verkehrsmittel in Groß-Berlin eingeführt. Einen enormen Aufschwung erhielt die Unterhaltungskultur: Lichtspieltheater, Konzerthäuser, Varietétheater entstanden.

So entwickelte sich peu a peu aus dem einstmals zerrissenen Großraum eine einheitliche Großstadt, die viele Vorteile brachte. Aber auch unangenehme Aufgaben konnte man auf sie abwälzen. So sah Bürgermeister Dominicus zum Beispiel die Bekämpfung der aufgetretenen Rattenplage in Schöneberg nicht mehr als seine Aufgabe an.

Die Vorteile überwogen natürlich auch in Friedenau, doch ihre Sehnsucht nach der einstmals eigenständigen, überschaubaren Landgemeinde, in der jeder jeden kannte, blieb. War es damals nicht doch viel gemütlicher gewesen?

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