Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

4.06.2019

Gesänge und Gedränge

Gab es beim ersten Friedenauer Treppenhauskonzert im März 2017 klassische Musik zu hören, stand das zweite ein Jahr später unter dem Motto „Women in Jazz“. Dieses Mal hieß es „Let's Sing!“ - vier Chöre boten ihre Kunst dar.

Albestraße 34. Foto: Sabine Wild

Die Friedenauer Treppenhäuser haben es in sich. Die Bauherren der damaligen Berliner Vorstadt („Nischt wie Jejend“) haben Anfang der Siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts nicht gespart an Stuck und Holzschnitzereien, hier und da sind auch Spiegel an den Hausflurwänden zu finden, und die Treppenaufgänge sind mit Malereien verziert. Bei den 3. Friedenauer Treppenhaus-Konzerten konnte man allerdings feststellen, dass die Treppen selbst ein bisschen schmal geraten sind; mehr als zwei Personen können nicht nebeneinander dort stehen oder gar sitzen, und wehe, es kommt jemand, der im Haus wohnt und nur in seine Wohnung möchte! Aber die Friedenauer, und sicher nicht nur sie, sind wieder herbei geströmt und lassen sich von der Fülle nicht schrecken, sondern stehen notfalls noch im Hauseingang und auf der Straße.

Gab es beim ersten Friedenauer Treppenhauskonzert im März 2017 klassische Musik zu hören, stand das zweite ein Jahr später unter dem Motto „Women in Jazz“. Dieses Mal hieß es „Let's Sing!“ - vier Chöre boten ihre Kunst dar. Nun brauchten die Interpreten mehr Platz. Die 25 Sängerinnen und Sänger aus dem Westerwald mit dem passenden Namen „Divertimento“ (Vergnügen, Unterhaltung und Spaß) hatten das Glück, einen geräumigen Treppenabsatz in der Friedrich-Bergius-Schule am Perelsplatz für ihre Darbietungen  zur Verfügung zu haben. Stuhlreihen boten Platz für die Besucher, man konnte den Interpreten gut zuhören und auch gut zusehen, wie sie mit Temperament und Präzision ihre interessanten Musikstücke vorführten, kleine, übermütige englische und andere Lieder zum Beispiel, die in der guten Akustik der Schule ihre Stimmen hervorragend zur Geltung brachten. Eine schöne Vorführung, die viel Beifall erntete.

Bis ich auf meinem Krückstock vom Perelsplatz zur Albestraße 34 gewackelt war, standen die Zuhörer dort schon bis auf die Straße. Die Treppe zum Hochparterre war mit sitzenden Musik-freunden und -innen dicht besetzt, hinter ihnen standen auf dem ersten Treppenabsatz die Akazien-Grazien, Schöneberger Chorfrauen, die sich einst im Café Bilderbuch in der – ja, Akazienstraße gegründet hatten, und auch die Treppe zum ersten Stock war gut besetzt. Sie sangen sehr schön und passend Frühlingslieder von Schubert und Distler, und auch swingende Rhythmen ertönten. Es gab viel Beifall.

Ab ging's in die Bennigsenstraße. Auch die „Lindgrüns“ aus dem Rixdorfer Kiez, die uns mit Frühlings- und Maienliedern erfreuten, hatten in der Bennigsenstraße 15 einen günstigen Ort für ihre Vorführungen gewählt, eine kleine helle Hinterhoffabrik, in der es Tische und Bänke gab und ein kleines Buffet mit Kaffee, Wein und Wasser; wer musste, konnte im offenen Hof mit etwas Anstandsabstand auch rauchen und dabei den Lindgrün'schen Gesängen und rhythmischen Vorführungen lauschen, die auf einer Art Empore stattfanden – interessant.
Im Nebenhaus erwartete uns wieder ein enges Friedenauer Treppenhaus, gut gefüllt mit Besuchern. Der Kiezchor aus Prenzlauer Berg, Fisch im Wasser, „schwamm“ offenbar im 2.Stock, zu sehen kriegte ich ihn nicht. Dicht an dicht standen die Zuhörer vom Hauseingang bis – ja, wahrscheinlich dicht dem Chor auf der Pelle, das war außerhalb meines Blickfelds. Wir saßen eingekeilt zu Zweit auf den Stufen, es gab kein Durchkommen mehr. Das holzgeschnitzte Treppengeländer, an das ich mich lehnte, hat haargenau das das gleiche Muster wie das in meinem Haus, in dem ich wohne. Offenbar wurden die Geländer zur Friedenauer Gründungszeit sozusagen vom Band hergestellt. „Der Mai ist gekommen“ klang es von oben. Ich wäre am liebsten draußen gewesen und hätte ihn genossen, es war aber kein Entrinnen möglich, bis die Zuhörer im Hauseingang das Feld nach dem Ende des Konzerts räumten. Nichtsdestotrotz waren alle wohl gelaunt und gut unterhalten.

Um jetzt noch einmal auf die engen Friedenauer Treppenhäuser zu sprechen zu kommen, es hilft ja nichts: schönes Singen, enormes Gedränge. Vielleicht sollten die Veranstalterinnen der nächsten Konzerte größere Treppenhäuser aussuchen, die gibt es ja sicher auch in Friedenau zu finden, zum Beispiel in der Bundesallee oder auf dem Südwestkorso. Obwohl es gar nicht so einfach ist, für diese Idee die Hausbesitzer zu gewinnen, wie ich hörte.

Sigrid Wiegand

Der nächste Atelierrundgang der Südwestpassage Kultour findet am 9. und 10. November 2019 statt. Näheres ist zu erfahren unter
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