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31.01.2017

Gotthold Ephraim Lessing: Minna von Barnhelm

Premiere im Schloßpark-Theater

Katharina Schlothauer und Oliver Mommsen. Foto: derdehmel/Urbschat

Die Aufführung dieses Stücks von Lessing im Schloßpark-Theater erstaunt mich: was kann uns die gute alte „Minna“ noch sagen, dieses Stück, einst im Theater der Schulen gesehen und in Schulaufführungen selbst mitgespielt? Interessiert das überhaupt noch? Ich werde eines Besseren belehrt. Es ist äußerst lehrreich, zu erfahren, wie das Verhältnis der sozialen Schichten, der Geschlechter zueinander, der Untertanen zur Obrigkeit im 18. Jahrhundert gewesen ist, und vor allem, welche Neuerungen Lessing in das Denken seiner Zeit durch die neuen Normen der Aufklärung – Vernunft, Menschlichkeit, Selbstverantwortung einführt.

Minna von Barnhelm spielt nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges und ist von Lessing kurz nach Kriegsdende, 1763, begonnen und 1767 fertiggestellt worden. Major von Tellheim, ein Offizier des Preußischen Heeres, ist durch Missverständnisse unehrenhaft und ohne Sold aus dem Heer entlassen worden und steht mittellos und in seiner Ehre gekränkt da. Minna von Barnhelm, ein thüringisches Edelfräulein, ist seine Verlobte, die ihn in den Kriegswirren aus den Augen verloren hat und der er aus dem Weg geht, weil er sie als nunmehr mittel- und ehrloser Mann nicht mehr heiraten zu können glaubt. Auf der Suche nach ihm trifft sie mit ihrer Kammerfrau Franziska in dem gleichen Berliner Gasthof ein, in dem er selbst bis vor kurzem logiert hat.

Ironischerweise soll er das geräumige Zimmer, das er bisher bewohnt hat, für eine „Dame von Stand“ für ein kleineres räumen, ohne zu ahnen, bei wem es sich um diese Dame handelt. Der ehrpusselige Major zieht sofort gekränkt aus dem Gasthof aus, und es beginnt ein Spiel von Aneinander-Vorbeilaufen und Beinahe-Zusammentreffen, bis sich die beiden endlich treffen und Minnas Kampf um ihre Liebe beginnen kann.

Interessanterweise ist das Stück im Lauf der Jahrhunderte unterschiedlich gedeutet worden. Lessings Zeitgenossen sahen in ihm einen Kampf  zwischen Liebe und Ehre, in dem die kluge Minna den starrköpfigen Tellheim mit einer List besiegt und ihre Liebe rettet. Kritiker dieser traditionellen Deutung betonten, Tellheim sei in seiner Lage als ehr- und mittelloser Mann nichts anderes übrig geblieben, und nur die Aufhebung dieser Situation durch seine Rehabilitierung hätte ihn in die Lage versetzt, sich Minna wieder zuzuwenden.

In neuerer Zeit steht Tellheims Starrköpigkeit im Mittelpunkt der Betrachtungen, die es ihm verbietet, die finanziellen Hilfen anzunehmen, die ihm angeboten werden und die ihn verbissen auf seine Offiziersehre pochen lassen. Welch wichtige Rolle die finanzielle Situation für die sozialen Beziehungen der damaligen Zeit spielte, können wir ja auch durch die Romane von Jane Austen erfahren, die sich seit einiger Zeit wieder großer Beliebtheit erfreuen.

Die Aufführung im Schloßpark-Theater betont wieder die List,  mit der Minna von Barnhelm den sturen Major von Tellheim besiegt und ihre Liebe rettet. Mich hat auch Lessings ungewöhnliche Interpretation  der weiblichen Möglichkeiten überrascht: Minna macht sich in den Wirren der Nachkriegszeit im zerstörten Preußen mit ihrer Franziska ohne männliche Begleitung auf die Reise von Thüringen nach Berlin – Franziska fragt unverhohlen ihren geliebten Kammerherrn, der nicht zur Sache kommen will, ob er nicht eine Kammerfrau suche …

Die Premiere hatte sich noch nicht recht in das Stück eingefunden, die Körpersprache schien mir manchmal nicht ins 18. Jahrhundert zu passen. Katharina Schlothauer wirkte im  Anfang als Minna von Barnhelm entgegen der Rolle etwas überdreht, fand sich aber im Lauf des Stückes mit zunehmender Entwicklung der Geschichte gut in die Figur der klugen Frau ein. Oliver Mommsen  gelang der starrköpfige und sich verweigernde Tellheim besser als der hin- und herschwankende Liebende, Maria Steurich war eine eher ungewöhnliche Franziska. Es lohnt sich durchaus noch, dieses Stück aus dem 18. Jahrhundert anzusehen.

Sigrid Wiegand

Regie: Thomas Schendel | Bühne & Kostüm: Daria Kornysheva | mit Oliver Mommsen, Katharina Schlothauer, Harald Heinz, Oliver Nitsche, Mario Ramos, Maria Steurich, Anton Spieker & Christian Hartmann    

Schloßpark-Theater
Schloßstraße 48
12165 Berlin

Aufführungen der Minna von Barnhelm im Februar: 11.2., 20 Uhr, 12.2., 18 Uhr, 13. bis 18.2. jeweils 20 Uhr

Theaterkasse: 789 56 67-100

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