Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.02.2016

Gerhart Hauptmann, Vor Sonnenuntergang

Premiere im Schloßpark-Theater mit Dieter Hallervorden, Katharina Schlothauer, Franziska Troegner, Achim Wolff u.v.a. Regie Thomas Schendel.

v.l.n.r.: Achim Wolff, Anne Rathsfeld, Harald Effenberg, Dieter Hallervorden, Oliver Nitsche, Maria Steurich, Irene Christ. Foto: DERDEHMEL

Premiere im Schloßpark-Theater, Intendant Dieter Hallervorden will beweisen, dass er auch ein seriöser Schauspieler ist. Zu diesem Zweck hat er auf ein altes Gerhart-Hauptmann-Stück zurückgegriffen und spielt den alten Mann, der sich in eine fast Zwangzigjährige verliebt – vor Sonnenuntergang eben. 1932, als das Stück entstand, war das noch ein Skandal, heutzutage macht man sich eher lustig über die Hefners und Edens; nur falls die Frau die Ältere ist, werden die Kommentare eher hämisch und bösartig. Stehen jedoch Erbschaften auf dem Spiel, ist auf jeden Fall Schluss mit lustig, da verstehen Familien auch heute noch keinen Spaß. So auch in diesem Stück. Kaschiert wird das mit der Sorge um den Gesundheitszustand des alten Vaters, er wird des nachlassenden Verstandes verdächtigt, Entmündigung und Heimeinweisung drohen. Hatte er sich bis hierher erfolgreich gegen die Invektiven seiner Familie wehren können, so bricht ihm dies nun das Genick: er bringt sich um.

Soweit der Plot in Kurzform. Das etwas angestaubte Stück bezieht seine Spannung aus der Frage: wie wird es ausgehen? Wird sich der Patriarch durchsetzen und noch einmal ein neues Leben beginnen können, oder werden die sich sonst untereinander befeindenden Familienmitglieder siegen? Und wird sich die schüchterne junge Frau ihre Liebe zu dem alten Mann gegen alle Anfeindungen bewahren können? Katharina Schlothauer spielt die Rolle der jungen Inken sehr zurückhaltend, als sei sie ihrer Liebe und der Ablehnung der Familie nicht gewachsen. Franziska Troegner überzeugt als ihre besorgte Mutter.
Die Kinder und Schwiegerkinder des Alten vereint die vermeintliche Sorge um den Vater, und doch geht es nur ums Geld. Es ist manchmal nicht so leicht, sie alle auseinanderzuhalten. Hervorragend Achim Wolff als alter Freund Geiger, der sich mit dem alten Clausen gern freuen möchte, aber früh Böses ahnt und es dann doch nicht glauben mag.

Man kann die Rolle des alten Mannes patriarchalisch anlegen. Dieter Hallervorden begegnet als Matthias Clausen, der mit Achtzig noch einmal eine Zukunft für sich sieht, seiner Familie, die ihn schon lange enttäuscht hat, mit dem spöttischen Humor, den wir an ihm kennen und nimmt sie nicht ernst genug, um ihre Gefährlichkeit rechtzeitig zu sehen. Als es dann zu spät ist, bricht er zusammen und gibt auf. Diese Wendung vom spöttisch Überlegenen zum Geschlagenen kommt etwas plötzlich und ist nicht so recht nachzuvollziehen. Darunter leidet auch das Spiel Hallervordens als verwirrter Mensch, der nur noch den Selbstmord als letzten Ausweg sieht.

Dieter Hallervorden hat einen anderen Ton in das veraltete Stück Gerhart Hauptmanns gebracht, der nicht so recht passen will. Er hat doch längst bewiesen, dass er ein seriöser Schauspieler ist, es muss nicht unbedingt King Lear sein.

Sigrid Wiegand

Weitere Aufführungen
von Januar bis April 2016
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