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1.12.2021

Geteiltes Leid und geteilte Freude

Trauertage und Adventszeit. Von Ottmar Fischer.

Foto: Thomas Thieme

Der November ist der dunkelste Monat des Jahres. Die Tageshelligkeit sinkt unaufhaltsam dem Tiefpunkt entgegen, und bei sinkenden Temperaturen regnet es lieber als dass die Sonne scheint. Dies ist in unseren Breiten daher die Zeit des Totengedenkens und der gestorbenen Hoffnungen. Denn wenn es draußen düster ist, fällt die Trauer über den Verlust eigener Angehöriger leichter und es öffnet sich in uns auch leichter ein Fenster zu eigener und kollektiver Schuld. Wir begehen gemeinsam Allerseelen, Allerheiligen, Buß- und Bettag. Am zweitletzten Sonntag vor dem 1. Advent folgt der Volkstrauertag, und am letzten Sonntag vor dem 1. Advent folgt der Totensonntag oder Ewigkeitssonntag, mit dem das Kirchenjahr endet und die Zeit der frohen Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft beginnt, was kirchlich schließlich in die weihnachtliche Feier der Ankunft des Erlösers mündet, profan in die Silvesterknallerei zur Vertreibung der bösen Geister, die uns von außen und von innen bedrohen.

Am großen Gedächtniskreuz des Heidefriedhofs in Mariendorf wurde auch am diesjährigen Volkstrauertag wieder der Kriegstoten und der Opfer von Gewaldherrschaft und Terror gedacht. Die inzwischen aus dem Amt geschiedene Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) und der BVV-Vorsteher Stefan Böltes (SPD) legten in einer kleinen Gedenkfeier gemeinsam einen Kranz am 9.50m hohen Ehrenmal nieder. Hier befinden sich mehr als 600 Einzelgräber und ein Sammelgrab von Soldaten und Zivilisten des Zweiten Weltkriegs. Soweit bekannt, wurden im Jahre 2002 die erneuerten Grabkreuze mit den vollständigen Daten der Kriegsopfer versehen. Und somit blieb auch diesmal wieder Raum, um den Blick auf die namentlich Unbekannten zu richten, deren Opfer noch sinnloser erscheint, weil die Angehörigen an diesem  Ort keine Gewissheit für die Sicherheit ihres persönlichen Zugangs zu dem Verstorbenen finden können.

Somit blieb auch diesmal wieder Raum, einen besonderen Trauerblick auf die namentlich unbekannten Opfer dieser zurückliegenden Schreckenszeit zu richten. Und je weiter die furchtbaren Ereignisse zurückliegen, umso unfassbarer erscheinen uns die Gründe, die zu dem hier betrauerten Massensterben führten. Da half dem Gemüt, dass das Gedenken von einem Blechbläser-Quartett der berzirklichen Leo-Kestenberg-Musikschule begleitet wurde. Und auffallend kontrastierte dieser schlichte Rahmen mit den sogenannten Heldengedenkfeiern früherer Zeiten, in denen noch an die Gewalt als Mittel der Politik geglaubt wurde und an eigens zu diesem Zweck errichteten  Ehrenmalen der anonym bleibenden Gefallenen gedacht wurde.

Am 15. Juli 1923 wurde am heutigen Perelsplatz in Friedenau das erste Kriegerdenkmal Berlins für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs enthüllt. Die Organisation hatte der örtliche Krieger- und Landwehrverein übernommen und der Schöneberg-Friedenauer Lokalanzeiger berichtete im gefühlvollen Überschwang, dass dieses Ereignis „zu einem Volksfest im schönsten Sinne des Wortes“ wurde. Aufgeboten wurden neben Abordnungen aus 14 Kriegervereinen aus der Nachbarschaft und vielen Vertretern weiterer Vereine auch der örtliche Männer-Turnverein, der Männer-Gesangverein, der Verein der Gast- und Schankwirte und der in Friedenau beheimateten Burschenschaften „Arminia“ und „Franconia“, die nach diesem Bericht allesamt dazu beitrugen, dass die Festveranstaltung „in harmonischem, durch nichts beeinträchtigten Einklang verlief“. Als Höhepunkt wertete die Zeitung den Beitrag von Pfarrer Förtsch, der „in der schlichten Uniform des Feldgeistlichen“... „schon nach den ersten Sätzen die Zuhörer in den Bann seiner markigen und beseelten Ausführungen“ schlug. Ein kurzer Auszug mag an dieser Stelle einen Eindruck von der damaligen Auffassung einer Totenehrung vermitteln:
„Eine ganze Flut von Gedanken und Erinnerungen stürmt auf uns ein. Klagen und Anklagen, Fragen und Rätsel, Hohes und Tiefes, Freud und Leid, und unsere Lippen möchten überströmen von dem, was uns das Herz bewegt. Aber aus diesem wogenden Hin und Her löst sich ernst und feierlich der Zug der Toten, und in ehrerbietigem Schweigen stehen wir still vor den Gefallenen des Weltkrieges. All das Brausen und Staunen und Fragen und Klagen verstummt. Wir grüßen heute unsere Toten! ... Der heutige Tag ist kein Trauertag. Er ist ein Ehrentag. Kein schön‘rer Tod ist auf der Welt als wer vor‘m Feind erschlagen auf grüner Heid … Ihr lieben Toten, wir preisen euch glücklich! ... Sie sind treu geblieben bis in den Tod. Und haben ihre Treue mit dem Blut besiegelt. Das dürfen und können wir ihnen nie vergessen. Dankbare Liebe soll ihr Grab umranken. Ihr, die ihr für uns, fürs Vaterland gefallen seid, wir danken euch!“

Solche Worte der Kritiklosigkeit gegenüber vermeintlichen Schicksalsschlägen wie Krieg und Gewalt kommen uns heute nicht mehr über die Lippen, insbesondere wohl deswegen, weil wir nach deren Ursachen zu fragen gelernt haben und als Lernerfolg jetzt auf eine nie dagewesene Friedensperiode von 75 Jahren zurückblicken können. In der jetzt anbrechenden Adventszeit richtet sich unser Blick ohnehin wieder neu auf die Friedensbotschaft des Evangeliums. „Süßer die Glocken nie klingen, als zu der Weihnachtszeit“, heißt es im volkstümlichen Weihnachtslied. In beiden Weltkriegen wurden alle Kirchenglocken zur Kriegsverwendung eingeschmolzen Und während die kaiserzeitlichen Glocken-Inschriften im Turm der Kirche Zum Guten Hirten in Friedenau noch die Verehrung des Gründungskaisers Wilhelm I. bekundeten, trägt die kleinste der nach dem Zweiten Weltkrieg aufgehängten Glocken nun die Inschrift:

„VERLEIH UNS FRIEDEN GNÄDIGLICH“

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