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13.09.2013

Gertrude Sandmann, jüdische lesbische Malerin und Grafikerin (1893-1981)

„Immer wieder ist Zeichnen für mich ‘Zauber, Zauber’ und - es soll auch so sein: fast unbegreiflich, dass man mit so wenigen Mitteln und Andeutungen das Charakteristische der Erscheinung festhalten kann.“ (1974)

Foto: © HAUS am KLEISTPARK

In einer wohlhabenden assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin aufgewachsen, beginnt Gertrude Sandmann ihre künstlerische Laufbahn mit Zeichen- und Malkursen beim Verein Berliner Künstlerinnen (die Kunstakademie nimmt noch keine Frauen auf), an dem Käthe Kollwitz als Dozentin arbeitete.

Ihr Leben lang kämpft Gertrude Sandmann für die Emanzipation der Frauen. Bereits Anfang der Zwanziger Jahre bekennt sie sich zu ihrer Homosexualität. Sie wird Mitglied im Reichsverband bildender Künstler und im ersten überregionalen Künstlerinnenverein Gedok.

Ab 1933 werden ihre Lebensbedingungen von Tag zu Tag eingeschränkter und bedrohlicher. Die Stimmung dieser Jahre drückt sie in ihren Bildern aus, findet immer aber auch einen Lichtblick, zeichnet eine rosa Hyazinthe, so wie sie riecht, sieht ein helles Detail im finsteren Alltag, erinnert sich an Sommerreisen und Musik, schreibt: „Ich habe jetzt die eine Aufgabe durch diese Zeit durchzukommen. Ich darf jetzt nicht immerfort an das Grauenhafte, Menschenunwürdige denken, das jetzt ständig geschieht, denn es zermürbt u. nichts kann ich damit daran bessern. Nur wenn ich durchhalte, dann vielleicht.“ (1941)

Mit Hilfe ihrer Freundinnen, die sie verstecken und versorgen, erlebt sie gesundheitlich geschwächt das Ende des Krieges. Die Arbeit an ihren Bildern gibt ihr Kraft. Sie arbeitet besessen, bis sie die Bilder fühlt, das Bild innerhalb seiner Grenzen „anfängt zu schwingen“. Sie gehört mit zu den ersten, die nach dem Krieg wieder ausstellen. Aber das ist ihr nicht so wichtig. Zurückgezogen lebt und arbeitet sie in bescheidenen Verhältnissen in einer Atelierwohnung der Eisenacher Str. 89, seit 1956 zusammen mit der Akrobatin und Kraftfahrerin Tamara Streck.

Zu ihrer Grafikausstellung in Düsseldorf, 1974, schreibt Eva Kollwitz, die Enkelin von Käthe Kollwitz, im Vorwort des Katalogs: „Es gibt kein Frühwerk und kein Spätwerk der Sandmann: ein Akt der Zwanzigjährigen ist genauso ein zeichnerischer Wurf, wie er der Achtzigjährigen eigen ist.“

Als Malgrafikerin, so bezeichnet sie sich, entwickelt die Künstlerin ihre eigene Theorie. Sie verbindet die in der Kunsttheorie als hart und männlich bezeichneten Formen und das Malen mit Farbe als das warme, fließende, weibliche. “Es gibt nicht Männer- oder Frauenkunst sondern nur Menschenkunst und zwar von Menschen, die Männliches und Weibliches in sich vereinen”. (1978)

In der Zeit der aufbrechenden neuen Frauenbewegung, knüpft Gertrude Sandmann, 81jährig, die Verbindung zwischen den 1920er und 70er Jahren. Sie unterstützt mehrere Lesbeninitiativen und ist Mitbegründerin der ersten Lesbengruppe der Nachkriegszeit L 74 (Lesbos 1974) und gestaltet für deren „Unsere Kleine Zeitung“ drei Jahre das Titelbild mit ihrer Zeichnung Die Liebenden.

Zwei Retrospektiven, 2009 in Potsdam und 2011 im Schöneberger Haus am Kleistpark, gaben einen Einblick in das mehr als tausend Arbeiten umfassende Werk dieser Künstlerin.

Um die Erinnerung an sie wach und lebendig zu halten, wollen wir, ein Freundinnenkreis, ihr und ihrer Lebensgefährtin, der Akrobatin Tamara Streck, deren gemeinsames Grab nicht mehr existiert, einen Gedenkstein setzen.

Eingeweiht wird der Stein zum 120. Geburtstag Gertrude Sandmanns, am 16. Oktober, um 16.3O Uhr auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof, Großgörschenstr. 12-14, Treffpunkt am Eingang.

Traude Bührmann

Zitate aus den Tagebüchern, entnommen den Jüdischen Miniaturen: Gertrude Sandmann, Künstlerin und Frauenrechtlerin, von Anna Havemann, Berlin 2011

Im Zeichen “zerstörter Vielfalt” ist Gertrude Sandmann aktuell in der Ausstellung „lesbisch, jüdisch, schwul“ im Schwulen Museum Berlin mit einer biografischen Skizze von Claudia Schoppmann vertreten.

Weiterführende Literatur zu Gertrude Sandmann:
Claudia Schoppmann: Finden sie mich oder finden sie mich nicht, in: Zeit der Maskierung, Orlanda Verlag 1993
Anna Havemann: s.oben
Traude Bührmann: www.fembio. org, Porträt Gertrude Sandmann, 2013

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