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22.12.2019

Gemeinde in Not

Gedenkveranstaltung in der Kirche Zum Guten Hirten für den Pfarrer Paul Vetter.

Gedenkstein Friedhof Stubenrauchstraße. Foto: Thomas Protz

Bereits zwei Tage nach der nationalsozialistischen Machtergreifung am 30.1.1933 ging der Berliner Theologie-Dozent und Studentenpfarrer Dietrich Bonhoeffer in einem Rundfunkreferat zum Führerbegriff auf Konfrontationskurs zum bevorstehenden Führer-Staat. Er sagte: „Lässt ein Führer sich von dem Geführten dazu hinreißen, dessen Idol darstellen zu wollen – und der Geführte wird das immer von ihm erhoffen – dann gleitet das Bild des Führers über in das Bild des Verführers ... Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes.“

Diese sich bereits abzeichnende Selbstvergottung der Mächtigen wurde schon nach vier Wochen unverkennbar, als eine schnelle Folge von Selbstermächtigungsgesetzen in Kraft trat: Mit der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ wurde das Recht auf freie Meinungsäußerung aufgehoben, Pressefreiheit, Versammlungsrecht und Postgeheimnis beendet. Das „Heimtückegesetz“ definierte Opposition gegen Regierung und Führer-Partei als Feindschaft gegen die Nation. Das „Ermächtigungsgesetz“ schaffte die Kontrolle der Regierung durch das Parlament ab.

Die Verordnung mit dem beschönigenden Namen „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ grenzte die jüdischen Mitbürger als „Nichtarier“ aus. Die Folgen all dieser Anmaßungen sind bekannt.

Für die evangelische Kirche stellte sich die Frage, was das für die lutherische Lehre von der strikten Trennung der zwei Reiche bedeute, des Geistlichen vom Weltlichen. In einem Aufsatz meißelte Bonhoeffer dazu drei Thesen in Stein: „Die Kirche hat den Staat zu fragen, ob sein Handeln von ihm als legitim staatliches Handeln verantwortet werden könne … Sie wird diese Frage heute in Bezug auf die Judenfrage in aller Deutlichkeit stellen müssen … Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören.“ ... „Wenn die Kirche den Staat ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht ausüben sieht, kommt sie in die Lage, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu greifen.“

Bonhoeffer ging diesen Weg weiter bis in die Konspiration und den Märtyrertod im April 1945. Doch viele Pfarrer und Theologen sahen zumindest am Beginn dieses Weges die Gefahr eines Bruchs mit der lutherischen Lehre von der Trennung der beiden Sphären. Und mehr als die Hälfte der Kirchenmitglieder war auf der anderen Seite sogar für diesen Bruch mit dem Trennungsgebot. Im Ergebnis verhalf diese Mehrheit der unter der Kennzeichnung „Deutsche Christen“ auftretenden Überwältigungspartei zur Vereinnahmung der evangelischen Kirche durch den Nationalsozialismus.

In der Christus-Nachfolge bleiben
Das war auch in Friedenau nicht anders. Aus Anlass des 150-jährigen Geburtstages von Paul Vetter (1869-1938), der sich als  einziger von damals vier Gemeindepfarrern nicht vereinnahmen ließ, fand am 14. Oktober auf Initiative von Pfarrer Martins in der Kirche Zum Guten Hirten eine Gedenkveranstaltung statt. In deren Mittelpunkt stand ein Vortrag des Historikers Dr. Buss, der Leben und Wirken des widerständigen Pfarrers in den Blick nahm, dessen Lebenslauf er als „nicht ungewöhnlich“ klassifizierte, bis er während seiner Gemeindetätigkeit in Friedenau (1910-1938) mit dem antichristlichen Barbarentum des Hakenkreuz-Rades konfrontiert wurde.

Ausgangspunkt der Darstellung war die Aufklärung zu vier vor dem Altar aufgestellten Stühlen, auf denen am 14. Oktober 1933 zwei Brautpaare zu einer damals üblichen Doppelhochzeit Platz genommen hatten. Und auf einem dazu auf die Leinwand projizierten Foto wurde sichtbar, dass der männliche Teil der Brautleute die Uniform der nationalsozialistischen SA trug, und dass auch an den beiden Seiten jeweils drei uniformierte SA-Leute standen. Dazu Pfarrer Vetter in Amtstracht bei der Ausübung seiner Amtspflicht. Es wurde anschaulich, in welchen Konflikt Pfarrer und Kirche plötzlich geraten waren. Wurde in der Segnung der Brautleute nicht auch die SA-Uniform gesegnet und damit die dahinterstehende NS-Ideologie? Wurde hier nicht die lutherische Trennlinie zwischen Staat und Kirche überschritten?

Pfarrer Vetter entschied sich in seinem Gewissenskampf ganz so, wie es Bonhoeffer in seinen oben zitierten Thesen gefordert hat. Auch die von falschen Führern Verführten bedürfen des kirchlichen Beistands. Und doch sah er sich zunehmend auch dem Verrat an Luthers Trennungsgebot durch die innerkirchliche Gruppierung der „Deutschen Christen“ ausgesetzt. Den Ton dieser Gruppierung gab Gemeindepfarrer Nobiling an, der bereits seit 1929 der NSDAP angehörte. In seiner Predigt vom 2.Juni 33 war im Guten Hirten zu hören: „Die neuen Führer der Kirche sind treu im Glauben und wollen des Volkes Bestes. Dieses Werk kann aber nur gelingen, wenn das Volk,wenn das evangelische Kirchenvolk nicht abseits steht. Jede Revolution braucht Soldaten, jede Reformation gläubige Kämpfer.“

Während die dem Kirchenleben eher ferner stehenden Gemeindemitglieder sich von den immer öfter anberaumten Aufmärschen, von Fahnenkult und „Gottesfeiern“ anziehen ließen, stützten sich die lutherisch gebliebenen Bewahrer der Trennung von Staat und Kirche auf die Friedensbotschaft und Seligpreisungen der Bergpredigt im Matthäus-Evangelium. Doch wurden die Auseinandersetzungen um den rechten Glauben immer konfrontativer. Hatte etwa Pfarrer Vetter zum Konfirmanden-Unterricht die Hakenkreuzfahnen im Gemeindesaal mit Pappe verhängt, antwortete die Gegenseite prompt mit teilweise tumultuarischen Szenen. Schließlich verweigerte ihm der Gemeindekirchenrat sogar die Räumlichkeiten, so dass er für seine Veranstaltungen auf das Gelände der Gossner-Mission in der Handjerystraße ausweichen musste.

Dabei suchte Pfarrer Vetter im Gegensatz zu seinen Kollegen gar nicht das Licht der Öffentlichkeit. Er war eher ein Kümmerer, der sich Zeit für die Nöte der Einsamen nahm, mit ihnen einzeln betete. Schwerpunkte seiner Sorge waren die Kinder- und Jugendarbeit, die Innere Mission und die Volksspeisung, die sozial Gefährdeten und die Straffälligen. Für diesen eher stillen Dienst an der Gemeinde fand er nun eine bleibende Heimstätte in der Handjerystraße, abseits vom Lärm der NS-Propaganda. Auch als er dem „Pfarrernnotbund“ und später der „Bekennenden Kirche“ beigetreten war , blieb diese Exil-Gemeinde mit ihren mehr als 1.000 Mitgliedern neben der Dahlemer Gemeinde die deutschlandweit stärkste Einheit im christlichen Widerstand.
Hier wurden auch nach dem Tod von Pfarrer Vetter im Jahre 1938, als die Bedrängnisse durch das Regime ihrem barbarischen Höhepunkt entgegengingen, die jüdischen Gemeindemitglieder ausdrücklich zur Teilnahme am Gemeindeleben und auch am Gottesdienst eingeladen.

Auf dem Friedhof Stubenrauchstraße erinnert ein Grabstein an den aufrechten Pfarrer der Gemeinde in Not. Darauf steht zu lesen: „Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.“

Ottmar Fischer

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