Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

17.12.2023 / Projekte und Initiativen

Gesundheitsamt und Gefahrenabwehr

Von Kathrin Vogel. Bis heute erinnert der Hygieia-Brunnen im Innenhof des Hamburger Rathauses an die Anfänge der öffentlichen Gesundheitspflege. Die gefeierte Hygieia ist die griechische Göttin der Gesundheit. Von ihrem Namen leitet sich unser Begriff der Hygiene ab.
Die griechische Hygieia auf Deutsch Die hier abgebildete "Butterhanne am Butterfass" ist als geschnitzte Figur an einem mittelalterlichen Kaufmannshaus in Goslar zu besichtigen und soll darstellen, dass in diesem Hause nur Butter zu kaufen ist, die nicht auf die abgebildete Weise hergestellt wurde. Da die meisten Kunden weder lesen noch schreiben konnten, wurde damals eben bildlich gesprochen.

Damit wird jene Lehre bezeichnet, die der Verhütung von Krankheiten und der Erhaltung, Förderung und Festigung der Gesundheit dient. 1892 fand in Hamburg der letzte große Ausbruch der Cholera statt, der 8.000 Tote forderte. Dank der Forschung von Robert Koch, der den Übertragungsweg von Mikro-Organismen auf Menschen lückenlos beschrieb, konnte diese Epidemie erfolgreich bekämpft werden und mündete 1900 in die Erstellung des ersten  Reichsseuchengesetzes. Robert Koch und Rudolf Virchow wurden zu maßgeblichen Größen der modernen Sozialhygiene, die auf Grundlage ihrer Erkenntnisse den Zusammenhang zwischen viralen und bakteriellen Verunreinigungen und den Lebensumständen der Menschen als Krankheitsgefahren zu ihrer Arbeitsgrundlage gemacht hat. Der unermüdlichen Aufklärungsarbeit beider Forscher verdanken Hamburg und Berlin die Einrichtung der flächendeckenden Kanalisation und die Versorgung mit sauberem Trinkwasser.

Zwar ist Hygieia seit dem 4. Jahrhundert auch bei uns belegt, doch zeigt ein Blick zurück ins Mittelalter, dass der Zusammenhang zwischen Hygiene und Gesundheit lange nicht bekannt war. Nachttöpfe wurden auf die Straße ausgeleert, die Notdurft selbst wurde auf den Straßen verrichtet. Unrat und Mist wurde auf der Straße gelagert. Hühner, Schweine und andere Haustiere liefen frei herum und ernährten sich von liegengebliebenen Marktabfällen. Bei Regen wurde dieses Gemisch zu einer undurchdringlichen Masse verrührt, wogegen schließlich sogar Polizeiverordnungen erlassen werden mussten. Das war allerdings auch dringend geboten, denn Seuchen wie die Pest waren zu einer existenziellen Bedrohung geworden. Sie erzeugten Bilder von Massenelend und Tod und führten einerseits zu der Suche nach Sündenböcken und andererseits zu Massengottesdiensten und Prozessionen -  die verzweifelten Menschen beteten zu St. Rochus als dem Schutzheiligen gegen die Krankheit. Trotzdem kam gut ein Drittel der Bevölkerung bei der schweren Pest von 1347 ums Leben, denn deren wirkliche Ursache war noch unbekannt. Stattdessen wurde vermutet, dass sogenannte Miasmen die Krankheiten verursachten, worunter ein Gemisch aus verunreinigter Luft und fauligen Substanzen verstanden wurde. Allerdings wurden die Pestkranken auch damals schon in Siechenhäusern außerhalb der Stadt isoliert und ihr Hab und Gut wurde verbrannt.

Der tatsächliche Erreger Yersinia pestis wurde erst 1894 entdeckt. Es handelt sich bei der Pest um eine von Tieren auf Menschen übertragbare Krankheit (Zoonose) als deren Ursache der Floh ermittelt wurde, der als Zwischenwirt den Erreger von der Ratte auf den Menschen überträgt. Die meisten bisherigen Pandemien sind auf solche Zoonosen zurückzuführen, wie wir inzwischen wissen. In schrecklicher Erinnerung ist noch heute die Spanische Grippe, die im Jahre 1918 weltweit 50 Millionen Tote forderte. Bei dem Er-reger handelt es sich um ein RNA-Virus, das mit allen Influenza-Viren das gemeinsame Merkmal aufweist, besonders schnell zu mutieren. Und es hat sich gezeigt, dass bestimmte Erreger nicht nur von Tier zu Tier und von Tier zu Mensch, sondern auch umgekehrt und von Mensch zu Mensch übertragen werden. Bei der Spanischen Grippe hatte sich sogar gezeigt, dass sich Erreger der Schweine- und der Vogelgrippe nach dem Baukastenprinzip zu einem neuen Virus zusammensetzen können. Wegen dieser Eigenschaften hielten es die Fachleute beim Ausbruch der jüngsten Corona-Krise für erforderlich, der Politik über die angeratenen privaten Hygiene-Maßnahmen hinaus sogar den Erlass von weitreichenden Kontaktbeschränkungen in der Öffentlichkeit zu empfehlen. Zwar gelang diesmal schließlich die Abwehr des Corona-Virus SARS-CoV-2, doch gehen die Fachleute davon aus, dass auch die nächste Pandemie eine Influenza-Pandemie sein wird.

Besuch im Amt
Um zu erfahren, wie die konkrete Arbeit an der Verhinderung eines neuen Ausbruchs vonstatten geht, hat die Stadtteilzeitung Frau Dr. Schilling von der Fachabteilung Infektions-, Katastrophen- und umweltbezogener Gesundheitsschutz im bezirklichen Gesundheitsamt aufgesucht. Der öffentliche Gesundheitsdienst wird oft als dritte Säule des Gesundheitswesens neben der ambulanten und stationären Versorgung bezeichnet. Auf kommunaler Ebene ist das Gesundheitsamt der zentrale Akteur. Es übernimmt sowohl Information und Aufklärung als auch die Intervention bei gehäuft auftretenden Verdachtsfällen. Ärzte, Labore und Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen sind verpflichtet, Meldungen nach dem Infektionsschutzgesetz zu veranlassen. Wie Frau Dr. Schilling dazu weiter ausführt, interessiert sich das Gesundheitsamt hauptsächlich für die Quelle von Erkrankungen, um eine mögliche Ausbreitung zu verhindern. Das beste Mittel dazu ist aber die Einhaltung von Hygiene-Plänen, die sämtliche Methoden der Desinfizierung umfassen. Die turnusmäßige Überwachung der Einrichtungen spielt hierbei eine tragende Rolle. Aus diesem Grund werden Einrichtungen wie Krankenhäuser, Kitas und Pflegeheime, aber auch Tattoo- oder Kosmetikstudios  regelmäßig begutachtet und beraten. Bei Begehungen werden Knackpunkte angesprochen, Trinkwasserproben entnommen und Rahmenhygiene-Pläne verglichen. Laut Auskunft von Dr. Schilling unterliegen auch alle öffentlichen Stellen, die Trinkwasser bereitstellen, besonderen Überwachungsverpflichtungen. Das Gesundheitsamt muss außerdem bei der Neueröffnung von Einrichtungen kontaktiert werden.

Ebenso steht seit Beginn der Corona-Pandemie ein Impfteam des Gesundheitsamts zum Einsatz in den Flüchtlingsunterkünften bereit, um vor allem Masern-Schutzimpfungen durchzuführen, da sie für alle schulpflichtigen Kinder und deren Betreuer vorgeschrieben sind. Bei Verdachtsfällen von Masern werden Schulleitung und Eltern in einem Info-Brief aufgeklärt. Auf Wunsch wird sogar ein Impftermin im Gesundheitsamt angeboten. Wer allerdings der Impfpflicht nicht Folge leistet, muss mit einem Zwangsgeld wegen einer Ordnungswidrigkeit rechnen. Frau Dr. Schilling betont jedoch an dieser Stelle des Gesprächs: „Wir wollen Menschen befähigen und beraten! Bestrafen ist nicht unser Anliegen.“ Bei der Vielzahl an Aufgaben hält sie den in der Öffentlichkeit vorherrschenden Blick auf Corona für übertrieben, da keine Häufung der Erkrankung gegenüber anderen Atemwegserkrankungen zu erkennen sei und diese sonst leicht aus dem Blick geraten würden. Im Herbst pflegen grippale Infekte gehäuft aufzutreten. Auch Fälle von Scharlach kommen in dieser Jahreszeit vermehrt vor.

Auch hierzulande bislang unbekannte Krankheiten sind infolge der Klimaerwärmung zu einem Risiko geworden und müssen beobachtet werden. Nachdem der Besitzer einer Laube im Bezirk am West-Nil-Fieber erkrankt war, wurde eine Kolonie Hausmücken in Zusammenarbeit mit dem Landesgesundheitsamt eingefangen, die als Überträger der Krankheit ausgemacht werden konnte. Diese Krankheit verläuft meist harmlos und eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht möglich. Die Betroffenen haben zwar Fieber und grippeähnliche Symptome, aber nur in sehr seltenen Fällen kann es auch zu einer Hirnhautentzündung mit tödlichem Ausgang kommen. Um die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, hat das Gesundheitsamt eine Broschüre erarbeitet und eine Veranstaltung in der betreffenden Kleingarten-Kolonie durchgeführt. Da die Mücken ihre Eier in stehenden Gewässern ablegen, wurde empfohlen, Regentonnen abzudecken und Wasser in Vogeltränken und Planschbecken zu erneuern.

Um die Gefahr von schweren Infektionsverläufen abzuwenden, hat jeder Bezirk einen eigenen Seuchen-Alarmplan. Das Gesundheitsamt muss Meldungen an das Landesgesundheitsamt weiterleiten, damit das LaGeSo die Infektionslage bewerten kann. Die Ergebnisse werden vom Robert-Koch-Institut aufbereitet und bundesweit zur Verfügung gestellt. Das Gesundheitsamt nimmt außerdem an Katastrophenschutz-Übungen teil, um in entsprechenden Fällen auch für die Kooperation mit anderen Institutionen wie dem Veterinäramt gerüstet zu sein. In allen Fällen aber bleibt das gut aufgestellte Gesundheitsamt ein unerlässlicher Partner und Akteur.